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Till Lindemann und Joey Kelly auf Abenteuer

Thomas Stachelhaus/National Geographic

Die neue deutsche Sensibilität

Du riechst so gut. Zwei neue – gänzlich unterschiedlich gelagerte – Bücher aus der Familie des deutschen Musikwunders Rammstein: „Heute hat die Welt Geburtstag“ von Flake und „Yukon“ von Till Lindemann und Joey Kelly.

Von Philipp L’heritier

Die deutsche Band Rammstein hat schon von Anfang an kapiert, dass zum Banddasein nicht bloß die Musik gehört, sondern auch die Inszenierung. Rammstein sind eine der erfolgreichsten Bands der Welt.

Die sechs Mitglieder von Rammstein stammen aus der ehemaligen DDR, haben dort versucht, alle Möglichkeiten, die da eben an kleinen Restspuren der Idee „Punk“ zu haben waren, aufzusaugen und eigene Entwürfe zu erfinden. In hundert unterschiedlichen Bands haben sie mitgespielt, Punkrock, Metal, Wave, Dada-Synthpop. Mit der Gründung der Gruppe Rammstein 1994 in Berlin sollte eine Band erschaffen werden, die anders war als alles, was zuvor dagewesen war.

Es rauscht im Zauberwald

Man kann das sehen, ohne die Band zu mögen. Rammstein wollten hart sein und ernst, die ganze Angelegenheit aber eben auch mit Theatralik, Camp und Humor verbinden. Es gelingt. Das Kunstprojekt Rammstein hört nicht im Rahmen der eigentlichen Band auf: Andere Felder wollen fruchtbar gemacht werden.

Frontmann und Sänger Till Lindemann hat beispielsweise schon mit „In Stillen Nächten“ einen Gedichtband voller bedeutsam triefender brachial-romantischer Poesie geschrieben, gerade sind zwei neue Bücher aus dem Hause Rammstein erschienen.

Sie sind sehr unterschiedlich. Zum einen ist das „Yukon“ von Till Lindemann und Joey Kelly, ein breitwandiger Ziegel von einem Bildband mit Textbegleitung. Zum anderen „Heute hat die Welt Geburtstag“ – eine Mischung aus Tourtagebuch, Autobiografie und Schelmenroman von Rammstein-Keyboarder Flake.

Gegen den Strom

Der via National Geographic veröffentlichte Band „Yukon“ begleitet den Trip zweier Männer, die den Ruf der Wildnis gehört haben und eine Reise antreten, die schon per Vorgabe an die körperlichen und psychischen Grenzen gehen muss.

Till Lindemann und Joey Kelly auf Abenteuer

Thomas Stachelhaus/National Geographic

Der machoid-muskulös glänzende Till Lindemann und Joey Kelly haben drei Wochen lang in einem schmalen Kanu den legendenumwehten Fluss Yukon in Alaska bereist. Mit Zelt, Angelrute, Thermosjacke und ständiger Zerknirschung im Körper.

Joey Kelly – das ist der Joey Kelly, den man als Mitglied der fahrenden Musikerfamilie Kelly kennt, in jüngerer Vergangenheit aber vor allem als Extremsportler, Marathonläufer, Abenteurer und gern gesehenen Gast bei Sportgroßevents von Stefan Raab wie der Wok-WM.

Mein liebster Feind

Der Untertitel von „Yukon“ lautet: „Mein gehasster Freund“. Hier wird also schon einmal ordentlich mit dem Reibungspotenzial zwischen den zwei vermeintlich gar unterschiedlichen Protagonisten kokettiert. Kelly und Lindemann aber haben sich gern. Beide sind Freunde des argen Sports und vom Grenzgang immer gelockt.

Ihre Reise durch eisige Natur hat der Fotograf Thomas Stachelhaus in üppigen silbrig-blauen Bildern festgehalten, die die Kargheit, Anstrengung und den Zauber transportieren. Die Entbehrungen im Unterholz, halb wahr, halb kunstvoll inszeniert.

Till Lindemann und Joey Kelly auf Abenteuer

Thomas Stachelhaus/National Geographic

Wir sehen: Die weiten Wälder Kanadas, Wasser, Wasser, Himmel, zwei Männer beim vorm Zelthocken. Beim Grimmigdreinschauen, beim Schnitzen und bei dann doch erlösendem Lachen, wenn man mal einen Fisch gefangen hat.

Begleitet werden die Fotografien von einem Porträttext von Dieter Kreutzkamp über den Yukon River, Geschichte, Symbolik, Goldgräberstimmung, sowie einem ausführlichen Interview von Thorsten Zahn mit den beiden Draufgängern Lindemann und Kelly. Und, wichtig, von neuen sinnspruchhaften Gedichten von Till Lindemann. Die gehen so:

FERIEN

Tränen sieht man nicht im Wasser
Sieht man nicht, wenn man ertrinkt
Mischen sich mit anderen Tränen
Wenn man zum Grund des Meeres sinkt

Ein fein aufgemachtes Buch als Konversationsstarter, das man sich im Salon bestens auf den Coffeetable legen kann.

Till Lindemann und Joey Kelly auf Abenteuer

Thomas Stachelhaus/National Geographic

Till Lindemann und Joey Kelly auf Abenteuer

Thomas Stachelhaus/National Geographic

Reise, Reise

Richtig lesen hingegen kann man „Heute hat die Welt Geburtstag“ von Flake. Flake, das ist der lustige, schlaksige Synthesizer-Mann bei Rammstein, der immer gerne mal mit glitzerndem Disco-Jackett auftritt, sich für Albernheiten und linkisches Benehmen nicht zu schade ist und im Testosteron-Gefüge der Band neben den fünf anderen Prachtboys das Comic Relief darstellt.

Das muss so sein, gleich sechsmal nacktes Fleisch in Enddefinition, das wäre langweilig. Flake weiß das natürlich: „Bei einem Voting im Internet, bei dem nach dem beliebtesten Rammstein-Mitglied gesucht wurde, kam ich erst an sechster Stelle. Das ist bei sechs Leuten nicht so gut, aber einer muss ja der Letzte sein. Und da ist es schon besser, wenn ich das bin, denn ich tue so, als wäre es mir egal.“

Flake von Rammstein nimmt einen Echo entgegen

EPA/ MICHAEL KAPPELER

Flake bei einer Echo-Verleihung

Schon 2015 hat Flake ein Buch veröffentlicht, witzig, rasant, mit ungünstigem Titel: „Der Tastenficker“. „Der Tastenficker“ ist eine Autobiografie über das Aufwachsen und das Suchen von Subkultur in der DDR, in „Heute hat die Welt Geburtstag“ schlängelt sich Flake wieder durch den eigenen Lebenslauf, diesmal steht jedoch das Treiben und Reisen der Band Rammstein im Vordergrund.

On Tour

Dies ist aber keine schnöde Rockstarhistorie oder faktenhuberisches Tagebuch mit komplettem Wahrheitsanspruch. Man spürt, dass man es mit der Erinnerung vielleicht nicht so genau nehmen muss.

Flake "Heute hat die Welt Geburtstag" Cover

S. Fischer Verlag

Eine Leseprobe aus „Heute hat die Welt Geburtstag“ von Flake gibt es hier.

Vor allen Dingen scheint sich Flake nicht groß für steile Selbstverkultung als Toprockstar zu interessieren. Vielmehr wirkt hier oft der Geist der klassischen Rock-Mockumentary „This is Spinal Tap“ durch: Der Musiker reist alleine mit dem Taxi zu einem Konzert seiner Band an und hat Schwierigkeiten am Einlass, da so ein Typ wie er ja wohl sicher nicht bei diesen Rammstein mitspielen könne.

Flake besucht mit einem Bandkollegen ein Konzert von Tocotronic an der Berliner Volksbühne und verirrt sich backstage im Geflecht der Korridore, um dann schließlich durch die falsche Tür mitten auf die Bühne zu gelangen und eine Sekunde lang vom Publikum als die Ankunft von Tocotronic beklatscht zu werden.

Philosophie ohne Anstrengung

Flake erzählt das alles locker aus der Ich-Perspektive, alles so wie gerade aus dem Ärmel geflutscht, als würde er mit einem Freund plaudern. Wir erfahren von Rammsteins Erscheinen überall in der Welt: Texas, Budapest, Paris. Von den Vor- und Nachteilen von Cola und ranzigen Nusssnacks im Backstagebereich und Flakes rostender Lederjacke.

Von der Dynamik innerhalb der Band und den Mechaniken und Abläufen eines solch pompösen Entertainment-Apparats. Das ist oft lustig, Flake mischt dabei assoziativ und sprunghaft das Anekdotenhafte mit Alltagsmeditationen: Reflexionen über Erfolg, Träume, Krankheit, Älterwerden, Orientierungslosigkeit: „Wenn es in England drei ist, kann es hier auch schon viel später sein. In Australien gibt es sogar Zeitverschiebungen von einer halben Stunde. Die Zeitgrenze geht manchmal mitten durch eine Stadt. Da kommt man sogar zu spät zum Zahnarzt. Vielleicht war das auch in Amerika.

Auf fast 400 Seiten wird das nicht langweilig, Flake präsentiert sich als uneitler Schussel, dann aber doch wieder als ehrgeiziger Musiker, als Punk und Popstar, der vieles nicht versteht und das gerne zugibt, als Mann, der halt irgendwann einmal die Treppe hinaufgefallen ist, aber eben auch nicht ganz zufällig. Die Mischung geht auf, Melancholie, Explosion und Feuerregen, Schwermut und der ganz große Quatsch.

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