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Easybirds

Easybirds

robert rotifer

Freitag für immer

Nachtrag zu meinem immer noch als Stream hörbaren Heartbeat vom Montag, anlässlich des Todes von George Young, einer Hälfte des Songwriter-Gespanns Vanda/Young.

Von Robert Rotifer

Falling off the Edge of the World. Ich fiel, um es mit einem seiner Songtitel zu sagen, ein bisschen von der Erdkante, als ich vor anderthalb Wochen vom Tod des 70-jährigen George Young hörte. Young war in seinem Leben so einiges, nicht zuletzt vor einem halben Jahrhundert Rhythmus-Gitarrist und Ko-Songwriter der ewig unterschätzten Sixties-Band The Easybeats und als solches Objekt einer meiner größten Teenager-Obsessionen.

So zwischen 1985 und ’88, als es eine meiner existenziellen Hauptmissionen war, die musikalischen Schätze der Vergangenheit auszugraben, die meine Elterngeneration verpasst hatte (insofern waren wir Sixties-obsessiven Achtziger-Kinder übrigens auch nicht retro, denn wir lebten ganz bewusst und entschieden in einer fiktiven Vergangenheit, die es nie gegeben hatte, aber geben hätte sollen; darüber könnte man länger schreiben, muss aber nicht), spielten die Easybeats eine große, tägliche Rolle in meinem Leben. Wenn mich jemand fragte „Lennon/McCartney oder Jagger/Richards?“, antwortete ich mit jugendlicher Arroganz: „Vanda/Young!“

Schuld daran waren drei Easybeats-Compilations-LPs in meinem Besitz, eine „Best of“ (Rhino, 1985), „Easy As Can Be“ (Fan Club, 1985) und „The Shame Just Drained" (Line Records, 1982) bzw. die EP „Son of Easyfever“ (1980, Raven Records), sowie eine am Camden Market aufgeschnappte Seven Inch „Hello How Are You/Falling Off The Edge Of The World“ (United Artists, 1968), allesamt zu Tode gespielt (bis auf die schlechte Chuck-Berry-Parodie am Anfang von The Shame Just Drained, die nur ein oder zwei Mal von der Nadel gekitzelt wurde). Was ich in den Kompositionen von Harry Vanda und George Young hörte, war eine zwischen 1966 und 1968 mit explosiver Rasanz voranschreitende, rastlose Erforschung all dessen, was man aus einem Popsong machen kann (bzw. auch was nicht, Hauptsache man hat’s probiert). Von primitiven Anfängen über Frankenstein-R&B-Songs wie „Made My Bed Now I’m Gonna Lie In It“, Power-Soul-Pop wie „St. Louis“ oder das Ray Davies’ „Village Green“-Sound voraussehende „The Music Goes Round My Head“ bis zu Rhythmus- und Tonarten-Wechseln der abenteuerlichsten Natur in Demos und B-Seiten wie „Lisa“ oder „Peter“ und orchestralen Epen wie „Hello How Are You“ oder „Come In You’ll Get Pneumonia“. Alles in zwei kurzen Jahren, nicht selten hysterisch, was im Pop ja bekanntlich eine ganz positive Qualität ist, textlich oft sagenhaft dumm, siehe etwa „Women (Make You Feel Alright)“, aber mit einer großen, ganz entscheidenden Ausnahme (ich komme noch drauf zurück).

Was ich aus den Liner Notes obiger Platten über Vanda und Youngs sonstige Karriere erfuhr, hab ich über die Jahrzehnte großteils vergessen, stelle aber beim neuerlichen Überfliegen zu meiner Ehrenrettung fest: Da stand weder drin, dass Vanda/Young in den Siebzigern als Produzenten von AC/DC, der Band von Georges jüngeren Brüdern Angus und Malcolm, ihr großes Geld als puristische Hard Rock-Ästheten verdienten, noch dass sie gleichzeitig (!) „Love is in the Air“ (1977), den reich orchestrierten Disco-Hit von John Paul Young (nicht verwandt!) schrieben und produzierten. Was für ein Doppel zu Zeiten, als dumme Punks noch de facto rassistischen disco-feindlichen Scheiß von sich gaben. Ganz zu schweigen von ihrem eigenen Proto-New-Wave/Synth-Pop-Projekt Flash and the Pan, das auf seiner Debüt-Single schon 1976 seine zwei weitsichtigsten und besten Songs veröffentlichte, nämlich „Hey St. Peter“ und auf der B-Seite das später von Grace Jones sehr verdient gecoverte „Walking in the Rain“. Richtige Schnulzen machten sie nebenher auch noch genug (zum Beispiel mit Sänger Ted Mulry), und alles ohne jeden erkennbaren Zynismus.

Ihren besten Song hatten Vanda/Young allerdings bereits 1966 geschrieben. „Der vielleicht perfekteste Song der Popgeschichte“, wie es mir am Montag beim „Heartbeat“-Sendungmachen rausrutschte. Und weil das gar so großspurig klang, musste ich mir eine Rechtfertigung dafür einfallen lassen. Während ich David Bowies Coverversion eben jenes Songs aus seinem Album „Pinups“ (1974) spielte, klapperte ich also in Panik und Euphorie folgendes in die Tastatur (leicht redigiert):

Friday On My Mind Single

United Artists

„Friday on my Mind“, ich hab vorhin gesagt, das sei der vielleicht perfekteste Song der Popgeschichte überhaupt. Wir hatten jetzt drei Minuten, um uns von diesem apodiktischen Urteil zu erholen, aber ich bleibe dabei. Angefangen einmal mit diesem perfekten Text, dem besten aller Wochenlieder zwischen „Sieben einsame Tage“ und „Friday I’m In Love“: „Montagmorgen fühl ich mich so schlecht“, singt da Stevie Wright, der Sänger der Easybeats. Übrigens, im Netz gibt’s ja Easybeats-Fans, die sagen, nicht Vanda und Young, sondern Stevie Wright habe den Text gemeinsam mit George Young geschrieben. Man kann das nicht mehr überprüfen, schließlich ist auch Stevie Wright vor zwei Jahren schon gestorben. Ich halte mich aber an die Credits, und die lauten „Vanda/Young“. Also, wo waren wir wieder: „Montagmorgen fühl ich mich so schlecht. Alle nörgeln an mir herum. Kommt dann Dienstag, fühl ich mich besser, sogar mein Alter sieht gut aus.“ Mein Alter, „my old man“, meinend: „Mein Vater.“ Hat je jemand eleganter in einem Song erklärt, dass er noch bei seinen Eltern wohnt?

Das alles in Moll, mit diesem Gitarrenriff, das Tick-Tack macht wie ein Wecker, dazu die zum Schreien schlüssigen Läufe von Harry Vandas Lead-Gitarre. Keiner der beiden spielt vollständige Akkorde, bis zum mit dem Text korrespondierenden Wechsel von Moll auf Dur, als das Wochenende kommt, eingeleitet von einem Quartett abgehackter Power-Chords, das so klingt, als würde der Erzähler die Tür zuhauen und in weiten Sätzen die Stiegen hinunter springen, hinaus auf die Straße.

Aber dem alles versprechenden Halbsatz im Refrain „Gonna have fun in the city“ folgt auch schon ein wehmütiger Moll-Akkord samt unisono gesungen und gespielter Antwortphrase hinterher, weil das Wochenende immer gleich wieder vorbei ist und dann wieder mit Sehnsucht erwartet werden muss. Und dann die zweite Strophe: „Wieder fünf Tage Schufterei, nichts und niemand nervt mich mehr, als für den reichen Mann zu arbeiten. Yeah I’ll change that scene one day“, die leichte Drohung, der er aber nie nachkommen wird, denn: „Heute hab ich Zorn, aber morgen bin ich schon wieder froh, denn ich hab Freitag im Sinn.“ Das packt „My Generation“ (die einen brutalen Ganzton nach unten fallenden Akkorde in der ersten Zeile), „All Day and All of The Night“ (die Stakkato-Akkorde vor dem Refrain), „A Hard Day’s Night“ (das Thema) und „Paint it Black“ (die Strophe in quasi-galizischem Moll) in einen prall gefüllten Sack voller Melodien und Harmonien, produziert noch dazu von Shel Talmy und aufgenommen von Glen Johns (derselben Paarung wie bei den ersteren beiden gerade erwähnten Inspirationen). Nein, es ist mir doch egal, ob’s abgedroschen ist, George Young stirbt nur einmal, hier ist es, das Original.

PS: Als George Young am 22. Oktober 70-jährig verstarb, war seine Wahlheimat, soviel ich gelesen hab, Portugal, er galt aber als australischer Musiker. Geboren wurde er nach dem Krieg allerdings in Glasgow. Seine Familie zog erst 1963 nach Australien, er hat dort schon in einer Einwanderersiedlung, das heutzutage übrigens ein grimmiges Auffanglager ist, seinen späteren Songwriter-Partner, den seinerseits aus Holland eingewanderten Johannes van den Berg kennengelernt, der sich dann Harry Vanda nennen sollte. Von dort waren es nur drei Jahre, bis die Easybeats in Australien das sogenannte Easyfever, also ihre Version der Beatlemania, entfacht hatten und 1966 wieder in die Geburtsheimat von George Young Großbritannien ausgewandert sind, um dort oben Beschriebenes zu vollbringen. Sie waren also eine Migrantenband sondergleichen.

Vanda und Youngs große Durchhängerphase waren wohl die frühen Siebziger nach dem Ende der Easybeats, als sie unter verschiedensten Pseudonymen mit allen möglichen Singles um sich warfen, in der Hoffnung, dass eine davon kleben bleiben möge. Aber selbst darunter waren große Werke, von denen zwei Beispiele in meiner Sendung zu hören waren und noch ein paar Stunden bis zum Beginn der nächsten Ausgabe von FM4 Heartbeat zu hören sind:

„Sha-Sha“, eine Single der Band Grapefruit aus dem Jahre 1971: Grapefruit war eine Ende der Sechziger unter anderem von den Beatles gepushte Band gewesen. Ihr Bassist, ein gewisser George Alexander, geboren als Alexander Young, der ältere Bruder von George Young (bzw. Angus und Malcolm), versuchte mit dieser Single, den Bandnamen gemeinsam mit Vanda und Young wieder aufzuwärmen.

George Alexander hatte im Jahr davor auch das von Vanda und Young unter dem Alter Ego einer fiktiven Soulband namens Paintbox aufgenommene „Get Ready For Love“ geschrieben. Später ein Northern-Soul-Klassiker, mit auf der Straße sitzenden Afroamerikanern am Cover, in Wahrheit das Werk zweier vorerst gestrandeter exil-australischer Popstars.

Wieder ein Argument mehr, warum die Welt der Popmusik dann doch die beste aller Welten ist. George Young ruhe in Frieden.

Aktuell:

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