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Maßband am Bauch

CC0 - Public Domain

Das falsche Bild im Spiegel

Delphine de Vigan erzählt in ihrem Roman „Tage ohne Hunger“ vom Kampf einer jungen Frau gegen die Magersucht.

Von Lisa Schneider

„Es war etwas außerhalb von ihr, das sie nicht zu benennen wusste. Eine stille Kraft, die sie blendete und ihre Tage bestimmte. (...) Und dann hatte sich die Kälte in ihr ausgebreitet, eine unglaubliche Kälte. Diese Kälte, die ihr sagte, dass sie am Ende angelangt war, dass sie zwischen Leben und Sterben wählen musste.“

Buchcover "Tage ohne Hunger"

Dumont

„Tage ohne Hunger“ ist in einer Übersetzung von Doris Heinemann bei Dumont erschienen.

Laure sieht in den Spiegel, erkennt sich aber selbst nicht wieder. Sie ist 19 Jahre alt, und sie leidet an Magersucht. Die Knie schlagen gegeneinander, es gibt ganze Tage, an denen sie sich nicht hinsetzen kann, weil die Knochen am Gesäß sie schier durchbohren. Zusammenbrüche beim Spazierengehen, in der U-Bahnstation. Schließlich weist sie sich selbst in eine Klinik ein, wo sie drei Monate mit einer Nasensonde künstlich ernährt wird.

Die Kontrolle aufzugeben ist beinahe unerträglich, andererseits bietet ihr gerade das karge Krankenhauszimmer eine ungeahnte Sicherheit. Hier herrschen strenge Regeln, das Abendessen kommt um sechs Uhr, danach ist das Licht aus. Laure muss nicht an ihren eigenen Fesseln festhalten, sie muss sich nicht kümmern, es wird sich gekümmert.

Schon am ersten Wochenende, an dem sie erstmals wieder nachhause darf, nimmt sie wieder ab. Die Sicherheit ist weg. Das Leben, wie sie es gekannt hat, holt sie wieder ein. Die folgende Rückkehr ins Krankenhaus fühlt sich mehr wie ein Nachhausekommen an als umgekehrt.

Sie kommt langsam

In Rückblenden erzählt Laure von der sich schleichend ausbreitenden Krankheit. Von ihrer Familie, von der depressiven Mutter, vom cholerischen Vater, von ihrer kleinen Schwester, die sie im Stich gelassen hat. Sie sei jetzt „krank wie alle anderen“, wie der Rest der Familie. Abschaum. Der Vater beschimpft sie als „Made im Speck“, im Krankenhaus wird sie von ihm nicht besucht. Die Mutter kommt zwei, dreimal vorbei, bleibt aber still.

Alles hat mit ein bisschen Liebeskummer, mit einer scheinbar harmlosen Diät im Frühling begonnen, um die Bikinifigur rechtzeitig zu erlangen.

„Sie fühlte sich immer besser, immer leichter und auch immer reiner. Sie wurde stärker als der Hunger, stärker als ihre Bedürfnisse.“

Die Krankheit wird zur notwendigen Lebensform. Ohne sie gibt es keinen Anhaltspunkt, kein Ziel, keine Aufgabe. Keine Daseinsberechtigung. An einer Stelle, im Streit, schreit sie einen Freund an und erklärt ihm, sie wolle sterben. Er meint daraufhin, wenn sie das wollen würde, hätte sie es viel schneller getan. Sie wüsste, wie, sie müsste sich nicht so quälen. Es ist die Krankheit, die sie einerseits leben will, die sie andererseits auslöschen soll.

Delphine de Vegan

Delphine Jounandeau

Delphine de Vigan

„Sie will nicht gesund werden, weil sie nicht weiß, wie sie anders leben soll als mithilfe dieser Krankheit, von der sie auserwählt wurde, von der in den Zeitungen und Kolloquien die Rede ist, es ist eine blinde, dunkle Suche, bei der sie von anderen begleitet wird, anonymen und schwankenden Komplizen eines stummen Verbrechens gegen sich selbst.“

Der Feind im Körper

Laure erkennt ihren Körper als Feind, jedes Kilo, jedes bisschen, das von ihr zu viel ist. Und das, obwohl sie bei Mitpatientinnen sehr wohl Abscheu vor den abgezehrten Körpern empfindet. In einem Moment freut sie sich, dass ihre Brüste wieder Form annehmen, vergleicht sich selbst mit den gesunden, schönen Krankenschwestern, mit ihren Rundungen. Laure kämpft gegen sich selbst und erkennt sich gleichzeitig nicht wieder, und das ist das Absurde: gemeinsam mit ihrem Vertrauten, Dr. Brunel, verteidigt sich Laure gegen sich selbst. Als lebten in ihr zwei Versionen einer Person, und sie muss beide soweit von einander entfernen, dass eine Entscheidung überhaupt erst möglich ist.

In einem Brief an ihren Arzt erzählt sie von einem Alter Ego, von einer Frauenstimme, die sich an ihrem Leid ergötzt und sie trotzdem immer weiter hineintreibt. Laure weiß, dass sie krank ist, und sie weiß, was gesund ist. Trotzdem kann sie nicht ablassen.

„Sie hatte aufgehört, sich zu sehen. Es war zu spät. Weder Angst noch Aufbegehren konnten sie noch erreichen. Sie fühlte sich gut. So viel leichter. Sie wollte nicht sterben, nur verschwinden. Unsichtbar werden. Sich auflösen.“

Es ist der dringende Wunsch, seinen eigenen Körper verschwinden zu lassen, um sich dem Druck von außen, in welcher Form auch immer, nicht mehr aussetzen zu müssen. Und gleichzeitig die Schwierigkeit herauszufinden, wo der jetzige Zustand tatsächlich seinen Ausgang gefunden hat.

„Später wird sie begreifen, dass sie unter anderem genau das angestrebt hatte, ihren Körper zu zerstören, um nichts mehr von außen wahrzunehmen und auch in ihrem Fleisch und ihrem Bauch nur noch den Hunger zu spüren. Es wird Zeit brauchen, den Weg zurückzugehen, möglichst weit zurück, bis zu den ersten Ekelgefühlen (...).“

Delphine de Vigans Roman wurde 2001 unter dem Pseudonym „Lou Delvig“ veröffentlicht und jetzt erstmals von Doris Heinemann auf Deutsch übersetzt.

In Frankreich wird der Kampf gegen Magersucht übrigens zusenens auch mit Gesetzen geführt. So müssen Models künftig ihre gesundheitliche Eignung für ihre Tätigkeit vorweisen. Und auch Werbe-Plakate, auf denen Models mit Bildbearbeitungsprogrammen retouchiert wurden, müssen künftig speziell gekennzeichnet sein.

90 Prozent aller von Magersucht betroffenen Menschen sind Mädchen und junge Frauen, in Österreich etwa hat sich die Zahl der Erkrankten in den letzten zwanzig Jahren um zehn Prozent gesteigert, die Dunkelzimmer dürfte weit höher ausfallen. 7500 Jugendliche in Österreich leiden an einer Essstörung.

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