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Grant Hart

Grant Hart

NACHRUF

Zum Tod von Grant Hart

The daily blumenau. Thursday Edition 14-09-17.

von Martin Blumenau

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Die erste Assoziation, die mich überkommt, als ich die Nachricht lese, sind große Fenster, die die Sonne reinlassen sollen - die lächelnde Refrainzeile von 2541, Grant Harts erstem Ausrufezeichen als Solo-Artist; und das ist tröstlich. Tröstlich, weil Grant Hart, dieser so in sich versperrte Mann, mir nicht als Teil der Band, die ihn ebenso geprägt hatte wie er sie, gegenübergetreten ist, sondern als solitäre Figur.

Grant Hart ist gestorben, an Krebs, absehbarer Weise, steht im ersten Nachruf, den ich anwähle. Grant Hart aus St. Paul, Minnesota ist tot, es war klar, dass er es nicht ins hohe Alter schaffen würde, aber trotzdem.

Hier ein paar musikalische Eindrücke von einer FM4 Acoustic Session vom 25.11.2010

Und da ein guter Nachruf und da noch einer und da der in der New York Times und der vom Rolling Stone

Und meine zweite Assoziation sind die Schläge, seine Trommelschläge, die New Day Rising einbellen, wild und wuchtig, ewige fünf Sekunden lang, ehe dann das Stimm/Bass/Gitarren-Inferno dieses ersten Noise-Pop-Songs einsetzt, mit dem Hüsker Dü den neuen Tag einläuteten. Hüsker Dü, das Trio aus St.Paul, Minneapolis, dessen Co-Songwriter und Co-Sänger Grant Hart war, das innerhalb kurzer Zeit (nämlich 1982 bis 1987) die amerikanische Rockmusik um einen neuen Strang erweiterte, indem sie Hardcore-Punk und beatleske Songwriter-Elemente mischten und daraus etwas herstellten, was wir heute „Alternative Rock“ nennen. Ja, sie haben’s erfunden, haben die Pixies und Nirvana und in Folge alle anderen angestoßen. Ohne Fröhlichkeit, mit schierer Unerbittlichkeit.

Das ist dann meine dritte Assoziation: Never Talking to You Again, diese bittere Hass-Nummer vom Doppelalbum Zen Arcade, die den prototypischen Grant Hart präsentierte, als von seinen Emotionen gebeutelt, harsch in der Umsetzung. Und so konsequent. Nach der Auflösung von Hüsker Dü, nach dem großen Knatsch zwischen den beiden Projekt-Trägern, herrschte Funkstille zwischen Hart und seinem Konterpart, dem Gitarristen, Co-Sänger und Co-Autor Bob Mould. Ein Schweigen, das erst kürzlich gebrochen wurde, um sich für ein finales Boxset (mit dem Titel Savage Young Dü) zusammen zu tun. Und davor, anlässlich eines Benefizes; bezeichnenderweise auch mit einer gemeinsamen Version von Never Talking To You Again.

Ich habe Grant Hart im Lauf der Jahre, denen von Hüsker Dü und auch danach, als er als Artist in his own right mit diversen Outfits daherkam, öfter gesehen. Und er war immer fertig, am Ende, man musste immer Angst haben, dass er vom Sessel kippt und sich nicht mehr derrappelt. Das hatte auch mit seiner Grundverfasstheit als unmotivierter Kicherer, bei dem Augen, Sprache und Gedanken immer auseinanderdrifteten und auf verschiedenen Ebenen unterwegs waren, zu tun. Aber es hatte auch mit dem Leid zu tun; und den daraus resultierenden Drogen und der daraus resultierenden Sucht.

1987, als ich Hüsker Dü und Hart im Sommer in Holland und im Herbst in Wien getroffen habe, kam die daraus resultierende Zerrüttung innerhalb der Band und die bösen Schatten des bevorstehenden Endes dazu. Und auch die (schlechte) Entwicklung innerhalb dieser paar Monate war augenfällig. Neben dem seine Depression besonnen darstellenden Bob Mould blieb Harts Interpretation des angeschlagenen Rockmusikers immer im hampelmännisch-anarchischen hängen. Und so war man als Außenstehender gedrängt, die Schuld am Ende von Hüsker Dü ihm zuzuschreiben. Das war 1987, als die Pixies ihr erstes Album veröffentlichten und Kurt Cobain Nirvana gründete.

Und da ist dann auch die vierte Assoziation: Don’t Want To Know If You Are Lonely, einer dieser scheinenden Kristalle vom Candy Apple Grey-Album, wo Hart wieder einmal seiner Bitterkeit Ausdruck und die schönst mögliche Form verleiht. Einer, der im Alter von 10 mit dem Schlagzeugspielen beginnt, weil das Kit nach dem Unfalltod seines älteren Bruders so bedrohlich in der Wohnung steht, wird seine Musik immer als „Warum!?“ in die Welt schreien. Das ist ein Ballast, den erst die nächste Generation abwerfen kann. Dave Grohl etwa, der alles was er ist und kann von Grant Hart übernommen hat, zeugen, singen, schreiben, hat das bereits abgeschüttelt.

Genau dieses nicht zu leugnende Leiden an einer Welt, die - noch vor dem Ende des Iron Curtain - immer am Rande des Atomkriegs steht, und die keinen Bedarf sieht, ihre Ungerechtigkeiten wirksam zu bekämpfen und das bis in die kleinsten Einheiten (wie die Familie) hineinträgt, ist bei Hüsker Dü einen unvermeidbaren Dreh zu deutlich im Vordergrund. Zu deutlich für einen Mainstream-Erfolg, der ihren Nachfolgern dann beschieden war. Und dann war da auch noch der Hemmschuh der Homosexualität, mit der (auch der coole Underground, dessen Helden Mould und Hart waren) die Menschen damals noch lange nicht so gelassen umgehen konnten wir heute.

Das alles zischt in diesen ersten Sekunden durch meinen Kopf, all diese Musiken spielen dort, und später noch Books about UFOs oder Terms of Psychic Warfare und The Girl Who Lives On Heaven Hill oder Sorry Somehow, all die Hüsker Dü-Stücke, die mit der trutzigen Grant-Hart-Stimme an den Schutzwänden meiner Empathie kratzen und die sich bewusst in diesen schönen Gegensatz zu den trutzigen und selbstsicheren Bob Mould-Songs setzen. Ich muss dann nachschauen, ob Diane, dieser frühe, düstere Hüsker-Klassiker über Date-Rape, den später Therapy? zu einem Hit gemacht haben, auch von Hart ist. Ist.
Und dann fällt mir ein und auf, dass mein erster Gedanke vielleicht doch trügerisch war. Weil sich außer „2541“ dann doch nichts aus Grant Harts Solo-Arbeit so tief drin in mir festgesetzt hat, dass es sofort ansteuerbar ist in meiner Kopf-Juekbox. Ja, dass er der Admiral of the Sea sein will und ein, zwei verhuschte Auftritte aus den letzten 25 Jahren. Aber es wird sofort zugedeckt, von der aufkommenden Erinnerung, der Assoziation, dem Hund: Pink Turns To Blue, das Stück über das leise und schnelle Kippen in den Junkie-Status, mit dem hingehauchten Refrain.

Später, als ich für dieses Obituary noch ein wenig herumgestöbert habe, kam da noch ein Stück, das mein Kopf gar nicht Grant Hart geordnet hat: Dead Set on Destruction. Und da sagen die ersten Zeilen irgendwie eh alles, übers Leben und überhaupt.

Well I’m standing in the queue
And I can’t stand anymore missing you
And I can’t stand the pain
Cause I can’t get home ’cause of a hurricane

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