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Blade Runner 2049

Sony

Neo-Noir-Narkose

Denis Villeneuve verbeugt sich mit „Blade Runner 2049“ vor dem kultisch verehrten Original. Und beschreitet gleichzeitig ganz eigene Wege.

Von Christian Fuchs

Es handelt sich wohl um eine der ikonischsten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte. Ridley Scotts Science-Fiction-Meilenstein „Blade Runner“ beginnt mit einem nächtlichen Flug über die futuristische Stadtlandschaft von Los Angeles. Die gigantischen Häuserschluchten, erleuchtet von überdimensionalen Neonreklamen und in der Ferne brennenden Raffineriefeuern, sehen bedrohlich aus. Aber vor allem auch atemberaubend schön.

Diese Ambivalenz, die den gesamten, von seinen Fans kultisch verehrten Film durchzieht, passt zum Entstehungsjahr 1982. Damals, am Höhepunkt der New-Wave-Ära, regiert eine Umwertung der Werte die Popkultur. Alles Kalte, Dunkle und Artifizielle wird plötzlich verherrlicht, man suhlt sich im Glamour des Untergangs. Ridley Scott greift als einer der wenigen Hollywood-Regisseure den dekadenten Zeitgeist auf. Und er lässt im Neo(n)-Noir-Drama „Blade Runner“, sehr frei nach dystopischen Motiven des Autors Phillip K. Dick, die beunruhigende Zukunft sexy aussehen.

Der futuristische Existentialist: Philip K. Dick

53 Jahre alt ist Philip K. Dick geworden, der heute unumstritten zu den wichtigsten Science-Fiction-Autoren ever gezählt wird. Wie viele Schriftsteller erwischte ihn der Ruhm erst posthum, zu Lebzeiten war er nicht selten pleite.

Seinen ärmlichen Lebenstil merkt man den Büchern von Dick auf zweierlei Weise an. Zum einen war der Autor stets gezwungen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Wir haben es also mit Science Fiction als Massenliteratur zu tun, die sich ganz unprätentiös dem Genre und all seinen Klischees verschreibt.

Zum anderen schlug sich das soziale Herumwurschteln des mittellosen Philip K. Dick aber in seinen Ideen und Figuren nieder. Da gibt es keine todesmutigen Raumschiffkapitäne oder edlen Eroberer des Kosmos. Sondern nur ganz durchschnittliche Alltagsverlierer, die mit Problemen wie Geldnot, unwürdigen Jobs oder ihren kaputten Beziehungen kämpfen. Nur eben in einer fernen Zukunft.

Viel mehr noch als ein verkappter Sozialkritiker ist Philip K. Dick aber der Franz Kafka unter den Pulp-Autoren. Da, wo es seinen Charakteren ohnehin schon schlecht geht, zieht er ihnen den Boden ganz unter den Füßen weg. Da ist die ganze Existenz von Personen nur vorprogrammiert, da sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Wirklichkeit und Wahn immer verschwommen.

Auch wenn der Horror der Vorlagen in schmalzigen Happy Ends verlorengeht, auch wenn aus kleinen Antihelden protzige Helden werden: Das Kino verdankt Philip K. Dick viel. Siehe Paul Verhoevens spannenden Blockbuster „Totall Recall“, Richard Linklaters psychedelisches Experiment "A Scanner Darkly“ und vor allem Ridley Scotts hypnotischen „Blade Runner“. Dicks Vermächtnis ist der Blick in eine dunkle, verregnete Zukunft, beherrscht von feindlichen Technologien, regiert von Paranoia. Luke Skywalker würde in dieser Welt keinen Tag überleben.

Blade Runner

Warner

Denis Villeneuve als bestmögliche Wahl

Die Verherrlichung des Düsteren vereinnahmt den ganzen Film. Obwohl der Titel-(Anti-) Held, ein verbitterter Detektiv namens Rick Deckard, als tragischer Protagonist durch den Großstadtdschungel irrt, kann man sich vorstellen, wie anziehend Harrison Ford mit seinem Trenchcoat und der Kurzhaarfrisur auf wavige Nachwuchsmusiker und studentische Bohèmiens wirkte. Ganz abgesehen von den weiblichen Figuren des Films, die wahlweise wie von einer Gaultier-Fashionshow oder einer angesagten Postpunkband entsprungen wirken.

„Blade Runner“ ist, wenn man den philosophischen Unterbau einmal ignoriert, ein reines Fest für die Augen und Ohren, im Zeichen des ruinösen Chic. Unzählige andere Filmemacher, von Luc Besson bis zu den Wachowski-Geschwistern, folgten dem Vorbild von Ridley Scott, bisweilen auf viel oberflächlichere Weise – und präsentierten das drohende Ende der Zivilisation in ihren Actionthrillern ebenfalls als Style-Inferno.

Man hätte das Sequel zu diesem einzigartigen Werk im schlimmsten Fall in die Hände eines Regisseurs legen können, der den Look des Originals einfach modisch überhöht und die Substanz verschenkt, siehe aktuelle Blockbuster á la „Ghost In The Shell“. Aber Denis Villeneuve, der strenge Schöpfer von großartigen Filmen wie „Sicario“ oder „Arrival“, erweist sich als bestmögliche Wahl. „Blade Runner 2049“ kommt als höchst ernsthafte Verbeugung vor dem innovativen Vorgänger daher und wagt es dennoch ästhetisch und inhaltlich eigene Wege zu beschreiten.

Leben und Sterben im L.A. der Zukunft

Gleich die Anfangsszene setzt diesbezüglich eine deutliche Zäsur. Schmerzhafte Helligkeit dominiert statt der beschriebenen verführerischen Dunkelheit. Wir fliegen bei Tageslicht über eine apokalyptische Hi-Tech-Wüste, die sich früher einmal „Südliches Kalifornien“ nannte. Dreißig Jahre nach dem ersten Film scheint die Welt endgültig dem Untergang geweiht, der ständige Regen ist einem Dauerschneefall gewichen, viele Reiche flüchteten bereits auf fremde Planeten.

Auf der Erde sind noch immer Blade Runner als Replikantenjäger im Dienst. Zwar wird seit einer Initiative des Multimilliardärs Niander Wallace (Jared Leto als gespenstischer Poseur) eine brandneue ungefährliche Generation künstlicher Menschen als Arbeitssklaven eingesetzt. Aber einige unberechenbare alte Modelle verstecken sich noch irgendwo draußen in den Slums. Officer K (Ryan Gosling im somnambulen „Drive“-Modus) vom LAPD ist einer dieser Jäger, der allerdings, wie wir gleich in den ersten Minuten erfahren, selbst über ein mechanisches Innenleben verfügt. Eines Tages stößt er bei einem Exekutionsauftrag auf eine unfassbare Entdeckung.

Die Geschichte, die der Film dann in einem Tempo aufrollt, das an den elegischen Rhythmus des Originals anschließt, ist trotz einiger Wendungen eigentlich sehr simpel. Coautor Hampton Fletcher, der auch das Drehbuch zum früheren „Blade Runner“ geschrieben hat, benutzt die schlichte Story aber als Gefäß. Er füllt den Film mit unzähligen, oftmals berührenden Reflexionen über das Künstliche und den Verlust des Realen, Entfremdung und Humanität, über Leben und Sterben im L.A. der Zukunft.

Blade Runner 2049

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Melancholischer Maschinenmensch auf Sinnsuche

Der schlichtweg geniale Kameramann Roger Deakins verpackt die existentialistischen Gedanken in atmosphärisch ungeheuer dichte und farblich berauschende Szenarien. Das spezielle „Blade Runner“ Feeling flackert auf, aber stark verfremdet und gebrochen. Denis Villeneuve hat kein Interesse an Retromania und reiner 80ies-Nostalgie, das wäre ihm zu offensichtlich gewesen. Wo sein britischer Kollege Ridley Scott, auch aus Kostengründen, auf klaustrophobische Enge, Nebel und diffuses Licht setzte, beeindrucken die Bilder des Kanadiers mit kristalliner Klarheit, Monumentalität und Weite.

Wenn K alias Ryan Gosling, der als melancholischer Maschinenmensch sinnsuchend durch die urbane Wüste taumelt, letztlich seinen Vorgänger Rick Deckard trifft, mutiert das ambitionierte Epos endgültig zu einem Pflichtfilm des Jahres. Seine einstige jugendliche Präsenz noch übertreffend, liefert Harrison Ford einen aufwühlenden Gänsehaut-Auftritt, der seine Popcorn-Charaktere Han Solo und Indiana Jones vergessen macht.

Aber auch zwei Frauen brennen sich in die Erinnerung ein: Die Holländerin Sylvia Hoeks fesselt als eisiger weiblicher Terminator im Auftrag der Wallace-Corporation, die aus Kuba stammende Ana de Armas verleiht der etwas undankbaren Rolle einer Virtual-Reality-Gespielin vielschichtige Züge.

Blade Runner 2049

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Sieht man vom dröhnenden Synth-Soundtrack des omnipräsenten Hans Zimmer ab, der die Eleganz und Eingängigkeit des legendären Vangelis-Scores in keinster Weise erreicht, muss man „Blade Runner 2049“ als Triumph bezeichnen. Man möchte in diesem narkotisch dahinschleichenden Film versinken, will den Kinosaal auch nach 163 Minuten Laufzeit nicht verlassen. Denis Villeneuve hat, wie einst Ridley Scott, ein Meisterwerk des erwachsenen Sci-Fi-Kinos geschaffen.

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