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Viennale

Killer, Geister, Gangster

Als Ergänzung zum FM4-Viennale-Tagebuch: Ein Rückblick auf ausgewählte Genrefilme im Festivalprogramm, von Thriller bis Horror.

Von Christian Fuchs

Unterhaltungskino im ganz konventionellen Sinn sucht man bei der Viennale natürlich so vergeblich wie Popcorn im Foyer. Das soll aber kein Vorwurf sein. Bei einem streng kuratiertem Festival, das sich auf künstlerische Ausnahmepositionen konzentriert, versteht sich die Abwesenheit von Mainstreamzugängen ja irgendwie von selbst. Es spielt ja auch nicht Miley Cyrus beim Donaufestival (obwohl das eigentlich eine gute Idee wäre).

Genrefilme unterschiedlichster Art haben dennoch seit jeher einen fixen Platz im Viennale-Programm. Allerdings finden sich stets Thriller, Komödien oder Horrorfilme abseits plakativer Hollywood-Zugänge in der Auswahl. Ergänzend zum Viennale-Tagebuch meines Kollegen Christoph Sepin hier ein kleiner Rückblick auf vermeintlich handfestere Kinokost im Festivalkontext.

Nächtliche Höllenfahrt

Good Time“, man darf diesen Titel höchst ironisch verstehen. Denn eigentlich erlebt der junge Gangster Connie im gleichnamigen Low-Budget-Thriller einen der schlimmsten Tage, die man sich vorstellen kann. Am Anfang steht ein Banküberfall, zusammen mit seinem Bruder, der katastrophal schiefläuft. Während der geistig beeinträchtigte Nick im Gefängnis und dann im Spital landet, beginnt für Connie eine Höllenfahrt durchs nächtliche New York.

Filmstills aus Good Time mit Robert Pattinson

Polyfilm

Der Clou dieses in Indie-Kreisen gefeierten Werks: Die Regiebrüder Ben und Joshua Safdie holten sich für ihren Mix aus rauer Sozialstudie und grellen Krimi-Elementen einen ehemaligen Superstar. Robert Pattinson hat die „Twilight“-Tage längst hinter sich gelassen und spezialisiert sich mittlerweile auf kantige, kompromisslose Filme. So entgrenzt und um sein Leben spielend wie in „Good Time“ hat man ihn aber noch nicht gesehen.

Manchmal, vor allem im letzten Drittel, wirkt die Hysterie in dieser neonfarbenen Ghetto-Odysee etwas zu gewollt, aber Pattinsons verwirrte Auszucker, untermalt vom Synth-Score des Musikers Oneohtrix Point Never, sind definitiv einen Kinobesuch wert. Am besten dieser Tage, denn „Good Time“ läuft heute regulär in Österreich an.

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Viennale

Auftragsmörder unterwegs

Entschieden ruhiger inszeniert ist der französische Thriller „Le Serpent aux Mille Coupures“, aber auch ungleich blutiger. Regisseur Eric Valette eröffnet seinen in der französischen Provinz angesiedelten Film mit einem nächtlichen Gemetzel, bei dem ein Auftragskiller eine Gruppe Drogendealer erschießt. Der Täter flüchtet auf einen naheliegenden Bauernhof, den ein junges Pärchen mit Kind bewohnt. Schikaniert von örtlichen Rassisten ist der schwarze Familienvater Omar regelmäßig Bedrohungen gewohnt, aber jetzt bricht die blanke Gewalt in den Alltag ein.

Valette spitzt das Geschehen allmählich zu, bis hin zum unvermeidlichen Showdown im Morgengrauen, bringt neben Polizisten und Mafiosi auch französische Neonazis und einen asiatischen Killer ins Spiel. Letzterer hätte besser in einen James-Bond-Streifen als in diesen modernen Film Noir gepasst, es gibt auch einige Längen in „Le Serpent aux Mille Coupures“, aber die konsequent düstere Atmosphäre fasziniert.

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Viennale

Auch in „Mr. Long“, im Original „Ryu San“, vom japanischen Regie-Exzentriker Sabu, taumelt ein Killer aus dem fernen Osten durch das Geschehen, ansonsten könnte dieser Film nicht unterschiedlicher sein. Willkommen zur Geschichte eines Auftragsmörders, der sein tödliches Handwerk virtuos beherrscht, noch besser kocht und im Grunde, wir ahnen es bald, ein Herz unter seiner wortkargen Fassade hat. Klingt zugegeben nach geballtem Klischee. Aber Regisseur Sabu benutzt die Story nur als Aufhänger, um uns ganz viel über Menschen zu erzählen, über Liebe, Tod, Kulturdifferenzen und Suppen-Zubereitung. Und er verpackt diese wehmütig-komisch-grausame Fabel in traumwandlerische Bilder. „Mr. Long“ darf als ein Viennale-Highlight bezeichnet werden.

Gefährliche junge Frauen

Weil die Viennale den Blick vor sozialen oder politischen Abgründen alles andere als verschließt, kann man sich bei vielerlei Filmen des Festivals fürchten. Bei einigen Streifen im Programm ist aber tatsächlich lustvolles Gruseln angesagt. Dabei ist das Metaphysische oft abwesend und das Fegefeuer sehr irdisch, wie in „Tragedy Girls“ von US-Regisseur Tyler MacIntyre. Das Motto dieses Films: Wenn das Leben zur einzigen Nonstop-Inszenierung für die diversen asozialen Netzwerke wird, mutiert der Mensch zum digitalen Untoten.

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Viennale

MacIntyre verpackt seine Kritik am Zeitgeist aber nicht in kulturpessimistischen Ernst, sondern in einen schrill-blutigen Horror-Klamauk rund um zwei Smartphone-süchtige Soziopathinnen. Die beiden Highschool-Schülerinnen Sadie und McKayla verfolgen, gelangweilt vom Kleinstadtleben, sämtliche Berichte über legendäre Serienkiller im Netz, mit der Ambition selbst mörderisch aktiv zu werden. Natürlich nur um Aufmerksamkeit auf Twitter und Instagram zu erheischen. „Tragedy Girls“ belustigt zunächst als sarkastische Splattersatire, irgendwann nervt der Film allerdings leider genauso wie die beiden Hauptfiguren, muss man anmerken.

Zwei tragische Girls stehen auch im Mittelpunkt des französischen Films „Grave“, dessen Alternativtitel „Raw“ mehr auf den Punkt kommt. Man könnte auch diesen visuell herausragend erzählten Streifen als Gegenwartssatire sehen, geht es doch um den Konflikt zwischen Veganern und Fleischessern. Die Komik hält sich aber in Grenzen, die Debütregisseurin Julia Ducournau präsentiert eine groteske Coming-of-Age-Story zwischen Sensibilität und Schrecken.

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Viennale

Die Veterinärstudentin Justine wird von Studienkollegen brutal gemobbt, weil sie überzeugte Veganerin ist. Als man sie zwingt, eine rohe Hasenleber zu essen, knallen einige Sicherungen in ihrem Kopf durch. Die junge Frau kommt auf den Fleischgeschmack, allerdings primär menschlicher Herkunft.

„Raw“ lässt in einigen Momenten großes Potential aufblitzen, fast vermutet man einen neuen, eindringlichen Beitrag zum Body Cinema in der Tradition von David Cronenberg. Mit einigen zu billigen Provokationen und Verbeugungen vor Genre-Konventionen torpediert Julia Ducournau in der zweiten Hälfte des Films aber diesen Eindruck. Allerdings, auch wenn „Raw“ zum Ende hin zerfasert, begeistern Kamera, Musik und die großartigen Hauptdarstellerinnen Garance Marillier und Ella Rumpf.

Geisterfilm aus Geistersicht

Als vielleicht schönster Grusel-Film auf der heurigen Viennale entpuppte sich ein Werk, das gänzlich auf Blutgespritze verzichtet - und auch der Mysteryfaktor ist gering. „A Ghost Story“ von David Lowery, einem deutlich von Terrence Malick geprägten Regisseur, erweist sich als Geisterfilm aus der Sicht eines Geists. Eine stille, berührende Meditation über das Leben nach dem Tod.

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Viennale

Ein junger Musiker, der mit seiner Freundin ein abgelegenes Landhaus im amerikanischen Nirgendwo bewohnt, stirbt plötzlich bei einem Autounfall. Wir beobachten, wie der Leichnam im Spital erwacht, folgen dem Gespenstermann zurück zur Geliebten, deren Alltag er unbemerkt beobachtet. Die Kamera verharrt oft auf dem Stativ, die Minuten dehnen sich, die Ewigkeit ist ganz schon lang, bemerken der Verstorbene und wir Zuseher.

Fad wird einem bei diesem kleinen radikalen Kunstwerk dennoch nie. Unter dem Leintuch mit den schwarzen Löchern steckt übrigens Casey Afleck, die trauernde Freundin verkörpert Rooney Mara, der supere Will Oldham hat einen Gastauftritt. „A Ghost Story“ ist ein romantischer, philosophischer, melancholischer Viennale-Höhepunkt, der Kinostart steht übrigens bald bevor.

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