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Aufblasbares Dach beim steirischen herbst

Maria Motter

Großes Finale beim herbst

Der 50. steirische herbst ist Geschichte. „Where are we now?“ war das Motto des Festivals, das mit Theater und Performances bis nach Bagdad und Seoul geführt hat.

Von Maria Motter

Das Kunstblut klebt Samstagabend noch so manchen herbst-BesucherInnen im Gesicht und schaut beeindruckend echt aus. "Preiselbeermarmelade, gemischt mit dem Saft von roten Rüben“, erklärt mir ein Mann, ist es, das neben seiner Augenbraue pickt. Um die Augen trägt er blaue Ringe, der Rest vom Gesicht hat eine barocke Blässe. Der junge Mann hat einen der Untoten aus Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ gespielt: Der steirische herbst geht zu Ende und zugleich ist Drehschluss für das Filmprojekt „Die Kinder der Toten“.

Die Kinder der Toten beim steirischen Herbst

Ditz Fejer

Nach Motiven des „Gespensterromans“ der Nobelpreisträgerin hat das Nature Theater of Oklahoma gemeinsam mit einer Hundertschaft an LaienschauspielerInnen und Filmbegeisterten auf Super-8 einen Stummfilm gedreht. Am letzten Abend gab es einen Umzug der Untoten durch Neuberg an der Mürz, begleitet von zwei Blasmusikkapellen. Auch ein Falco war unter den Untoten.

Im steirischen herbst war das Projekt eines der Highlights für viele BesucherInnen. So abschreckend Publikumsbeteilung in szenischen Produktionen sein mag, so groß war der Zuspruch zum Filmdreh. Und zugleich war der Filmprozess auch Performance, weil man die ganze Zeit über die Gelegenheit hatte, vorbeizuschauen.

Parallel dazu wurde der Roman „Die Kinder der Toten“ drei Mal öffentlich gelesen, aufgeteilt in jeweils 15-Minuten Einheiten. Eine schöne Sache!

Die Kinder der Toten Lesung beim steirischen herbst

Wolf Silveri

In diesem Wagen fand die Dauerlesung statt

Die „Die Kinder der Toten“-Festspiele finden im Literaturhaus Graz diese Woche ihre Fortsetzung
Von Donnerstagnachmittag bis Samstagabend werden Heimat und Horror im Werk Elfriede Jelinek erforscht und besprochen – u.a. mit der Historikerin Heidemarie Uhl, die über die Waldheim-Affäre „als die Stunde der ‚Generation Gedächtnis‘“ sprechen wird, dem Journalisten Sacha Batthyany, der in seinem Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ die Frage nach der Verantwortung seiner Verwandten an Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus stellt, sowie mit den Literaturwissenschaftlerinnen Daniela Strigl und Sigrid Löffler.

Kann Kunst die Welt noch retten?

KünstlerInnen, die über sich lachen können, haben den besten Humor. Das Nature Theater of Oklahoma erobert Herzen im Sturm. Sind sie in bisherigen Arbeiten vor allem von privaten Um- und Zuständen ausgegangen, so haben Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma sich für das Stück „Pursuit of Happiness“ mit den TänzerInnen der slowenischen EnKnapGroup zusammengetan.

Pursuit of Happiness / Steirischer herbst 2017

Andrej Lamut

Darin wird eigenes Tun genauso amüsant hinterfragt wie die Weltherrschaft von Red Bull am Getränkemarkt. Die Vorstellung, dass Kunst die Welt retten kann, ist ein Motiv. Tanztheater wird buchstäblich aufs Korn genommen, wenn eine Gruppe PerformerInnen in der Existenzkrise beschließt, in Bagdad aufzutreten und unter Beschuss gerät.

Durchgehend wird die Erzählung mit Bewegungen herrlich umgesetzt. Bei der Premiere gab es Standing Ovations. Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma, dessen Name übrigens auf jenen einer Theatergruppe in Franz Kafkas unvollendeten Roman „Amerika“ zurückgeht, trägt konsequent jeden Tag ein T-Shirt mit dem eigenen Logo.

Nicht ohne Schusswaffen

Schusswaffen waren die am meisten verwendeten Requisiten im 50. steirischen herbst, noch lange vor dem Einsatz der Nebelmaschine: Ob beim herzigen – und das ist keineswegs abwertend gemeint – Stück „The Wonderful and the Ordinary“ vom Theater im Bahnhof und Gunilla Heilborn, das sich mit Erinnerung und Alltag befasste, wo Pistolen auf den Publikumsraum gerichtet wurden. Oder in Marlene Monteira Freitas‘ „Bacchae – Prelude to a Purge“, in dem die DarstellerInnen Notenständer zu Gewehren formten. Oder auch im Stationendrama „An Atypical Brain Damage“ von Tianzhuo Chen.

Tianzhuo Chen hat am renommierten Central Saint Martins College in London studiert, ist bildender Künstler und ein Kritikerliebling.

An Atypical Brain Damage / Steirischer Herbst 2017

Peiyu Shen

Gerade in Chens Arbeit erzeugten diese Momente ein Unbehagen: Da robbten die Le Brothers aus Vietnam in „Justin Bieber“-Jogginganzügen durch das Publikum, in ihren Händen Maschinengewehre, vor ihnen ein Darsteller mit umgebundenen Schaf-fell als Hund auf vier Beinen bellend. Ob sich die MitarbeiterInnen des steirischen herbst und anderer Kulturfestivals eigentlich jemals vor ihren KünstlerInnen fürchten?

Bilder vom Steirischen Herbst 2017

Maria Motter

Der bellende Hund jedenfalls ließ sich durch Streicheln beruhigen, wie ein paar Menschen im Publikum schnell feststellten. „An Atypical Brain Damage“ würde mit seinem Setting, seinen Technopassagen und den Gastauftritten eines Grazer Roma-Straßenmusiktrios bestens in einen Club passen. Bei den Aufführungen in Graz sprang der Funke nicht so ganz über, das Publikum war eher zurückhaltend und damit beschäftigt, die englischen Übersetzungen der französisch gesprochenen Monologe zu erfassen.

In einer Ecke lagen die Le Brothers nackt bis auf ihre Unterhosen auf einem Eisentisch und wurden von einem Schlächter mit einem Schwamm gewaschen, der immer wieder in Kunstblut getränktes Wasser getaucht wurde. Eine Szene wie aus „Dexter“. In der Mitte des Dom im Bergs stand das größte Rätsel: ein Auto. Wie kommt ein Auto in den Veranstaltungsraum im Grazer Schloßberg? Die Produktion musste es in drei Teile zerlegen und vor Ort wieder zusammensetzen.

Bilder vom Steirischen Herbst 2017

Maria Motter

Ob „An Atypical Brain Damage“ auch in China gezeigt werden könnte? „The work ist automatically political, that’s because we are living in a communist country“, heißt es an einer Stelle, „Our father is a communist. our mother is a communist. Our brother is a communist. For now, we want to work on something new. Makes us happier.“

In Graz waren die Reaktionen auf Tianzhou Chens Auftragswerk für den steirischen herbst gespalten: Die einen fanden super, wie hier gezeigt wurde, dass die Welt grausam ist, aber selbst bei der Urteilsverkündung noch immer jemand ficken will. Andere blieben relativ gleichgültig. Denkt man an Film, haben es szenische Produktionen ungleich schwer. In asiatischen Spielfilmen werden die Scham- und Schockgrenzen seit Jahren weit mehr ausgereizt. Was hier zu sehen war, war dann doch recht harmlos, wenngleich mit Liebe zum Detail umgesetzt. Ich habe mich ziemlich gelangweilt, und Stroboskop-Licht triggert in meinem Hirn-Kopfschmerzen.

Reiskocher erzählen eine andere Geschichte

Keiner Versatzstücke der Unterhaltungsindustrie hat sich Jaha Koo bedient. Vielmehr hat der Südkoreaner für seine Performance „Cuckoo“ drei elektronische Reiskocher als Mitstreiter auf der Bühne. Dank der Zusammenarbeit mit einer Hardware-Hackerin ist das Repertoire der „Cuckoos“ erweitert: Cuckoo ist eigentlich eine Marke, in Südkorea kennt man unter dem Begriff auch die besten Reiskocher. So wie viele andere Gegenstände des Alltags in dem ostasiatischen Land, kommunizieren die Reiskocher mit ihren BesitzerInnen.

Cuckoo / steirischer Herbst 2017

Wolf Silveri

Was lustig klingt, wird zur ernsten Auseinandersetzung mit Tradition und Technologie, Wirtschaftskrise und privatem Fortkommen in Südkorea. 1997 ist das Land gezwungen, die Hilfe des Internationalen Währungsfonds anzunehmen, um den Staatsbankrott zu verhindern. In den Nachrichten ist vom „National Humilation Day“ die Rede, einem nationalen Tag der Erniedrigung, des Gesichtsverlustes. Die Reiskocher singen ein Lied zu poppigen Discobeats, im Refrain kommt ein Name deutlich vor: Robert Rubin. Das US-amerikanische Time Magazine widmet Rubin, Alan Greenspan und Larry Summers eine Cover-Story, sie seien das Kommittee, das die Welt rette.

„When a Who’s Who of South Korean government officials, business leaders and clients gathered last September in Seoul to hear Mr. Rubin speak, they greeted him as though he were a rock star“, schreibt The New York Times und in der Zeit findet sich das Echo: „In Asien wurde Clintons Finanzminister durch das Krisenmanagement zum Superstar. Noch Jahre später wurde Rubin bei Trips nach Korea oder Singapur nach Autogrammen gefragt.“

Aber Jaha Koo würde der Familie Rubin keinen Reiskocher schenken. Zu groß wäre seine Angst, sagt er im FM4-Interview. Mit „Cuckoo“ erzählt er die andere Seite der Geschichte.

"Cuckoo" beim steirischen herbst

Wolf Silveri

Jaha Koo ist im Kindergartenalter, als ihm seine Oma ein Plastiksackerl über den Kopf stülpt, um ihn auf den Straßen Seouls vor Tränengasangriffen der Polizei zu schützen: Menschen demonstrierten gegen die Politik. Für die SüdkoreanerInnen bedeutet die Finanzkrise nicht nur symbolisch einen Gesichtsverlust.

In Südkorea bringt sich alle 37 Minuten ein Mensch um. Das ist der Satz, der mir in diesem steirischen herbst am meisten im Gedächtnis geblieben ist. In den U-Bahnen werden auf den Plattformen Glaswände mit Schiebetüren angebracht, um zu verhindern, dass Menschen sich weiterhin vor Züge werfen und so Selbstmord begehen. Nach dem FM4-Interview sagt mir Jaha Koo, dass ihm der Name Robert Rubin vor kurzem wieder untergekommen sei: Als es um den Staatsbankrott Griechenlands ging.

Bilder vom Steirischen Herbst 2017

Maria Motter

Verstörend, klug und erzählerisch mitreißend ist Jaha Koos Performance „Cuckoo“. Unter dem wunderbaren Dach des Festivalzentrums wurde allen ganz anders zumute.

Bilanz

Jetzt ist die Luft herausgelassen aus dem Dach, das im Prinzip wie eine umgedrehte Luftburg konzipiert war und sich wie eine Blüte öffnen konnte. Der 50. steirische herbst ist vorbei.

Die herbst-Ausstellung „Prometheus Unbound“ in der Neuen Galerie Graz und die sehr unterhaltsame Rückblicksschau „Diese Wildnis hat Kultur“ im GrazMuseum laufen noch bis Anfang Dezember bzw. Anfang Jänner.

Zwölf Jahre hat Veronica Kaup-Hasler als Intendantin des herbst internationale Kunstschaffende nach Graz geholt, das Publikum der Stadt gefordert und aufgefordert, sich mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen. Sie hat die vorhandenen Institutionen in der Stadt ernst genommen und auf gute Zusammenarbeit gesetzt.

Aufblasbares Dach beim steirischen herbst

Maria Motter

Der kritische Blick auf die Welt und die Fähigkeit, trotzdem oder gerade deshalb auch zu unterhalten und sich der Kunst, vor allem der szenischen Produktionen, zu erfreuen, sind eine vorzügliche Mischung gewesen.

Was das Publikum 2018 im ersten steirischen herbst der neuen Intendantin Ekaterina Degot erwartet? Bis wir es erfahren, üben wir die richtige Aussprache ihres Names.

Aktuell:

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