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Liam Gallagher

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Liam Gallagher bleibt Liam Gallagher

Und Liam Gallagher bleibt Teil der legendären Band Oasis. Dass er sein musikalisches Erbe nicht wegwirft, sondern herzt, beweist er mit seinem ersten Solo-Album „As You Were“.

Von Lisa Schneider

„Liam Gallagher is arguably the best frontman of his generation“ hat NME kürzlich geschrieben. Jetzt ist das erste Soloalbum des britischen Musikers erschienen.

Seit der Trennung von Oasis 2009 dümpelte Liam „Fucking“ Gallagher im Sumpf zwischen Vergessenwerden und Rückeroberung der Aufmerksamkeit. Nach dem Ausstieg von Bruder Noel Gallagher hat er die verbliebenen Oasis-Bandmitglieder für ein weiteres Projekt verpflichtet: Beady Eye. Zwei Alben und ein paar mäßig besuchte Konzerte später folgt 2014 die Auflösung. Wo waren die Fans? Haben sich alle auf die Seite von Noel geschlagen? Nur anhand der Qualität der Songs von Beady Eye lässt sich das nicht beantworten.

Hi, I’m back

Mit der ersten Single seines Debütalbums spuckt Liam „Imagine There Are No Dickheads“ Gallagher seinen KritikerInnen gekonnt vor die Füße. „Wall Of Glass“ ist bemerkenswert, erinnert stampfend-keuchend an „Mucky Fingers“ oder „Meaning Of Soul“, und somit eigentlich an das Oasis-Spätwerk „Don’t Believe The Truth“. Liam „Everybody Knows You’re Just Another Prick In The Wall“ Gallagher war nie der Songwriter der Band, das war sein mittlerweile verhasster Bruder. Darüber spricht er offen: Es fehlen ihm die „großen Refrains“, deshalb holte er sich für dieses Album Greg Kurstin an die Seite. Diesen kennt man vor allem für seine Zusammenarbeit mit Adele und Lily Allen. Ebenfalls nicht unwichtig für den Feinschliff von „As You Were“ waren Produzent Dan Grech (Vaccines, Tom Odell) und Miike Snow’s Andrew Wyatt. Sechs Songs hat Liam selbst geschrieben und komponiert, sogar einen der besten auf dem Album. Er heißt „I’ve All I Need“.

Nicht, dass Liam es nötig hätte, sich von Selbstzweifeln zu befreien.

Die Songs folgen meist einem ähnlichen Prinzip, das man so von Oasis am besten kennt: einsame Gitarrenchords stehen am Anfang, bevor sich die Melodie in Extase steigert und hie- und mit einem gern dunkel gehaltenen Streichersatz geschmückt wird. Oder aber, es geht gleich nach vorn preschend mit schnell geschlagenen Drums los. Ausschlaggebend ist natürlich immer Liams Stimme, die sich auf „As You Were“ in ungeahnte Höhen zurrt. So gut und klar hat er lange nicht mehr geklungen, auch nicht auf den letzten beiden Alben von Beady Eye. Er trinkt weniger, auch auf Drogen verzichtet er mittlerweile fast gänzlich. „But yeah, every now and then, it depends what’s going on. I know for a fact I shouldn’t because they’re shit at the moment. It’s like Ashcroft said, they just don’t work any more.“

Oasis forever

Ohne lange drum herum zu reden: Liam Gallagher hat mit „As You Were“ ein lupenreines Oasis-Album aufgenommen. Es reicht nicht an die Glanzzeiten von „Morning Glory“ oder „Be Here Now“ heran, es schwimmt im Mittelbereich etwa auf Höhe von „Heathen Chemistry“. Die Kracher fehlen, aber es ist schlüssig: man kann sich als ZuhörerIn den Spaß machen, auf Oasis-Suche zu gehen. So kratzt „Doesn’t Have To Be That Way“ anfangs genauso wie „D’You Know What I Mean“ von „Be Here Now“. „You Better Run“ gibt einen stolpernden Rhythmus vor, wie eigentlich das gesamte „Dig Out Your Soul“-Album. Oder es gibt ein hervorgehobenes Drumset auf „Paper Crown“, wie es auch kurz vorm Refrain im Oasis-Überhit „Don’t Look Back In Anger“ prominent platziert ist. Rhythmus und Zeilenakrobatik von „Greedy Soul“ erinnern an „Supersonic“. Und, ganz leise dazugesagt, sogar an den mittlerweile ab- und durchgedroschenen, krachenden Opener von Blur, „Song 2“. Das darf man Liam natürlich nicht ins Ohr flüstern - der reagiert schon allergisch, wenn sein Sohn im Blur-T-Shirt abgelichtet wird: „Everyone makes fashion mistakes. He’s still young.“

In einem BBC Radio 1 Interview sagt Liam „Fuck Oasis“ Gallagher, er wollte das Rad nicht neu erfinden. Er macht Gitarrenmusik, Rock’n’Roll. Und dabei denkt er nicht in erster Linie daran, neue Fans zu gewinnen. Aber genausowenig, die alten zu erfreuen. Wer ihn schlussendlich feiert, ist egal. Hauptsache, jemand tut es. „My music is timeless. It’s just for everyone.“

Das hat man auch bei seinem Auftritt in Manchester gesehen, nach den Anschlägen bei einem Konzert von Ariana Grande. Dort ist er gemeinsam mit Coldplay aufgetreten und hat einen der größten Oasis-Songs aller Zeiten gesungen: „Live Forever“. Tausende Menschen, alt und jung, haben mit ihm im Chor gesungen. Ein tränenreiches Heimspiel für Liam, da fehlen kurz sogar einem sonst zynisch-abgefeimten Rockstar die Worte.

Brüderliches Hickhack

Hingehackt wird wieder in Richtung Familie. Liam Gallagher’s Twitteraccount ähnelt mittlerweile einem Marketing-Sprachrohr, das es sich mehr zur Aufgabe macht, den Bruder zu denunzieren, als sich selbst zu promoten.

„In my defense, all my intentions were good“ heißt es in „For What It’s Worth“. Es geht um die Dämonen, die inneren und die äußeren. Dabei bleibt Liam Gallagher zwar rotzig wie eh und je, aber ohne jegliches Selbstmitleid. „I’m the first to say, I made my own mistakes.“ Liam gibt auch in Interviews zu, dass es nicht immer leicht war und ist, mit ihm zu arbeiten. Noel, Songwriter-Mastermind aller großen Oasis-Titel, war neben ihm zwar auch, aber immer ein bisschen weniger Rüpel. Beide sind in einem der ärmsten Viertel von Manchester aufgewachsene, böse dreinblickende Pilzköpfe, die sich kein Lächeln abringen können und konnten. Mittlerweile umgibt sich Noel mit der Schickeria – zumindest laut Liam: „He’s part of the establishment“.

Die Oasis-Dynamik

Liam vermisst es, Oasis-Songs live zu spielen, und er vermisst die Fans. Nachdem Noel Gallagher schon sehr gute Soloalben veröffentlicht hat, wuchs der Druck auf den jüngeren Bruder, „but I need no charity“. Früher hat das gut funktioniert: Die zwei zankenden Brüder, die gemeinsam Musikgeschichte schreiben. Weil der eine die Songs bringt, der andere die Attitüde und die Stimme. Schon zu frühen Oasis-Zeiten waren nicht nur die Livesets, sondern auch die Interviews legendär, beide zornige Workingclass-Kinder, die einen Dreck darauf geben, wer sie gut findet und wer nicht. Das war genau die Dynamik, die Oasis gut und groß hat werden lassen.

Die Deluxe-Version des Albums „As You Were“ enthält drei zusätzliche Songs. Der letzte davon heißt „I Never Wanna Be Like You“. Liam Gallagher pöbelt hier: “Come on, come on, who are you? No one, no one, ain’t that true?“ Gerade, weil man auf diesem Album Oasis so sehr herausschmeckt, wird der Gedanke an eine mögliche Reunion immer süßer.

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