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Andreas Spechtl

Angelika Svoboda

musik

Erinnerungen an ein besseres Morgen

Andreas Spechtl legt nach seinem Solodebüt unter dem Namen Sleep sein zweites Einzel-Album vor

Von Katharina Seidler

„Ich wünsch mich dahin zurück wo’s nach vorne geht, ich hab auf back to the future die Uhr gedreht.“ So beginnt das sehr gute, vorerst letzte Album der Gruppe Ja, Panik aus dem Jahr 2014. Schon in diesem ersten Satz steckt die Sehnsucht nach einem Ort, der auf „normalem Reiseweg“ nicht ganz so einfach zu erreichen ist. Zurück in die Zukunft, wo eine andere Gesellschaft und Gemeinschaft möglich ist – bei Ja, Panik hieß dieser Ort damals „Libertatia“.

Ursprünglich war Libertatia ein anarchistischer Piratenstaat, der angeblich im 17. Jahrhundert in Madagaskar gegründet wurde, aber ob es ihn wirklich gegeben hat, ist nicht bestätigt. Es ist für seine Idee aber auch nicht wichtig. Das Libertatia von Ja, Panik war eine Art Nimmerland, ein Ort jenseits von europäischen Zentralbanken und Wirtschaftsliberalismus. Paradies allerdings war es keines – denn auch im Nimmerland ist Platz für Streit zwischen Peter Pan und den ewigen Kindern, wie wir wissen. Es ist ein Utopieland, aber kein idyllischer Idealzustand.

Die Suche nach einem solchen imaginären Ort in einer „vollendeten Zukunft“ hat Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl seitdem nicht mehr losgelassen, nicht auf dem Album „Libertatia“, nicht in der Ja, Panik-Bandbiographie „Futur II“, nicht auf seiner ersten Soloplatte, die noch unter dem Namen Sleep erschienen ist, und auch nicht auf dem Solo-Nachfolger mit dem fantastischen Titel „Thinking about tomorrow and how to build it“.

„One world, one love, no nation“

Cover Andreas Spechtl "thinking about tomorrow and how to build it"

Bureau B / Indigo

Andreas Spechtl: „Thinking About Tomorrow And How To Build It“ erscheint am 10.11. bei Bureau B/Indigo

Wenn man angesichts all dessen, was weltpolitisch derzeit im Argen liegt, ganz mutlos werden mag, kann man sich vielleicht wenigstens mit diesem hier trösten: Mächtige Systeme erzeugen auch mächtige Gegen-gemeinschaften, starke Geheimbünde, die durch die Starrheit der Gegebenheiten zu umso stärkerem Nachdenken über kreative Alternativen gebracht werden. So geschieht es etwa in Teheran, der 12-Millionen-Hauptstadt des Iran, wo Andreas Spechtl sein aktuelles Album fast zur Gänze geschrieben und aufgenommen hat.

Im Rahmen eines Stipendiums hat er dort letztes Jahr zwei Monate verbracht, im strengen, persischen Winter, in einer ihm unbekannten Kultur und einem repressiven politischen System. Allein ist er dort aber nicht lange geblieben: „Ich hab dort schnell einen Musiker kennengelernt namens Saba Alizadeh, der hat mich quasi an die Hand genommen und durch die Stadt geführt. Das ist natürlich ein sehr repressives ReRegime, aber es gibt auch sehr viele Möglichkeiten, das zu unterwandern, und da konnte ich einige gute Lehrstunden nehmen, wie das so geht.“

In einem Land, in dem Musikmachen alleine schon als Politikum gilt, weil religiöse Hardliner alleine das Musikhören schon als Sünde betrachten, weil das Tanzen verboten, weil Frauen nicht singen dürfen, weil jedes Konzert und jede CD-Veröffentlichung einer Genehmigung bedarf - ganz zu Schweigen von der inhaltlichen Zensur - wird der private Raum zur geschützten Zone. Die Wohnungen werden zu Studios, zu Treffpunkten und Konzertbühnen, und es formt sich eine Musikszene, der sich völlig selbstverständlich im Untergrund bewegt:

"Wenn man das hier so erzählt, klingt das so abenteuerlich. Aber wenn man dort annähernd Musik macht, so wie das Saba macht oder wie das überhaupt Frauen da machen müssen - und es gibt sehr viel, e sgibt eine ganz lebendige Szene - dann bewegst du dich einfach die ganze Zeit in der Illegalität. Das hört sich wahnsinnig spannend an, ist aber für viele Leute einfach Alltag und wurde auch für mich schnell zum Alltag.

Man macht das dann, und denkt da auch irgendwie weniger drüber nach, das fand ich sehr interessant. Es stellt sich auch überhaupt nicht mehr die Frage, ob man ein politischer Künstler ist, wie das da immer so ist und auch in meiner Geschichte mit Ja, Panik und allem... Wenn du dort Musik machst, dann ist das ein politisches Statement, selbst, wenn du einen Lovesong singst. Diese Dinge fand ich einfach sehr interessant anzusehen."

Die Wohnräume von Menschen wurden für Andreas Spechtl während seiner Zeit in Tehran also zum privaten wie künstlerischen Zuhause. Er hat ihnen auf „thinking about tomorrow and how to build it“ einen Song gewidmet.

Andreas Spechtl

Angelika Svoboda

Andreas Spechtl hat also eine ruhige Platte gemacht, voll Ambient und zärtlichem Krautrock, voll seltsamer Electronica und geisterhaftem Pop. Wie schon auf dem Vorgänger-Album Sleep ist die Umgebung, in der die Musik entstanden ist, in die Lieder eingeschrieben, als Field Recordings, als verhallte Samples wie ferne Erinnerungen, und in diesem Fall vermehrt auch in Form von persischen Musikinstrumenten und Rhythmen, die „Thinking about tomorrow and how to build it“ zu einer dezidierten Teheran-Platte machen.

„In der Ferne lernt man, die Heimat klarer zu sehen“ – an diesen Gedanken von Walter Benjamin erinnert Max Dax in seinem brillanten Pressetext zu dem Album, und somit ist eine „persische“ Spechtl-Platte gleichsam auch eine Platte über seinen Wohnort Berlin, über die Zukunft Europas und den eigenen Platz in der Welt.

Worte braucht Andreas Spechtl dafür nicht viele; es ist sein instrumentalstes Werk bisher. In der fremden Stadt, unter all den fremden Worten, wird das Ich auf sich selbst zurück geworfen, und findet Ausdruck in den Instrumenten: „Das hat damit zu tun, dass die Platte eher improvisiert ist. Ich hab dort zehn Live-Konzerte gespielt. Als ich hinkam, hab ich überlegt, was mach ich da live. Dass ich keine Ja, Panik-Lieder spiele, war mir ganz schnell klar, und ich wollte auch nicht die Sleep-Stücke spielen. Ich hatte nach zehn Tagen meine erstes Konzert und hab mir dann vorgenommen, ich spiel gar nichts, was ich mitgebracht hab, sondern nur Zeug, das ich in Teheran geschrieben, gesammelt, mir ausgedacht hab.“

Aus diesem ersten, improvisierten Konzert wurde ein Album-Entstehungsprozess, dem die überschaubare Teheraner Szene im Lauf der Nachfolge-Shows live praktisch beim Entstehen zuhören konnte. „Es ist glaub ih meine erste Platte, die gar nicht unbedingt geplant war, sondern mit der ich heim gekommen bin. Die war einfach dann da.“

Auf den großen Gespenster-Experten und Hauntologen Mark Fisher bezieht sich Andreas Spechtl in seinen Solo-Arbeiten immer wieder. Auf der aktuellen Platte zum Beispiel auch in dem Song „Future memories“, dem vielleicht “poppigsten” der neuen Songs. „The greater the distance, the clearer the view – future memories are haunting you.“ Die herumschwirrenden Erinnerungen und Möglichkeiten, die sein hätten können, bilden das luftige Bett für Andreas Spechtls Album. Sein – wenn auch zufällig entstandenes, aber doch sehr durchdachtes Konzept – verleiht ihm wider jede Logik keine Schwere, sondern hält es in einer diffusen, flirrenden Schwebe.

„Thinking about tomorrow and how to build it“ schenkt einem in diesen dunklen Zeiten das vielleicht bestmögliche Geschenk, nämlich die Erkenntnis, dass es noch nicht zu spät ist – dass vielleicht doch noch alles gut werden kann. Wir wollen uns an diese „future memories“ klammern.

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