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Wolfenstein 2: The New Colossus

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„Wolfenstein 2: The New Colossus“: Widerstand ist nicht zwecklos

Die Fortsetzung des überdrehten SF-Shooters balanciert erfolgreich zwischen Splatter-Pulp und Tragikomödie - und ist ein Politikum.

Von Rainer Sigl

Wolfenstein ist eine Legende. Unglaubliche 36 Jahre ist es her, dass Computerspielerinnen und -spieler das erste Mal als amerikanischer Supersoldat gegen Horden von bösen Nazis antreten mussten. Mit dem simplen Vorfahren aus dem fernen Jahr 1981 hat der soeben erschienene Ururenkel “Wolfenstein 2: The New Colossus” aber nur mehr den Namen gemeinsam - und die Gegner. Die Nazis haben in diesem Spieleuniversum allerdings den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die ganze Welt inklusive Amerika unterworfen und sind auf dem Mond gelandet. Klar, dass es als Mitglied des Widerstands unsere Aufgabe ist, mit Waffengewalt den Kampf aufzunehmen.

„Wolfenstein 2“ setzt die Geschichte des ersten Teils nahtlos fort: Als zu Beginn schwer lädierter Soldat Bill Blaszkowicz kämpfen wir auch diesmal wieder aus der First-Person-Perspektive und äußerst blutig gegen das böse Nazi-Regime - diesmal in den USA.

Amerika unterm Hakenkreuz

Dass eine vier Jahrzehnte alte Hintergrund-Story im Jahr 2017 wieder für Aufregung sorgt, liegt an der realen Zeitgeschichte. Weil in den USA unter Trump und der Alt-Right-Bewegung echte Neonazis aufmarschieren, ist das abgedrehte Action-Feuerwerk auf einmal ein Politikum, das auf neurechter Seite für Protest sorgt. Dass „Wolfenstein 2“ noch dazu in den USA spielt, wo sich im Spiel der amerikanische Rassismus des Ku-Klux-Klans mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbündet hat, macht die Geschichte von der Notwendigkeit des Widerstands auf gewisse Weise hochaktuell.

Das Spiel schwedischer Entwickler ist zwar immer noch ein absurd überdrehtes Pulp-Abenteuer, in dem wir mit Laserwaffen gegen deutsche Soldaten, amerikanische Kollaborateure und riesige Naziroboter kämpfen, seine ambitionierte Geschichte erzählt aber von mehr: vom aussichtslos scheinenden, aber nötigen Kampf gegen das Unrecht und von Menschlichkeit und der Banalität des Bösen. Seine Botschaft, die abseits der spektakulären Schusswechsel in vielen Cutscenes vertieft wird, ist überraschend eindeutig politisch - und durch und durch antifaschistisch. Seine Antwort auf Intoleranz und Totalitarismus ist einerseits - in diesem Genre: no na - brachial und kompromisslos, in seiner Zeichnung der diversen Widerstandskämpfer ist „The New Colossus“ andererseits überraschend differenziert, menschlich und doch fernab von Glorifizierung.

Wolfenstein 2: The New Colossus

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Zwischen Pulp und Politik

„Wolfenstein 2“ macht es sich in einer ganz speziellen Nische bequem, in der alberne Überdrehtheit, cleverer politischer Kommentar und blutige Tragikomödie überraschend gut zusammenpassen - besser als im ersten Teil, dem ich damals ein unentschlossenes Wanken zwischen Ernst und schönem Schund vorwerfen musste. Da macht es nichts, dass es als Shooter altbekannten Formeln treu bleibt und spielerisch nur wenig Neues anzubieten hat. Seine große Stärke liegt in seiner düsteren, detailliert gestalteten Spielewelt und in seinen Figuren, die überraschend komplex und menschlich geraten sind. Im Kern ist „The New Colossus“ ein prächtig inszenierter, harter Korridor-Shooter geblieben, bei dem die wenigen offenen Areale eher verwirrend und die Gegner mäßig intelligent geraten sind - im Gesamtpaket stört das allerdings wenig.

“Wolfenstein 2: The New Colossus”, erschienen für Windows, PS4 und Xbox One.

Die hierzulande erhältliche deutschsprachige Version, die hervorragend vertont ist, verzichtet übrigens aus rechtlichen Gründen darauf, die Gegner als Nazis zu bezeichnen, und auch Hakenkreuze bekommt man keine zu sehen. Die Botschaft bleibt allerdings dieselbe: Der Widerstand gegen ein totalitäres, brutales Regime ist nicht nur nicht zwecklos, sondern nötig - und dabei ist Menschlichkeit ebenso wichtig wie Entschlossenheit.

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