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Szenenbilder aus "Patti Cake$"

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kino

Indiedrama in Rhymeform

„Patti Cake$“ ist beatgefüttertes Gegengift zur Hollywood-Magernorm und systemimmanenten Sexismus im Hip Hop. Rap als Rettungsring im tristen Alltag einer jungen Frau. Unbedingt anschauen.

Von Pia Reiser

Hip Hop braucht kein Mensch, aber mensch braucht Hip Hop haben die Fünf Sterne Deluxe mal von sich gegeben und jetzt sagt ihr, das ist aber ein reichlich unzeitgemäßes Hip Hop-Zitat, um 2017 einen Text über einen Film zu beginnen, der Hip Hop als Katalysator und narrative Krücke verwendet, um die Geschichte des Underdogs in neuem Gewand auf die Leinwand zu schicken. Die Rede ist von „Patti Cake$“, dem Debüt von Geremy Japser und diesjährigen Sundance-Liebling. Und wie so oft bei Sundance-Lieblingen steht eine Außenseiterin im Mittelpunkt. Patricia Dombrowski ist quasi mensch in obiger Fünf Sterne Deluxe-Zeile.

Nachdem sie die Haare ihrer sich ins Klo übergebenden Mutter gehalten hat, Nana im Rollstuhl Frühstück und Medikamente serviert hat, setzt sie sich am Weg zu ihrem schlecht bezahlten Job in einer schlecht besuchten Bar, setzt sich Kopfhörer auf und beginnt beatbedingt und beatbeschwingt auf der Straße ein Stück zu schweben, bis ein aus einem Auto gebrülltes „Dumbo“ sie wieder auf den - tatsächlichen wie metaphorischen - Boden der Realität zurückholt. Der harte und dreckige Boden der Realität ist in dem Fall New Jersey-Asphalt.

Für einen kurzen Moment aber hat sich Patti (Danielle McDonald) in ein irrlichternd grünes Universum geträumt, in dem sie eine Rap-Königin ist, gleichauf mit O-Z, ihrem verehrten Rap-Idol. Und Patti hört nicht nur Hip Hop, sie kann auch freestyle rappen, das auch den chauvinistischen Spackos, die sie zum Battle herausfordern, der Mund offen stehen bleibt.

Szenenbild aus "Patti Cakes"

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Doch was macht man mit einem Rap-Talent als Mittzwanzigerin aus der Arbeiterklasse, weiblich, weiß und übergewichtig? Während ihr bester Freund Jheri den Beat in der Mittagspause auf eine Kühlerhaube klopft, sprudelt es rhythmisch und energetisch aus Patti raus, sie sei stuck in dirty Jersey - so wie der Rest ihrer Familie. Der Großvater ist bereits beerdigt, Großmutter an den Rollstuhl gebunden und für ihre desillusionierte Mutter, die auch mal von einer Karriere als Sängerin geträumt hat, gibt’s wohl auch keinen Weg mehr raus aus dem Strudel aus schlechten Jobs, hohen Rechnungen, Alkohol und Verzweiflung. Regisseur Jasper beschönigt hier nichts, macht aber „Patti Cake$“ nie zu einem Sozialdrama, viel wichtiger ist hier die Darstellung von Popkultur im allgemeinen und Hip Hop im speziellen als Religionsersatz, als Trost und Energiespender, wenn mal wieder gar nichts klappt. Weniger Eskapismus als weapon of choice.

Patti and Jheri, we will be legendary

Wenn sich Patti schließlich mit Jheri, einem Beat-Wizard namens Basterd the Antichrist und - ihrer Großmutter zusammentut, um einen Track in einer cabin in the woods aufzunehmen, dann gibt einem das den Glauben an die alle Grenzen auflösenden Kräfte der Popkultur zurück, selbst die Idee der USA als melting pop scheint plötzlich wieder zu strahlen.

Szenenbilder aus "Patti Cake$"

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„Patti Cake$“ ist keine „there’s no business like showbusiness“-Ballade, auch keine „rags to riches“-Strophe eingehüllt in Hip Hop-Optik, schon gar nicht ist es weibliches „8 Mile“ und noch weniger ein weißes „Precious“. Dass in der Diskussion um „Patti Cake$“ immer wieder „Precious“ auftaucht - der Film aus 2009 über eine übergewichtige, HIV-positive, schwarze Analphabetin - zeigt auf, wie selten man auf der Leinwand auf Frauen trifft, die nicht dünn sind.

Da kommen dann Referenzen ins Spiel, die noch nicht mal was mit den Geschichten der beiden Filmen zu tun haben. Einfach nur die Tatsache, dass hier ebenfalls die Hauptfigur nicht in Kleidergröße 38 passt, lässt einen an den anderen Film der letzten Jahre erinnern, in dem das auch der Fall war. Man kann „Patti Cake$“ mit nichts anderem vergleichen, weil diese Figuren so selten sind. Kleidergröße 38 trägt wahrscheinlich Jennifer Lawrence und die muss sich bei Castings immer wieder mal anhören, dass sie übergewichtig sei. Für männliche Schauspieler geht Gewichtsverlust für eine Rolle sehr oft mit Prestigegewinn einher, siehe Matthew MacConaughey oder Christian Bale und hat tatsächlich mit der Rolle zu tun. Für Frauen ist Dünnsein und Attraktivität einfach Grundvoraussetzung, so sehen das die - meist männlichen - Drehbuchautoren. We don’t like fat women in Hollywood, hat Studiomogul Louis B Mayer 1925 Greta Garbo erklärt und sie auf eine Spinatdiät gesetzt. Das Credo ist gebliben.

Szenenbilder aus "Patti Cake$"

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Roseanne und Sookie

Das einzige Genre, in dem es zumindest ab den späten 1980er Jahren Platz für übergewichtige Frauen gibt, ist die Komödie, wenn auch zunächst nur am Fernsehbildschirm. Die Serie „Roseanne“ mit Roseanne Barr als working class mum eroberte Neuland in Sachen weiblicher Identifikationsfiguren. Witze über ihr Gewicht macht nur Roseanne selbst. Roseanne Barr schreibt die Drehbücher für die Serie, in ihrem Team ist auch Amy Sherman-Palladino. Die bringt dann im Jahr 2000 auch mit ihrer Serie „Gilmore Girls“ eine weitere wichtige Figur jenseits der medial idealisierten Körpernorm auf den kleinen Bildschirm. Sookie in „Gilmore Girls“, die chaotische Köchin, versprüht body positivity, als man dieses Wort noch gar nicht verwendet.

Gespielt wird Sokiee von Melissa McCarthy, die mit grandiosen Komödien wie „Bridesmaids“ oder „The Heat“ auch den Sprung auf die große Leinwand schafft - aber neben Rebel Wilson - eine Ausnahmeerscheinung bleibt. Für männliche Komiker war ihre Körperfülle seit jeher nie ein Hindernis, im Gegenteil. Von Oliver Hardy über John Candy zu John Goodman, John Belushi oder Jonah Hill, die Geschichte Hollywoods hat den lustigen Dicken im Grunde stets als Stereotyp genutzt.

„Patti Cake$“ startet am 3. November 2017 in den österreichischen Kinos

Und abseits der Komödie sind die Rollen für abseits der Magerkeit immer noch äußerst selten - und wenn dann eher in TV-Serien zu finden. Schauspielerinnen wie Allison Tolman oder Margo Martindale brillieren in Serien wie „Fargo“ oder „The Americans“ bleiben aber ebenfalls eher die Ausnahme. Auf der großen Leinwand vereint nun Danielle McDonald rappend body positivity und feministischen Kampfgeist - den hat nicht nur Hip Hop, sondern auch Film dringend nötig. Ich war zum ersten Mal nach einem Film enttäuscht, dass es keinen Merchandise-Stand im Kino-Foyer gibt.

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