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Wortlaut Platz 2: Romina Pleschko

Lukas Lottersberger/FM4

„Am Beckenrand“

Romina Pleschko gewinnt mit einer morbiden Bademeisterin den 2. Platz bei Wortlaut, dem FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb.

Von Zita Bereuter

Romina Pleschko schwimmt gerne. Früher im Verein, seit Jahren nur mehr saisonmäßig. Sechs Monate schwimmen, sechs Monate Pause. Im Winter wird wieder geschwommen. Seit Jahren zur gleichen Musik, die sie via mp3-Player hört. Und weil sie die Bahnen gern für sich allein hat, schwimmt sie vorzugsweise draußen. Zumindest hat sie das in Hamburg so gemacht, wo sie bis vor Kurzem gelebt hat. Soweit der autobiographische Teil ihrer ausgezeichenten Kurzgeschichte „Am Beckenrand“. Die so beginnt:

Geb. 1983 in Gmunden, hat in Wien Schauspiel am Konservatorium bei Elfriede Ott studiert, danach in Hamburg noch eine Ausbildung zur Make-up-Artistin absolviert. Seit 2008 arbeitet sie im Bereich Printmedien, Werbung und Fashionshows. Verheiratet, hat herzlos zwei süße Katzen gegen zwei süße Kinder getauscht. Bis 2016 in Hamburg ansässig, jetzt wieder zurück in Wien und dauerhaft im Stelznkrusterl-Delirium. Sie hat 2017 die Literaturakademie Leonding abgeschlossen und hatte schon 2011 einen Auftritt unter den Top10 bei Wortlaut. Arbeitet gerade an ihrem ersten Roman.

„Hamburg weint. Seit Wochen ist es nun schon untröstlich und geht mir mit seiner Sentimentalität enorm auf die Nerven, denn es ist Juli und demzufolge gibt es keinen Grund zu heulen. Nirgends kann man mehr hin, ohne nass zu werden, dabei würde ich Berufliches so gerne von Privatem trennen.
Im Außenbecken ist nichts los heute, nur der alte Mann mit der knallgelben Badehaube, unter den Kollegen bekannt als der sterbende Zitronenfalter, zieht einsam seine Bahnen. Er windet sich mit einer beeindruckenden Langsamkeit durch das Becken, sein Kraulstil hat etwas Verzweifeltes, regelmäßig bekommt er Nasenbluten und zieht rosa Fäden durch das Chlorwasser. Ich bin immer etwas angespannt, bis er das Becken wieder verlassen hat. Mein letzter Rettungseinsatz ist Jahre her und war enttäuschend unspektakulär, das stattliche Gewicht dieses Mannes könnte eine Herausforderung für meine zarten Muskeln werden.“

Nach ihrer Schauspielausbildung merkt Romina Pleschko, dass sie doch nicht so ein Rampenmensch ist und lieber im Hintergrund agieren möchte, wo sie auch besser beobachten kann. Sie macht eine Ausbildung zur Make-Up-Artistin. Schreiben wollte sie schon immer - „Das war ein Teil, der mitgelaufen ist, aber nicht besonders beachtet worden ist.“

Als Freiberuflerin kann sie in buchungsfreier Zeit schreiben. Allein - die Schreiberei läuft nicht immer leicht. Lieber denkt sie lange über den Plot bzw. die Figuren nach. Sehr lange. In dieser Zeit zweifelt sie an der Idee, glaubt, dass das eh nichts wird. Und langsam baut sich ein Druck auf. „Den muss ich aushalten“. Würde sie gleich ein bisschen rumprobieren, würde ihr die Luft ausgehen. Aber nach zwei bis drei Wochen hält sie den Druck nicht mehr aus – dann schreibt sie. Dann ist eine Figur da. „Bei mir wachsen Figuren, und die entscheiden dann, was passiert.“ Sie schreibt täglich einige Stunden und wundert sich danach selbst, wie das alles entstanden ist. „Ich hab keine Ahnung, wie das ausgeht.“

Der Soundtrack zum Text:

  • Das Trojanische Pferd – Es geht si aus (der Song zum Schreiben)
  • Dendemann - Endlich Nichtschwimmer
  • Sly and the Family – If you want me to stay (erstes Lieblingslied)

In „Am Beckenrand“ schreibt Romina Pleschko über eine Bademeisterin, die möglicherweise eine Doppelgängerin hat, die auf alle Fälle aber ihre eigene Beerdigung plant:

„Ich versuche, nicht weiter über sie nachzudenken und mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren. Die Musikauswahl ist im Prinzip das Allerwichtigste, man möchte sich ja musikalisch gut repräsentiert wissen bei seinem letzten Fest.
Seit Tagen quäle ich mich schon mit der richtigen Liedauswahl und komme zu keinem befriedigenden Ergebnis. Ich schwanke zwischen Händel und Gloria Gaynor, auf alle Fälle muss es etwas Beschwingtes werden. Die Auswahl kann ich auf keinen Fall der Familie überlassen, meine Mutter würde nur wieder den unsäglichen Reinhard Mey bemühen, den ich seit Jahr und Tag nicht ausstehen kann mit seiner Volkshochschuloberlehrerhaftigkeit.“

Wortlaut Platz 2: Romina Pleschko

Lukas Lottersberger/FM4

Fernsehköche als Schreiblehrer

Wenn Romina Pleschko dann mal schreibt, muss es ruhig sein - aber der Fernseher muss laufen. Tonlos allerdings. Vorzugsweise schaut sie Kochsendungen. Am liebsten österreichische.

„Die Liesl Wagner Bacher schaut immer so bös und dann hab ich so den Druck, auch weiterzumachen und mich ein bisschen zsammzureißen und noch zehn Minuten über den Text zu gehen, während sie irgendwelche Kalbshirne mit Safterl begießt." Doch nicht jede Kochsendung eigent sich. "So hysterische Jamie-Oliver-Köche funktionieren gar nicht. Das stresst mich dann auch. Ich brauch so was Angenehmes im Hintergrund.“

Tatsächlich hat sie die Leondinger Schreibakademie besucht und war dort äußerst positiv überrascht. Vor allem die Regelmäßigkeit des Schreibens und die kritische Auseinandersetzung mit Texten haben ihr geholfen. Das Handwerk und das ganze Drumherum habe sie etwas besser gelernt. „Das nicht alles nur so intuitiv passiert, sondern man ein bisserl mehr die Zügel selbst in der Hand hat, was seine eigenen Texte angeht.“

Einladung -  Flyer

Radio FM4

Die Jury - Sebastian Fasthuber (Kulturjournalist), David Fuchs (Wortlautgewinner 2016), Hosea Ratschiller (Kabarettist), Cornelia Travnicek (Autorin) und Yasmo (Rapperin und Autorin) - war beeindruckt. „Am Beckenrand“ überzeugte mit dem „wunderbaren Einstieg“, die Geschichte sei „unterhaltsam“ und „witzig“ mit „ wunderbaren kleinen Bildern“. Dabei aber „morbid“ und „atmosphärisch“ und mit „der einen oder anderen Untiefe drinnen“.

„Schade eigentlich, dass man zu seinem eigenen Begräbnis keine Geschenke mehr entgegennehmen kann. Da organisiert man eine stimmige Feier, vielleicht sogar mit Streichquartett und Fingerfood, und dann hat man gar nichts mehr davon. Ich will ja nicht gierig erscheinen, aber ich habe meinem Bruder und seiner Frau gerade erst um sauteures Geld diese Tragehilfe gekauft, zur Geburt ihres Sohnes, ein scheußliches Ungetüm, die Tragehilfe, mit winzigen Raketen bedruckt. Das passt eigentlich ziemlich gut, denn der Kleine sieht oft aus, als möchte er nichts lieber als davonfliegen. Leider hat mein Bruder jeglichen Realitätssinn verloren, seit er Vater ist. Seit neuestem schreibt er einen Blog im Namen seines Sohnes, also aus der Perspektive eines Säuglings, der ja im Prin¬zip außer aufnehmen und wieder ausscheiden noch nicht viel beherrscht. Das Ganze liest sich doch etwas befremdlich, es wirkt so, als hätte mein Bruder schon seit Jahren nach einer dezenten Möglichkeit gesucht, inkognito, aber öffentlich, über den Milchbusen seiner Frau zu referieren.“

Romina Pleschko gewinnt:

Zur Beerdigung gibt’s keine Geschenke, aber von uns gibt’s welche:

Julius Meinl

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Alle drei Preisgelder werden von Julius Meinl zur Verfügung gestellt.

  • 750 Euro
  • Veröffentlichung im Wortlaut-Buch, das im Herbst im Luftschacht Verlag erscheinen wird.
  • je 100 Euro in Buchgutscheinen, zur Verfügung gestellt von der BUCH WIEN - Lesefestwoche und internationale Buchmesse
  • DER STANDARD Goodie Bag
  • Ein Jahresabo der Literaturzeitung Volltext
  • Ein Jahresabo der Zeitung Datum
  • FM4 Goodies der Saison

Die GewinnerInnen von FM4 Wortlaut 2017

Portraits der drei Erstplatzierten gib es in dieser Woche in der FM4 Homebase.

Der Standard

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mit freundlicher Unterstützung von DER STANDARD. Der Gewinnertext wird im Standard abgedruckt.

Platz 3: Montag, 25.9.
„Donau, Kanal, Treiben“ von Martin Peichl
Platz 2: Mittwoch, 27.9.
„Am Beckenrand“ von Romina Pleschko
Platz 1: Donnerstag, 28.9.

Romina Pleschko liest ihren Text bei der Wortlautparty, wo auch die Texte von Platz 3 und 1 gelesen werden und die anderen großen Zehn ihre Preise erhalten.

Und gleich im Anschluss für 7 Tage im FM4 Player.

Aktuell:

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