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"Happy End"

Wega Filmproduktions GmbH

Der alte Mann und das Meer

Kaum Neues unter der Sonne Frankreichs: Michael Hanekes neuer Film „Happy End“ führt an den Abgründen einer Unternehmerfamilie vorbei.

Von Maria Motter

„Willkommen im Club“, sagt der lebensmüde Großvater zur dreizehnjährigen Enkelin, die er zuletzt als Kleinkind gesehen hat. Man ahnt, der Alte weiß Bescheid. Willkommen im Club, müssen sich auch die BesucherInnen von Vorstellungen von Hanekes neuem Spielfilm „Happy End“ denken: Wer sich in den Kinosälen einfindet, kennt wohl den Großteil des bisherigen Werks des Großmeisters, denn unter den Trailer-Clips auf YouTube scheitern nicht wenige daran, zu erahnen, worum es in „Happy End“ zumindest ansatzweise gehen könnte. Wer „Code inconnu“ oder „Caché“ gesehen hat, ist eindeutig im Vorteil. Wer „Die Klavierspielerin“ und „Amour“ gesehen hat, wähnt sich in „Happy End“ bald in einem Medley. Remixt sich Michael Haneke mittlerweile selbst?

„Happy End“ von Regisseur Michael Haneke ist Österreichs Beitrag im Rennen um den Auslands-Oscar. 92 Länder haben Filme eingereicht, am 23.1.2018 wird bekannt, welche Filme tatsächlich für den Preis nominiert sind. Uraufgeführt wurde „Happy End“ in Cannes, seit 6.10. läuft das Drama in den österreichischen Kinos.

Das Setting ist vertraut, die Ausstattung aus feinster Manufaktur: Eine Unternehmerfamilie - diesmal ist man in der Baubranche tätig - residiert mit Dienstpersonal ausgerechnet in der nordfranzösischen Hafenstadt Calais. Für die Vorstellung des Ensembles nimmt sich Haneke die ersten zwanzig Minuten Zeit. Um das Mädchen Eve gruppiert Haneke ein Sittenbild, dem man am Ende die großen Fragen nach Schuld und Verantwortung unterstellen könnte – oder ebenso gut mit der eleganten Handbewegung einer Isabelle Huppert verscheuchen könnte.

"Happy End"

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Eve jedenfalls plagt durchaus ihr Gewissen. Perfekt gecastet ist das Kind, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden die eigene Mutter an die Schwelle zum Tod manövriert. Weil sie genervt ist von der Erziehungsberechtigten, die in Selbstmitleid und Depression um sich selbst kreist. Zumindest lässt Eve dies eine unbekannte Öffentlichkeit auf Social-Media-Kanälen wissen, wenn sie Live-Streamings über die abendliche Badezimmerroutine ihrer Mutter schaltet. Anfang und Ende von „Happy-End“ sind Aufnahmen mit Smartphones nachempfunden.

Die Unmöglichkeit, sich einander mitzuteilen, ist das Baumaterial für die doppelten Böden des bürgerlichen Daseins, so Hanekes Standardthese. Derbes Sexting mit der Geliebten als Ventil, permanentes Kontrollieren erwachsener Nachkommen aus Angst vor eigenem Machtverlust. Und dann ist da noch die Todessehnsucht des Patriarchen, der den Untergang des Imperiums längst ahnt und keinen Bock auf den Abgesang des Abendlandes hat.

Kaum verwunderlich, dass er, der Großvater, es ist, der sich als einziger der Familie Laurent für das Mädchen Eve interessiert. Zwischen Anfang und Ende begibt sich die Kamera nur in einer Szene auf Augenhöhe mit Eve. Hier agiert niemand ohne Hintergedanken.

Brutales Geschehen hält der Kameramann Christian Berger jetzt für Michael Haneke mit Abstand fest. Ob die Krankenhausszene oder der Besuch in der Vorstadt. Sinngemäß hat Haneke einmal gesagt, dass er all jene, die bei „Funny Games“ den Saal verlassen, für Menschen mit einer gesunden Reaktion hält. Die Verbrechen, die in „Happy End“ begangen werden, bleiben ungeahndet. Geld regiert die Welt und moins j’en sais et mieux je me porte. Der Plot spitzt sich in Dialogen zu: „Eigenartig, dass sie hier ist.“ – „Wirst du bleiben?“ – „Ich tauge nicht.“ – „Du bist so weit weg.“ – „Es ist komisch: Wenn du so was im Fernsehen siehst, kommt es dir normal vor. Wenn du es in Wirklichkeit siehst, zittern dir die Hände.“

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Alles ist ein bisschen zu vertraut

Zu vertraut ist das alles, ja es langweilt. Bis Haneke seine nüchterne Haltung im letzten Drittel so konsequent an diesem Plott durchexerziert, dass es amüsiert. Allein die Blickachsen in der Hauskonzert-Szene! Oder wie Tochter Eve dem Vater erklärt, dass er niemanden liebe. Die Neigungsgruppe Psychoanalyse jubiliert nicht nur in dieser Szene. Und ja, Haneke remixt hier seine besten Szenen. Mit Isabelle Huppert, die in „Die Klavierspielerin“ beim Hauskonzert nur mit einem Auge zuckte und klar war, die hat sich in der Sekunde verliebt. Mit Jean-Louis Trintignant, dem „Amour“-Hauptdarsteller, als Eves Großvater und mit Mathieu Kassovitz als deren Vater. Das Überraschendste an „Happy End“ ist, dass der deutsche Choreograf und Schauspieler Franz Rogowski im Cast ist. „Happy End“ ist Rogowskis dritter Kinofilm nach seinem Leinwandstunt „Love Steaks“. Seine Karaoke-Breakdance-Szene ist eine der stärksten im neuen Drama.

„Im Namen unserer langjährigen Freundschaft bitte ich Sie, sich zu setzen“, ersucht Isabelle Huppert in ihrer Rolle als Interimsthronfolge des Patriarchen eine Festgesellschaft, über einen Provokationsversuch ihres erwachsenen Sohnes hinwegzusehen. Wo doch die Szene als Perfektion einer Raffaelo-Werbung beginnt! Der zukünftige Chefsessel bleibt leer. Hanekes Fanclub wird auch in „Happy End“ Unterhaltung finden und kann sich in einer vertrauten Grundhaltung einlullen: Man weiß so sehr um die Moral von der Geschicht, dass ein Entsetzen ausbleibt.

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