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Die blauen Gesichter

Todor hat sein Handy verloren. Die Freiheit dauerte vier Tage.

Von Todor Ovtcharov

Letzte Woche habe ich die Freiheit entdeckt. Ich habe mein Handy verloren. Es blieb in einem Taxi in Bratislava liegen. Ich bemerkte es erst, als ich Zuhause war. Ich habe mich nicht darum bemüht, es wieder zu bekommen. Es war eines dieser Smartphones, die sofort nach dem Ablaufen der Garantie kaputtgehen. Ich verlor es gleich in dem Moment, als es mehr Fehler machte, als es mir nützlich war. Nicht, dass ich das Handy übermäßig benutzt habe - es zog sich langsam von selbst zurück. Und in Bratislava verließ es mich endgültig.

Eigentlich habe ich seine Möglichkeiten nie komplett ausgeschöpft. Die Internetfunktion hatte ich zum Beispiel ausgeschaltet. Meine Freunde verspotteten mich. Warum brauchte ich überhaupt ein Smartphone, wenn ich es nicht in der U-Bahn anstarrte?

Eigentlich mag ich es, in der U-Bahn Menschen zu beobachten. Die Farbflecken auf den Hosen der Bauarbeiter. Die Handtaschengriffe der Damen. Ich stelle mir vor, wer diese Menschen in der U-Bahn sind.

Smartphone

CC0 Creative Commons

Die meisten Menschen in der U-Bahn haben in den letzten Jahren blaue Gesichter – beleuchtet von ihren Handys. Sie stehen und sitzen mit gebeugten Köpfen. Sie steigen mit gebeugten Köpfen ein und steigen mit gebeugten Köpfen wieder aus. Viele von ihnen chatten. Wenn sie mit jemanden chatten, den sie gleich treffen, worüber sprechen sie eigentlich, wenn sie ihn zur Gesicht bekommen? Die Menschen mit den blauen Gesichtern reisen mit einem Blick durch die Realität, den ihnen ihre Handys zeigen, und Gott weiß warum der interessanter ist, als die Realität, die sie umgibt.

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Die unaussprechliche Welt des Todor Ovtcharov und sein satirischer Blick auf das Zeitgeschehen - jeden Mittwoch in FM4 Connected und als Podcast.

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Man sagt, dass die Menschen der Zukunft eine Mischung aus Biomasse und künstlicher Intelligenz sein werden. Mit einem Fuß sind wir bereits in dieser Epoche angekommen. Unsere Handys denken statt uns. In der Vor-Handyperiode kannten wir die Nummern unserer Eltern, Mitschüler und Nachbarn auswendig. Jetzt wissen wir nur die Notrufnummer. Man könnte meinen, dass das unsere Gedanken für wichtigere Sachen freihält. Für welche wichtigeren Sachen?

Ohne Handy fühlte ich mich schwerelos. Ich flog durch die Luft und war nicht auf der Straße. Ich war frei. Niemand konnte mich kontrollieren. Nicht einmal meine Mutter, die immer einen Grund findet, mich anzurufen. Mein erster handyloser Tag in den letzten acht Jahren.

Meine Freiheit dauerte vier Tage. Meine liebe M hielt es nicht mehr aus und kaufte mir eine neue SIM-Karte. Sie steckte sie in ein altes Handy und übergab es mir. Ich schaltete es ein, dann hob ich meinen Kopf und schaute mich im Spiegel an. Mein Gesicht leuchtete blau.

Mein einziger Trost ist, dass das Handy keine Garantie mehr hat und sich ab und zu von selbst ausschaltet.

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