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St. Vincent rosa Artwork zum Album "Masseduction"

Nedda Afsari

Artist of the week

Die Verführung von St. Vincent

10 Jahre nach Erscheinen ihres Debütalbums stellt die amerikanische Musikerin Annie Clark ihre neue Songsammlung vor. Sie widmet sich dem Thema Sex, Liebe, Macht und Verführung.

Von Susi Ondrusova

Wer seine Schwierigkeiten mit der flüssigen Aussprache des Wortes Authentizität hat, wird aufhorchen: St Vincent findet den Akt des Performens vor Publikum: unnatürlich. „There´s a level of “inauthenticity“ to doing that because you are asking the audience to suspend its disbelief. I make very personal, very honest music but I am very well aware of the theatrics of it!”

Wenn man sich die Karriere der 35jährigen Musikerin Annie Clark aka St. Vincent. anschaut wird vielleicht überrascht sein, dass es ausgerechnet das Live-Performen ist, dass sie hier als unnatürlich bezeichnet. Sie ist damit nämlich aufgewachsen. Hinter den Kulissen z.B. denn als Teenagerin hat sie die Band ihres Onkels und ihrer Tante auf Europa-Tour als Tourmanagerin begleitet. Als Musikerin war sie Teil des Band-Kollektivs Polyphonic Spree, war in Sufjan Stevens Liveband und hat schließlich vor zehn Jahren ihr Debütalbum unter dem Namen St. Vincent veröffentlicht.

Der Name St. Vincent wird in einem ihrer Lieblingssongs von Nick Cave &The Bad Seeds erwähnt: In „There She Goes My Beautiful World“ besingt Cave die verschiedenen künstlerischen Errungenschaften von Vladimir Nabokov, Johnny Thunders und Dylan Thomas („..died drunk in St Vincent hospital…“). Die künstlerische Leistung stellt er den persönlichen Schicksalen gegenüber: Alkoholsucht, Armut, Krankheit. Cave besingt im Song seine eigenen kreativen Kräfte: er will in einer Reihe mit seinen Helden und Vorbildern stehen, meint aber zweifelnd: „You weren´t much of a muse but then maybe I wasnt much of a poet!“ Ein Song, der kreative Zerrissenheit auf den Punkt bringt, genauso wie einen gewissen Übermut. Man will zu den ganz Großen gehören.

St. Vincent rosa Artwork zum Album "Masseduction"

Nedda Afsari

Als St. Vincent Mitte der 00er Jahre nach New York zieht, ist die Stadt schon unleistbar, ihren Eltern erzählt sie erst später dass sie die Uni gegen Big Apple getauscht hat. Viele der Bands die damals aktiv waren, existieren heute nur noch als Verwalter ihrer vergangenen Errungenschaften. Interpol, die eine Jubiläums-Tour absolvieren. Yeah Yeah Yeahs, die ebenfalls an einem Jubiläums-Releases feilen. Aber das Rock-Genre interessiert St. Vincent eigentlich sowieso nicht. „There is a lineage of rockmusic that I´m well versed in and i love it dearly. American Rock music which is blues and rock is from that tree but I´m not interested in trying to recreate that same lexicon. I´d rather push it forward. If you want an updated version of the blues there are so many places you can go to but I don´t think there´s many places you can go for the abstraction of that!”

Sagt sie, die eine Platte mit Talking Heads-Mastermind David Byrne aufgenommen hat, in der Rocknroll Hall Of Fame „Lithium“ performt hat, in Beck´s Record Club INXS´s 1987er Hit-Album “Kick” gecovert hat und sich erst diese Woche The Clash´s London Calling akustisch angenommen hat.

St. Vincent rosa Artwork zum Album "Masseduction"

Nedda Afsari

Auf die Frage wer, auf ihrer Wunsch-Liste für eine Zusammenarbeit steht, hat sie im Rahmen des Interviews, das sie während der Tour zu ihrem selbstbetitelten später Grammy preisgekrönten Album gegeben hat, geantwortet: „It wouldnt be a musician I think. It would be David Attenborrough or Todd Haynes or Vivienne Westwood. I would rather do something outside!” Sie hätte wohl ruhig ein „St.Vincent II“ Album machen können. Schließlich ist das Konzept „party grooves for funerals“ auf Albumformat zu pressen, geglückt. Das neue Werk „Masseduction“ entspricht laut Eigendefinition eher dem Konzept „If Pee Wee´s Playhouse had a sound!“

Grell, schrill, künstlich. Extravagant. Wirft man einen näheren Blick auf die Kampagne rund um ihr aktuelles Album „Masseduction“ erkennt man, dass das alles eine Reaktion auf die eingangs erwähnte Situation der Natürlichkeit beim Live-spielen ist. St. Vincent inszeniert sich also. Wenn sie eine Fake-Pressekonferenz gibt oder Kleidung nicht mehr nur Kleidung sondern zum Kostüm wird.

Sie „verführt“. Sie tritt im Catsuit auf oder verkleidet sich als Toilette. St. Vincent wurde (ernsthaft!) schon öfter gefragt, wie Frau mit Stöckelschuhen Gitarre spielen kann, so kann man die Stiefel der aktuellen Tour auch als eine Antwort darauf deuten. Nämlich: easy.

Das passt natürlich kalkuliert zum Thema der Platte: Aus Mass seduction (oder war es doch ein Tippfehler und die Platte sollte „Ass Education“ heißen?) wird Masseduction. Im Titelsong singt sie den zentralen Satz: „I cannot turn off what turns me on!“ sie widmet sich dem Thema Liebe, Sex, Macht und Verführung. Die Charaktere auf Masseduction leiden. Es ist ein trauriges Album. Melancholie verlangt manchmal nach einem „Motherfucker“ wie in „New York“ dieser Hymne über das Scheitern einer Beziehung. Der Song „Pills“ in dem auch Saxophonist Kamasi Washington zu hören ist, ist eine Aufzählung von Zuständen und Momenten unter Tabletten-Einfluss. Von Guru zu Voodoo und Voodoo zu Zen, singt sie. Es gibt ein Wiederhören mit Johnny, der schon auf früheren Alben besungen wurde. Johnny ein Synonym für einen Freund, der eigentlich nur eine Bekanntschaft ist, die sich immer weiter entfernt. Auch vom Leben.

St. Vincent rosa Artwork zum Album "Masseduction"

Nedda Afsari

Es wird also auch gestorben auf „Masseduction“: „I think if you really boil it down: every bit of human fear comes back to the fear of mortality!” meint Annie Clark aka St. Vincent dazu. In “Fear The Future” verlangt sie Antworten, die es nicht gibt. Der Titel „Young Lover“ mag vielleicht optimistisches Vermuten, es ist aber ein Aufschrei, über eine Person, die sich vom (echten oder doch nur gemeinsamen?) Leben verabschiedet.

„I heard the robins and thought they were sirens.
Wake up, young lover, I thought you were dyin’!”

Das wirklich Exzellente an “Masseduction” ist, dass es 100% kitschbefreit ist. „Cheesy is when you dont believe the conviction!“ Neben den Balladen, die eben lyrisch schon ein Regenbogen-Exit-Szenario verhindern, ist es bei den schnelleren, komplexeren und lauteren Songs natürlich die Musik, die mit dem universellen Liebes-Thema bricht und sich so von einer „cheesyness“ entfernt. „80ies industrial sounds“ nennt sie es, ihre abstrakten Gitarre-Texturen eingebettet in ebendiesen. Die Angst, dass St.Vincent also durch die Zusammenarbeit mit Jack Antanoff, der auch Taylor Swifts „1989“ oder Lordes „Melodrama“ produziert hat, eine polierte Pop-Platte geliefert hat, hat sich jedenfalls nicht bestätigt!

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