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wortlaut 2017

„Grelles Schwarz“ von Vinzenz Dellinger - Platz 1 bei Wortlaut

Mit „Grelles Schwarz“ gewinnt Vinzenz Dellinger Wortlaut, den FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb.

1

Ich wache auf. Die Sonne zeichnet durch die Jalousie ein Streifenmuster an die Wand. Ich schlage die Decke zurück. Mein linkes Bein fehlt. Ich rufe nach Paul. Er kommt ins Zimmer, in der rechten Hand die Zahnbürste.

– Mein Bein fehlt.
– Dein Bein fehlt nicht. Es ist da, genau neben dem anderen.

Er seufzt und verschwindet wieder im Badezimmer. Es nutzt mir nichts, dass Paul sich einbildet, mein Bein sei noch da. Mühsam setze ich mich auf, drehe mich und strecke mein übergebliebenes Bein aus dem Bett. Ich versuche aufzustehen. Es gelingt, aber ich muss mich an der Wand anlehnen. Auf meinem einen Bein, die Wände als Stützen nützend, kämpfe ich mich bis ins Wohnzimmer. Ich lasse mich aufs Sofa fallen.
Der Deckenventilator schleppt sich langsam im Kreis herum. Ich versuche, ihn dabei zu ertappen, wie er einen rhythmischen Fehler macht. Ich hoffe auf ein Flackern, ein Zucken, als wäre ein stockender Venti-lator der Beweis dafür, dass das große Ganze selbst einen Fehler hat, dass die Dinge nicht sein müssen, wie sie sind. Er tut mir den Gefallen nicht.
Paul trägt ein Tablett mit Frühstück herein und stellt es auf den Couchtisch.

– Wirst du zurechtkommen?
– Ja.
– Ich hab’ dich lieb.
– Ich dich auch.

Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Paul ist gegangen. Aus ich liebe dich ist seit einiger Zeit ich hab’ dich lieb geworden. Pauls Augen sagen, ich halt’s nicht mehr aus. Mein Kopf rechnet die dritte Wurzel aus Einunddreißig aus. Dreikommaeinsviereinsdrei …

Im Internet versucht ein Mann, auf einem Fahrrad zu fahren, das nach rechts fährt, wenn man nach links lenkt. Er schafft es nicht. Die eigene Wirklichkeit lässt sich nicht so einfach abändern. Acht Monate täglichen Trainings braucht er, um sein Hirn umzuprogrammieren. Danach kann er nicht mehr mit normalen Fahrrädern fahren.

Der Deckenventilator zerrührt die Stunden zu zähflüssigem Schleim.

Paul kommt nach Hause. Er fragt, ob das Bein wiederaufgetaucht ist. Ich verneine, frage im Gegenzug, ob er endlich etwas von Marie gehört hat.

– Marie ist seit über zwei Jahren …

Ich höre es nicht, meine Ohren fallen schnell genug ab.

2

Ich wache auf. Das Bein ist wieder, wo es hingehört, dafür fehlt mein rechter Zeigefinger. Anstelle des ersten Fingergelenks eine Schnittfläche, glatt und schwarz. Probehalber greife ich mit den übriggebliebenen Fingern in der Luft herum. Befremdlich. Dennoch, ein verlorener Finger ist eine Lappalie. Die meisten Chirurgen sehen davon ab, abgetrennte Finger wieder anzunähen. Ein nicht funktionstüchtiger Finger sei störender als einer, der gar nicht mehr da ist.

In der Küche wartet ein gedeckter Frühstückstisch auf mich. Auf einem Post-it steht musste heute früher raus. Ich habe keinen Appetit, nehme mir nur etwas Kaffee. Das Häferl entgleitet meiner Hand. Es zerspringt mit lautlosem Klirren. Der Kaffee malt einen Pollock an die Wand.

Ich gehe spazieren, um zu testen, ob das Bein auch nichts verlernt hat. Hat es nicht. Unten am Kanal kommt mir eine Frau auf einem Fahrrad entgegen. Sie lässt sich von einem großen weißen Hund ziehen. Schönes Tier. Beim Näherkommen bemerke ich, dass der Hund etwas im Maul hat. Meinen Finger. Die beiden rauschen an mir vorüber. Ich will rufen, halt, der Hund hat meinen Finger.

– Regnif neniem tah Dnuh red tlah.

Meine Zunge macht einen auf umgekehrt lenkendes Fahrrad. Mir wird kalt. Ich muss nach Hause.

3

Ich wache auf. Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich mein linker Unterarm vom Ellenbogen ablöst und taumelnd auf einen schwarzen klaffenden Riss in der Wand zuschwebt. Ich will nach meinem Arm greifen, schreien, dieses Mal nicht! Ich kann mich nicht bewegen, kein Ton kommt über meine Lippen. Ich sehe zu, wie ein Teil von mir genommen wird. Das Loch schließt sich hinter meinem Arm.
Kriechend weicht die Lähmung aus meinem Körper. Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Der Polster neben meinem ist unbeschlafen.

4

Ich wache auf. Es ist Sonntag. Paul ist sichtlich bemüht, gute Stimmung zu verbreiten. Er redet von der Arbeit. Sie haben diese Woche große Fortschritte gemacht mit dem neuen Projekt. Ich antworte ihm nicht. Kann ihm nicht antworten. Meine Zunge fehlt. Vielleicht ist es besser so, funktionstüchtig war sie ja nicht mehr.
Paul hält’s nicht mehr aus. Er will mich anschreien, reißt sich zusammen. Seit über zwei Jahren quält es ihn, quäle ich ihn. Er geht Laufen. Ich rechne mir die vierte Wurzel aus Siebenundneunzig aus. Dreikommaeinsdreiachtzwei …

Kanaldeckel sind kreisrund, damit sie, egal wie gewendet, nicht in das Loch fallen, das sie verschließen sollen. Zungen sind keine Kreise. Zungen können dir in den Rachen rutschen. Zungen können dich ersticken.

Ich atme tief durch, versuche den Deckenventilator durch plötzliches Aufschauen zu überraschen. Er hat damit gerechnet, dreht sich gleichmäßig weiter. Das große Ganze bleibt intakt. Aber ich weiß, Verschwundenes taucht wieder auf. Meine starre Wirklichkeit. Schlüssel, Handys, Körperteile und auch Menschen tauchen wieder auf. Alles, was ich bis dahin tun muss, ist, nicht an meiner Zunge zu ersticken.

5

Ich wache auf. Es ist nur noch mein Kopf übrig, der Rest von meinem Körper fehlt. Über mir an der Decke tun sich Risse auf, werden mehr und mehr, laufen in einer schwarzen Mitte zusammen. Ein Loch, das aufreißt und wächst, bis es mich gänzlich verschluckt hat.
Stille. Es dauert – kurz – lang – ewig – nicht. Ich erkenne etwas in der Ferne, das schnell, wie von Geisterhand geschoben, näherkommt. Es sind sämtliche meiner Körperteile, einzeln auf einen Haufen zusammengeworfen.
Schritte nähern sich, kleine tapsende Kinderschritte. Marie kommt herangetrappelt. Sie kniet sich neben den Haufen und fängt behutsam an, meinen Körper zu sortieren. Sie streichelt über meine Arme, dreht jeden meiner Finger einzeln in ihren kleinen Händen, legt ihren blonden Kopf auf meine Brust. Sie beginnt, die Einzelteile zusammenzubauen. Sorgfältig kontrolliert sie, ob die Gelenke auch tun, was sie tun sollen. Mit kindlicher Konzentration, ganz aufgehend in ihrem Tun, bis mein Körper komplett vor ihr liegt. Sie legt beide Hände über meine linke Brust. Ein Zittern. Langsam erhebt sich mein kopfloser Körper.
Meine Zunge kratzt über den Gaumen. Ich öffne den Mund. Meine Stimme ist brüchig.

– Papa sagt, dass du …
Ich schlucke.
– Papa sagt, dass du …

Meine Tochter lächelt mir zu, es macht nichts Mama. Sie nimmt meinen Körper bei der Hand und beginnt zu gehen. Langsam werden die beiden immer kleiner, bis sie schließlich ganz im Dunkel verschwinden.

Ich muss die Augen schließen, das Schwarz ist zu grell.

Das Wortlautbuch

Wortlaut Buch 2017

Radio FM4

Zita Bereuter, Claudia Czesch (Hrsg.): FM4 Wortlaut 2017 - GRELL. Mit Texten von: Vinzenz Dellinger, Barbara Fohringer, Lukas Gmeiner, Verena Keßler, Lea Moser, André Patten, Martin Peichl, Romina Pleschko, Amos Postner und Sascha Preiß, Luftschacht Verlag 2017.

Erhältlich im FM4-Shop, sowie im guten Buchhandel.

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