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CC BY-SA 3.0 von Peterwuttke~commonswiki https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Austria_Parlament_Front-Ausschnitt.jpg

MARC CARNAL

Die üble Rhetorik der Kandidaten

Marc Carnal ist froh, kein Politiker zu sein!

Da verbringt man täglich fünfzehn Stunden in U-Ausschüssen, Wahlkampfmobilen oder Lehrbetrieben, muss bei zermürbenden Verhandlungen die Contenance und bei Selfie-Terminen den Gesichtsausdruck bewahren, dazu noch dauernd riesige Schecks überreichen, Bänder durchtrennen und Interviews geben, um dann von Millionen Menschen gehasst zu werden. Das klingt nicht gerade nach einer reizvollen job description.

Womöglich kann man unter carnal.at bald auch Rhetorik-Seminare buchen. Bis dahin erfährt man zumindest allerlei über die Aktivitäten des heiteren Autors.

Besonders vor Wahlen ist es kaum zu fassen, wofür sich Politiker kritisieren und verspotten lassen müssen. Sind sie dick, macht man Witze über ihre Körperfülle, sind sie dünn, werden sie als Slim-fit-Politiker apostrophiert. Die Größe von Sinnesorganen, das Alter, die Stimme oder Frisur, der Ehepartner oder das Geschlecht: Jedes noch so hinfällige Detail, jede Schrulle und Jugendsünde, jedes verjährte Zitat und Brillenmodell ist Anlass genug für Shitstorms, runde Tische und Kabarettprogramme.

Betrachtet man die Fülle an Details und Eigenschaften, für die sich Politiker neben ihrem eigentlichen Gewerbe, dem Aushecken politischer Maßnahmen und deren Umsetzung, ohne Unterlass rechtfertigen müssen, ist es doch sehr verwunderlich, dass ein Aspekt kaum erwähnt und kritisiert wird:

Die führenden Politiker Österreichs sind zu einem erschreckend großen Teil katastrophale Rhetoriker.

NLP ≠ Rhetorik

Neben den unzähligen Debatten über Wahlprogramme, Plakatsujets und Koalitionsvarianten wird on- und offline munter über zu lange Krawatten, zusammenhanglose Zitate oder Werbevideos gewitzelt, jeder Halbsatz wird zerpflückt, man entwirft koalitionäre Weltuntergangsszenarien und entrüstet sich über Steuermodelle. Dass die rhetorischen Fähigkeiten der Spitzenkandidaten aber fast durch die Bank desolat sind, scheint niemanden zu stören.

Nicht nur, dass schon der leiseste Nebensatz zu grammatisch höchst dubiosen Verrenkungen führt. Da werden Lehnwörter willkürlich sinnentfremdet, Redewendungen völlig falsch verwendet und dekliniert wird nach dem Zufallsprinzip. Und das sind natürlich nur die basic skills für gelungene Rhetorik. Sie gelingt durch eine Vielzahl an Fähigkeiten und Details. Wer sein Gegenüber beim Sprechen fesseln und überzeugen möchte, muss mehr auf dem Kasten haben als einen NLP-Crashkurs. Ein guter Rhetoriker formuliert gleichzeitig präzise und phantasievoll, kann Pointen setzen, hat ein Gefühl für Tempo und Sprachfluss, variiert dem Anlass angemessen das Vokabular, legt seiner Rede - sei sie einstündig oder eine kurze Antwort - einen gewieften Aufbau zugrunde, überrascht durch originelle Bilder, subtile Zweideutigkeiten oder wohldosierte Flapsigkeit, unterstreicht das Gesagte mit Mimik und Gestik oder konterkariert es ironisch, hat nicht zuletzt Charme und bannt so seine Zuhörer, ganz egal, ob sie seinen Worten zustimmen oder nicht.

War früher alles besser?

Nein! Die rhetorischen Skills von Politikern waren es aber vergleichsweise schon.

Ausnahmen? Erschreckend wenige!

Ich sage nicht, dass die heimische Innenpolitik gar keine guten Rhetoriker zu bieten hätte. Völlig unabhängig davon, ob man dem Inhalt ihrer Worte zustimmt oder nicht, kann man beispielsweise Werner Kogler, Josef Cap oder Herbert Kickl attestieren, in dieser Disziplin zu den Spitzenreitern zu gehören. Es gibt halt erschreckend wenige.

In den meisten Fällen werden leidenschaftslos Fertigteil-Sätze an Phrasenschwein-Jackpots gereiht, mit durchschaubarer Instant-Leidenschaft, also völlig leidenschaftslos, brabbeln die Spitzenkandidaten ihre Agenda runter und sind ein offenes Buch, wenn sie mit Themen konfrontiert werden, für die sie nicht gebrieft wurden. Das Handwerkszeug der Rhetoriker kennen sie zwar offensichtlich von Spin-Doktoren und Rede-Trainings, doch sie zitieren es nur unbeholfen durch Marionetten-Gestik, plumpste Ausweichmanöver oder Mottenkisten-Metaphern.

Jeder Satz ist durchdrungen von der Angst, sich die Komplexität der Welt einzugestehen, alles folgt der Doktrin, einfache Botschaften für vermeintlich einfache Menschen gleichzeitig unmissverständlich und doch vieldeutig aus dem Gestrüpp der komplexen Zusammenhänge zu destillieren, jede Aussage ist ein Eingeständnis sterilen Kalküls. Der freie Vortrag lebt zuerst von der Freiheit, aber gar nichts ist frei beim Sommergespräch oder der Budgetrede, alles ist dutzendfach berechnet, gegengecheckt und strategisch eingezwängt.

Ranking? Warum eigentlich nicht.

Müsste ich die aktuellen Spitzenkandidaten der Parlamentsparteien nach ihren rhetorischen Fähigkeiten reihen, würde das Ranking interessanterweise fast genau umgekehrt aussehen wie in aktuellen Umfragen. Dass offenbar auch schlechte Rhetoriker die Massen zu elektrisieren wissen, spricht dafür, dass den Massen die rhetorischen Fähigkeiten von Politikern völlig wurscht sind.

“ZURECHT!”, werden manche jetzt entgegnen. Man solle einen Politiker gefälligst an seinen politischen Zielen und Errungenschaften messen, aber doch bitte nicht an großen Reden!

Richtig. Anhand ihrer Ziele und Errungenschaften sollte man Politiker vor allem messen. Also anhand dessen, was sie sagen. Aber auch daran, wie sie es sagen!

Auftritte auf Volksfesten und in Nachrichtenstudios sind schließlich nicht die einzigen Gelegenheiten, bei denen eine geschliffene Rhetorik zum Vorteil gereicht. Jede Nationalratssitzung besteht zum Großteil aus Reden. Ich behaupte, die mauen Quoten der Übertragungen rühren nicht nur vom tagespolitischen Desinteresse der Bevölkerung her - Schuld sind auch die fast durchgehend üblen, langweiligen Reden.

Und dann erst die vielen Stunden hinter dicken Flügeltüren! Ohne Unterlass wird da verhandelt, mit den eigenen Parteikollegen, mit dem Regierungspartner, mit der Opposition, mit Politikern aus fernen Ländern, mit Wirtschaftstreibenden, Bankdirektoren oder Gewerkschaftsvorsitzenden. Der politische Arbeitsalltag besteht zu großen Teilen aus der Kunst, andere von etwas zu überzeugen.

Sooo hinfällig ist es also nicht, ob Politiker gute oder schlechte Rhetoriker sind.

Jedenfalls längst nicht so hinfällig wie ihre Schuhe, Essgewohnheiten, Hobbys, Plakatsujets, Frisuren, Affären oder Ohren.

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