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Jerome Bonnet / modds

BUCH

Psychogramm des Terrors

Nichts für schwache Nerven: „Im Herzen der Gewalt“ - der zweite Roman des jungen französischen Erfolgsautor Édouard Louis.

von Philipp L’heritier

Der französische Autor Édouard Louis ist gerade einmal 24 Jahre alt – angesichts dieses Alters ist überraschend, wie abgeklärt seine Bücher sind. Nicht sensationsgeil oder zwangsoriginell, dabei doch in der Schlichtheit radikal.

Édouard Louis kommenden Montag im Wiener Bruno-Kreisky-Forum

Update: Édouard Louis muss seine Lesung in Wien absagen!

Louis’ in Frankreich 2014 erschienener Debütroman „En Finir Avec Eddy Bellegueule“ (zu Deutsch: „Das Ende von Eddy“) war ein sensationeller Erfolg. In dem stark autobiografisch gefärbten Buch erzählt Louis ungerührt und ohne falsche Romantisierung von einer tristen Landjugend. Vom Entdecken der eigenen Homosexualität und davon, dass so ein Leben in der konservativen Provinz voller Erniedrigung, Spott und Gewalt sein kann.

Gerade ist Édouard Louis zweiter Roman „Histoire de la Violence“ bei S. Fischer in der Übersetzung des verlässlichen Hinrich Schmidt-Henkel erschienen: Auf Deutsch trägt das Buch, eine Nuance aufgeregter als im Original, den Titel „Im Herzen der Gewalt“.

Körperhorror

Wieder rückt sich der Autor selbst ins Zentrum, wieder ist es intensiver Stoff geworden:

„Ich begegnet Reda an einem Weihnachtsabend in Paris, auf dem Heimweg von einem Abendessen mit Freunden, gegen vier Uhr früh. Er sprach mich auf der Straße an, am Ende lud ich ihn ein, in meine Wohnung mitzukommen. Dort erzählte er mir von seiner Kindheit und was sein Vater, aus Algerien geflohen, in Frankreich erlebt hatte. Wir verbrachten die restliche Nacht miteinander, unterhielten uns, lachten. Gegen sechs Uhr morgens zog er eine Waffe und sagte, er werde mich töten.“

Buchcover "Im Herzen der Gewalt", eine männliche Silhouette

S.Fischer Verlag

„Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Der Ich-Erzähler, der in „Im Herzen der Gewalt“ ebenfalls den Namen Édouard trägt, trifft, als er leicht angetrunken durch die Nacht stolpert auf einen jungen nordafrikanischen Flüchtling. Er fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, zögert jedoch, versucht, sich einzureden, dass es wohl besser sei, alleine nachhause zu gehen.

Édouard lässt sich jedoch recht schnell von seinen Gefühlen überwältigen. Er nimmt die neue Bekanntschaft mit. Zunächst läuft alles harmonisch: intensive Gespräche, Zärtlichkeiten, Sex, mehrfach.

Später dann, aus nicht ersichtlichem Grund dreht sich die Lage: Édouard wird von seinem Besucher, der wohl weite Teile seiner Geschichte konstruiert haben dürfte, brutal misshandelt, vergewaltigt. Édouard kommt davon, der Täter entkommt.

Schiefe Perspektiven

Autor Édouard Louis rekonstruiert in seinem Roman in Rückblenden und fragmentarischen Erinnerungen, in Sprüngen zwischen den Zeitebenen, vor und zurück, die Ereignisse einer schrecklichen Nacht. Hart und kalt. Der Buchtitel stimmt schon: „Im Herzen der Gewalt“.

In erster Linie verhandelt das Buch den psychischen Schaden, der im Opfer der Vergewaltigung zurückbleibt. Der Schmerz, der Hass. Plot ist etwas, das eben bloß so nebenbei geschieht. Vielmehr verfolgt das Buch im inneren Monolog, die Turbulenzen im Inneren von Édouard. Louis lässt dabei oft die Perspektiven kippen. Was ist tatsächlich, passiert was ist Selbsttäuschung, was ist Verdrängung? Wer spricht?

„Sogar, wenn er Werbung sah auf einem Bus oder einer Häuserwand, ich mein, diese ganzen Fotos von glücklichen Familien, wie sie am Swimmingpool frühstücken, also was die Reklame so als Glück verkaufen will, da hätte er am liebsten ein Messer hergenommen oder egal was, einen Schlüssel aus der Tasche, und die Gesichter zerschnitten (abfackeln hätte ich das wollen).“

Nicht, dass das Buch in Zonen des Surrealistischen oder gar Phantastischen gleiten würde – „Im Herzen der Gewalt“ bleibt der echten Welt und den Menschen, die in ihr wohnen, verhaftet. Dennoch entsteht hier oft ein Effekt der Entfremdung und des Danebenstehens.

Èdouard schaut sich selbst beim Denken und Handeln zu – oder auch beim Erstarren. Er ist der Beobachter und sich nicht immer ganz sicher über die Vorgänge.

Oft wird um die Ecke erzählt: Édouard erzählt, was er seiner Schwester erzählt und wie er belauscht, was sie wiederum darüber ihrem Ehemann erzählt. Aussagen, die Édouard gegenüber der Polizei macht, werden in Frage gestellt. Derlei Passagen tauchen immer wieder auf: „Ich erkannte nicht wieder, was ich selber sagte. Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, als ich sie schilderte […]“.

Panorama, konzentriert

Mit gerade einmal 200 Seiten ist „Im Herzen der Gewalt“ ein schmales Buch geworden, dabei emotional dicht und hochkonzentriert - und auch in seiner Sprache ist der Roman schlank. Édouard Louis berichtet von Verzweiflung und Hilflosigkeit in betont nüchternem und sachlichem Ton.

Er erzählt vom latenten und unverhohlenen Rassismus der Polizei und der Bürokratie, vom Schicksal von Flüchtlingen und ihren meist unzumutbaren Lebensumständen. In notdürftig zusammengetackerten Buden müssen mehrere Männer auf engstem Raum aufeinanderhocken, wenn sie Glück haben, bekommen sie eine Matratze.

Édouard Louis er erzählt von Homosexualität und Aids, in seinen Berichten spielt er immer wieder mit der Zuverlässigkeit des Erzählers: „Meine Tränen waren nicht falsch, mein Kummer war echt. Aber ich wusste, dass ich außerdem die Rolle überzeugen spielen musste, wenn ich wollte, dass man mir Glauben schenkte.“

„Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis ist aufschürfendes Buch. Unaufgeregt und uneitel, dabei rührt es gewaltig im Gemüt. Ein Viertel Annäherung an die Form des Kriminalromans, drei Viertel Dokument des psychischen Terrors: "Nein, ich hatte keine Angst. Ich brachte keinen Satz zustande der, der länger als drei, vier Wörter war. Ich wollte allein sein. Ich wiederholte noch einmal: „Nein, ich habe keine Angst.“

Louis weiß genau, dass er sich auf problematisches Eis begibt, wenn er in seinem Roman einen Flüchtling zum Täter eines abscheulichen Verbrechens macht. Seine Hauptfigur jedoch hegt keine Ressentiments. „Im Herzen der Gewalt“ schaut durch verschieden Blickwinkel und versteht all seine Figuren als Menschen. Dieses Buch weiß was es will und es weiß, dass es keine einfachen Lösungen gibt.

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