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Michael Bonvalot

West-Ukraine: Zwischen Alt-Österreich und Hakenkreuz

Vor allem seit Beginn des Krieges ist die West-Ukraine eine Hochburg der Rechtsextremen.

Von Michael Bonvalot

„Und die vier Haken stehen für Feuer, Erde, Wasser und Luft“, erklärt der Verkäufer, während ich den Anhänger mit dem Hakenkreuz betrachte. Wir stehen im Zentrum von Lviv, ukrainisch für Lemberg. Gleich vor der Oper findet gerade eine Buchmesse statt, zahlreiche Verkaufsstände sind aufgebaut.

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Am Schmuckstand, der ebenfalls Teil der Messe ist, steht der Verkäufer mit seinem Stand. Er ist um die 50, auf dem Kopf trägt er einen skurrilen Wikingerhelm aus Plastik. Ganz offen bietet er Hakenkreuze, Sonnenräder und andere NS-Symbole als Anhänger für Halsketten an.

Er will mir weiter die angeblich esoterische Bedeutung der verschiedenen Symbole erklären, doch wir wissen beide sehr gut, worum es in Wirklichkeit geht. Denn als ich frage, ob ich die Anhänger fotografieren dürfte, schüttelt er schnell den Kopf. Und es ist klar: Das Foto ohne seine Erlaubnis anzufertigen, wäre keine gute Idee.

Vorsicht ist geboten

Auch Nastia, meine ukrainische Begleiterin warnt mich: „Solche Konflikte werden hier sehr schnell gewalttätig“, sagt sie. Nur wenige Meter weiter steht bereits ein Stand einer rechten nationalistischen Organisation. „Diese Leute wollen eine Groß-Ukraine, deutlich größer als das heutige Staatsgebiet“, erklärt Nastia. Ihren vollen Namen will die junge Frau nicht in der Zeitung lesen. „Das könnte gefährlich werden“, sagt sie.

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Eine überdimensionale Landkarte beim Stand bestätigt, was Nastia erzählt: Teile von Moldawien, Polen, Rumänien, Russland, der Slowakei und Weißrussland werden hier als ukrainisches Gebiet geführt. Gleich gegenüber haben auch Soldaten ein Zelt aufgestellt. Die beiden Stände scheinen zusammen zu gehören.

Kameradschaft in Afghanistan

Einer der Soldaten ist bereits etwas älter. In sein Mikrofon singt er ein Lied über Treue und Kameradschaft, wie Nastia übersetzt – und er meint damit den Krieg der Sowjetunion in Afghanistan. Die ganze Geschichte und Zwiespältigkeit des ukrainischen Nationalismus wird hier offenbar.

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Einerseits die wichtige Rolle, die Millionen von Soldaten aus der Ukraine für die Rote Armee gespielt haben, nicht zuletzt auch beim Sieg über die Nazi-Wehrmacht. Andererseits die Abgrenzung von der Sowjetunion – die bei vielen ukrainischen NationalistInnen zum positiven Bezug auf den Nazi-Faschismus führt.

Gespaltene Gefühle

Diese Zwiespältigkeit zeigt sich bereits bei der ersten Fahrt in die Stadt. Das riesige Denkmal, das den Sieg über den Nazi-Faschismus feiert, steht noch, wenn auch leicht beschädigt. Sogar das sowjetische Wappen leuchtet in voller Pracht. Der Schriftzug wurde allerdings verändert, die Buchstaben mit dem Bezug auf die gemeinsame sowjetische Geschichte sind nur noch als Schatten im Gestein zu erkennen.

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Michael Bonvalot

Die Innenstadt von Lemberg wirkt für mitteleuropäische BesucherInnen dann sehr vertraut. Die Gebäude, die Architektur, die Struktur. Schmale Gassen, hier Mittelalter und Barock, da Gründerzeit, dort ein klassizistisches Gebäude. Es ist malerisch, manchmal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es könnte auch ein Spaziergang durch eine Altstadt irgendwo in Österreich sein – wobei Lemberg mit über 700.000 EinwohnerInnen keineswegs eine Kleinstadt ist.

Diese Vertrautheit sollte nicht überraschen. Schließlich war das Lemberg bereits ab 1772 und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein Teil der Habsburgermonarchie. Die Reichen der Stadt profitierten von der Rolle von Lemberg als Handelsmetropole und Hauptstadt des Kronlandes Galizien. Prächtige Gebäude entstanden, nachgeeifert wurde vor allem dem Vorbild der damaligen Reichshauptstadt Wien, die nicht einmal 800 Kilometer entfernt ist.

Vertraute Stadt

Eine Besonderheit gibt es allerdings: Hier wetteifern mehrere christliche Kirchen um die Gunst der Gläubigen, neben der katholischen Kirche gibt es mehrere orthodoxe Kirchengemeinschaften. Der Konkurrenzkampf führte nicht zuletzt zu besonders prächtigen Sakralbauten. Auch eine armenische Kathedrale gibt es, bereits im 14. Jahrhundert erbaut für die traditionelle armenische Minderheit im damals polnischen Lemberg.

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Lemberg war über Jahrhunderte multikulturell geprägt. Die Mehrheit der Bevölkerung war polnisch, dazu kamen UkrainerInnen und Deutschsprachige. Ein gutes Drittel der Bevölkerung war jüdisch. Davon ist heute nur noch wenig zu sehen – hunderttausende Menschen aus dieser Region wurden im Holocaust von den Nazis und ihren ukrainischen Verbündeten im Holocaust ermordet.

(Achtung, dieses Video enthält brutale Szenen von Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung von Lemberg)

Reste der Synagoge

Auch die große Synagoge im Stadtzentrum wurde niedergebrannt. An ihrer Stelle steht heute ein offenbar neues und gut gepflegtes Denkmal – auf einigen der Gedenksteine sind allerdings faschistische und antisemitische Aufkleber und Aufschriften zu finden.

Ein Bild, das sich in der ganzen Stadt wiederholt. An vielen Hausmauern rechtsextreme Parolen, Keltenkreuze, Hakenkreuze, Sonnenräder. Dazu immer wieder die rot-schwarzen Farben der ukrainischen NationalistInnen. Es ist offensichtlich: Lemberg ist eine Hochburg der extremen Rechten.

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Wer nicht mitmacht, kann Probleme bekommen. Dieses Video etwa zeigt einen Trupp Faschisten, es soll in Lemberg aufgenommen worden sein. Ein Junge wird dazu gezwungen, seine Jacke auszuziehen, danach wird sie schwarz angesprayt. Sein „Vergehen“: Er trug eine rote Jacke, für die Faschisten ist bereits die Farbe ein Grund zum Übergriff.

Rechte Hochburg

„Ah, Du fährst nach Banderstadt“, sagt Andriy, ein antifaschistischer Aktivist aus der Hauptstadt Kiew, den ich vor meiner Reise in die Westukraine kontaktiere. Auch er will seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Banderstadt, so wird Lemberg in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion oft genannt.

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Es ist ein Hinweis auf den Status von Stepan Bandera. „Er ist der Held der ukrainischen extremen Rechten, populär ist er vor allem im Westen des Landes“, erzählt Andriy. Bandera engagierte sich bereits in jungen Jahren in der weit rechten „Organisation ukrainische Nationalisten“ (OUN) und arbeitete ab 1939 mit der Wehrmacht zusammen. Seine OUN ist verantwortlich für Massenmorde an PolInnen, JüdInnen und KommunistInnen. (Die Region um Lemberg gehörte bis 1939 zu Polen.)

Die OUN war es auch, die 1941 unter dem Schutz der Wehrmacht in Lemberg ein Pogrom organisierte, wo tausende Jüdinnen und KommunistInnen gedemütigt, gefoltert und ermordet wurden. Später zerstritt Bandera sich allerdings mit den Nazis, es war die klassische innerfaschistische Rivalität.

Führer gegen Führer

Er wäre gerne Führer in der Ukraine geworden, das wollte der große Konkurrenz-Führer in Berlin dann doch nicht zulassen. Bandera kam in Haft, doch es war eine Sonderbehandlung in einer gut ausgestatteten Zelle. 1944 wurde er sogar wieder freigelassen und organisierte danach nochmals Truppen in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht.

Noch bis in die 1950er Jahre organisierten die OUN und ihr militärischer Flügel, die Ukrainische Aufständische Armee (UAA), dann einen blutigen Guerilla-Krieg gegen die sowjetische Regierung. Die hügelige und dünn besiedelte Landschaft im Westen der Ukraine war wie geschaffen für solche Aktivitäten.

Und bis heute dürfte die OUN/UAA in den ländlichen Gebieten der Westukraine sehr populär sein. Oft hängt an der Dorfeinfahrt die rot-schwarze Fahne der Nationalisten, wie eine Fahrt durch das Land zeigt.

Superstepan

In Lemberg gibt es Bilder von Bandera heute in jedem Souvenirshop zu kaufen, sogar T-Shirts von „Superstepan“ im Look von Superman wären erhältlich. Der Slogan „Banderstadt“ ist an Hauswänden ebenfalls immer wieder zu sehen, zumeist gemeinsam mit dem faschistischen Keltenkreuz.

Auch der aktuelle Krieg zwischen der Ukraine und Russland wird vielerorts mit dem Krieg der Bandera-Truppen und der Wehrmacht gegen die Rote Armee verknüpft. Auf einer Hausmauer etwa eine Wandmalerei mit der Aufschrift „Im ehrenden Angedenken an die Helden der UAA“, darunter das Bild eines ehemaligen UAA-Soldaten und eines Militärs der modernen ukrainischen Armee.

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Der Eindruck verfestigt sich in einer der Kathedralen in der Altstadt. Bilder von Gefallenen der „Antiterroristischen Operation“ wie der Krieg im Osten des Landes offiziell heißt. Zentral positioniert neben den Bildern der Toten: Jesus in den Farben der Ukraine, Kriegsgerät und die rot-schwarze Fahne.

Auch in Kiew finden sich an vielen Ecken der Stadt rot-schwarze Fahnen und faschistische Aufschriften. Gleichzeitig stehen all diese Eindrücke keineswegs stellvertretend für die Lage in der gesamten Ukraine.

Schatten des Krieges

Vor allem im Osten sind Bandera und die OUN keineswegs unumstritten und werden von großen Teilen der oftmals russischsprachigen Bevölkerung als Kriegsverbrecher abgelehnt. Die Wehrmacht und die OUN waren im Zweiten Weltkrieg auch Todfeinde für Millionen von UkrainerInnen, die auf Seite der Roten Armee kämpften.

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Gleichzeitig dürfte der Krieg im gesamten Land das politische Koordinatensystem verändert haben. „Auch viele russisch-sprachige Menschen im Osten beginnen nun bewusst, ukrainisch zu sprechen“, erzählt Nastia, die selbst aus dieser Region stammt.

„Es ist eine sehr ukrainisch-patriotische Stimmung, eine Form von nation-building über den Krieg“, meint sie. Zu dieser Veränderung beigetragen haben wohl nicht zuletzt auch die zahlreichen Flüchtlinge des Krieges. Viele sind in andere Landesteile geflüchtet, viele aber auch nach Russland.

Dem Wahnsinn entgegentreten

Und schließlich gibt es überall auch jene, die den nationalistischen Taumel nicht mitmachen wollen. Andriy etwa ist bereits seit Jahren in antifaschistischen Strukturen in Kiew aktiv. „Wir müssen diesen Wahnsinn doch etwas entgegensetzen“, meint er. Er erzählt, dass es schon öfter Drohungen gegen ihn gegeben hat. „In bestimmten Vierteln der Stadt kann ich mich bewegen, doch andere sind No-Go-Areale für mich.“

Nastia hofft bei unserem Gespräch in Lemberg auf eine bessere Zukunft: „Es sollte völlig egal sein, ob jemand ukrainisch oder russisch spricht. Der Krieg überdeckt auch die zahlreichen sozialen Probleme, etwa die schnell steigenden Preise.“ Ihr Wunsch für die Zukunft: „Entscheidend wäre, den Nationalismus auf allen Seiten zu überwinden. So kann es auf keinen Fall weitergehen.“

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