FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

FM4 Schnitzelbeats- "Chuzpe"

Chuzpe

FM4 Schnitzelbeats

FM4 Schnitzelbeats– „Chuzpe“

In der heutigen Ausgabe der FM4 Schnitzelbeats setzen wir uns mit der formidablen Formation Chuzpe auseinander und spielen Aufnahmen aus der frühesten Phase der Band. Nummern aus dem Zeitraum 1978 bis ca 1980, die auch heute noch das Potential hätten, das Alpenland in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Von Al Bird Sputnik

Das Ganze aus aktuellem Anlass: Eine Dokumentation mit dem schlichten Titel „Chuzpe“ (A, 2017 / Regie: Peter Ily Huemer) zeichnet aktuell die Entstehungsgeschichte der ersten Wiener Punkband nach und kann – ganz nebenbei betrachtet – auch als geglückte Milieustudie über das Wesen (und die Defizite) heimischer Jugendkulturen reüssieren.

Der Film umschifft dabei das streckenweise Fehlen von bewegten Archivbildern durch eine dichte Aneinanderreihung von O-Tönen, in denen rund 20 ZeitzeugInnen zu Wort kommen und über ihre Sozialisation mit dem heimischen Punk-Movement erzählen. Die Auswahl der befragten Damen und Herren ist illuster: Neben der Chuzpe-Belegschaft sind hier unter anderem Gründungsmitglieder der einflussreichen Formationen Dirt Shit, Pöbel, Sprays, Blümchen Blau oder der ersten österreichischen All-Girl-Punkband A-Gen-53 zu sehen. Allesamt Leute, denen man heute nur selten (oder nur mit Glück) im realen Leben begegnen könnte. Weitere Zeitzeugen und stilprägende Protagonisten, u.a. der Panzaplatte-Betreiber Martin Biro, Punk-Fotograf Michael Snoj (aka Mickey Kodak), Bluebox-Betreiber Herbie Molin oder das Szene-Urgestein Johnny Reggae ergänzen diese „Oral History of Austrian Punk“. Selbst der GiG Records-Chef im Ruhestand, Markus Spiegel wurde um fachkundige Wortspenden gebeten.

Erfreulicherweise sind die hochtrabenden und bedeutungsschwangeren Statements (im Stil einer DoRo-Produktion) hier weitgehend vernachlässigt worden; stattdessen nimmt sich die Dokumentation ausreichend Zeit für die Erarbeitung persönlicher Anekdoten. Die vor der Kamera versammelte Runde erzählt etwa von der Entstehung ihrer jeweiligen Punk-Spitznamen – Robert Räudig, Ali Krawalli, Roli Rotzig, Ronnie Ruin/Ronnie Urini, Nivea oder Panza –, gibt Einblicke in ein graues Wien der 1970er-Jahre, in dem – so scheint es – alles verboten war, was Spass macht und teilt insgesamt kurzweilige Geschichten mit dem Publikum: Über die Ramones in der Ö3 Musicbox, die Entstehung eines eigenständigen „Wien-Punk“-Sounds oder spontan anberaumte Wohnungsparties mit 25 Kilo Industrie-Mayonnaise als wesentlichstes Highlight des nächtlichen Zusammentreffens. Augenscheinlich wird der Mangel an infrastrukturellen Einrichtungen für junge Leute, die Ende der 1970er-Jahre nicht einfach in die Disco gehen, sondern sich stattdessen Sicherheitsnadeln durch die Wange ziehen wollten: Weit und breit kein ansprechendes Kulturprogramm für die alternative Jugend der Stadt. Und mittendrin: Wiens erste Punkband Chuzpe mit einer kleinen Schar an euphorischen Fans.

FM4 Schnitzelbeats- "Chuzpe"

Schnazz-o-phone Records

Chuzpe gelten in der Retrospektive als die wichtigsten Pioniere des Punk in Österreich. Unter dem Einfluss der Ramones und Sex Pistols im Jahr 1977 vom Postbediensteten Robert Wolf (alias Robert Räudig) und dem Plattenladen-Mitarbeiter Christian Brandl (alias Christian Crucifix) gegründet, spielte die Band im November 1977 ihr erstes Konzert in einem heruntergerockten Beisl im 2.Bezirk, das den rustikalen Namen „Milchkandl“ trug. Das Lokal war bereits an diesem ersten Abend randvoll, das spontan gegründetet Band-Projekt traf den Nerv der Zeit und geriet zum lokalen Underground-Phänomen.

FM4 Schnitzelbeats- "Chuzpe"

Luziprak Records

Der Chuzpe-Sound der ersten Jahre war derb und simpel und eignete sich hervorragend zum Pogo-Tanzen; gleichzeitig hatten die Songs glasklare, sozialkritische Botschaften mit pointiert ausformulierten Wienerischen Songtexten, die – bewusst oder unbewusst – in der Tradition der Wiener Gruppe und früher Ambros/Prokopetz-Kompositionen standen.

1978 nahm die Band in einem kleinen Studio 4 Songs (unter anderem „Kopfschüssler“ und „Nervengas“) für eine EP auf, die in der Retrospektive betrachtet, wohl als erster waschechter Punk-Release einer heimischen Formation reüssiert hätte. Allerdings vereitelten allzu hohe Fertigungskosten die Realisierung der Platte.

Ihr offizielles Tonträger-Debut erfuhr Chuzpe dann erst ein Jahr später, als die LP-Zusammenstellung „Wiener Blutrausch“ auf den Markt kam. Gemeinsam mit den KollegInnen von Drahdiwaberl, Minisex, Metzlutzkas Erben und der Mordbuben AG hatte sich Chuzpe hier mit 3 eigenen Songs erstmals als Recording Artist verewigt. „Die Geburtsstunde des Punk in Österreich“, lautet die gängige Einschätzung in Bezugnahme auf diesen, inzwischen mythisch aufgeladenen Sampler.

FM4 Schnitzelbeats- "Chuzpe"

Schnazz-o-phone Records

Im weiteren Verlauf ihrer langen, mit einigen Unterbrechungen bis heute andauernden Karriere, hatte sich Chuzpe schon Anfang der 1980er-Jahre von einer ruppigen Wirtshaus-Inkarnation der Ramones hin zum gefeierten Aushängeschild des heimischen New Wave entwickelt. Nach einer kurzen, aber intensiven Mod- und Powerpop-Phase anno 1979, würde die Bands sogar echte Ö3-Hits landen, etwa mit dem Joy Division-Cover „Love will tear us apart“, oder den Eigenkompositionen „Zu klug für diese Welt“ und „Chinese Chive“. Für die begleitende Radio-Ausgabe der „FM4 Schitzelbeats“ haben wir uns auf die Anfangsjahre konzentriert; die großen Charterfolge lassen sich ohnehin auf diversen „Flieger“-Samplern finden.

FM4 Schnitzelbeats - Chuzpe-Special
FM4 Schnitzelbeats- "Chuzpe"

Elwis Presslmayer

Und hier noch ein konkreter Programm-Hinweis: Der gleichnamige Dokumentarfilm „Chuzpe“ von Peter Ily Huemer ist seit dem 29. September 2017 an ausgewählten Terminen im Wiener Gartenbaukino zu sehen, unter anderem noch ein letztes Mal am 15. Oktober.

Aktuell:

Werbung X