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Matt Damon in "Suburbicon"

Constantin

Filmflimmern

Filmflimmern

Neu im Kino: „Mord im Orientexpress“, „Licht“, „Simpel“, „Suburbicon“, „Bad Moms 2“. Außerdem: Ridley Scott schneidet Kevin Spacey aus seinem letzten Film raus, gegen Harvey Weinstein wird wegen Vergewaltigung ermittelt.

Von Pia Reiser

Mord im Orientexpress

So eine Agatha Christie Verfilmung, mit all den Tweed-Kostümen und Seidenmorgenmänteln hat etwas herrlich Anachronistisches. Endlich mal keine leichenzerstückelnden Serienkiller. Kenneth Branagh ist immer gut, wenn er narzisstische Figuren spielt und so gibt er grandios den belgischen Meisterdetektiv mit dem extravaganten Schnurrbart und weiß die Balance zwischen Poirots Schrulligkeit und Genie zu halten.

Wer die Geschichte des „Mord im Orientexpress“ nicht kennt, sollte eher zum Buch greifen oder die spitzenklasse Verfilmung aus dem Jahr 1974 anschauen (Lauren Bacall! Anthony Perkins! Ingrid Bergman!) und dann kann man zu Vergleichszwecken die Neuverfilmung nachlegen. Die ist nicht katastrophal schlecht, verpatzt aber das grandiose Finale, das die spektakuläre Auflösung des Falls sein sollte, ordentlich. Wider besseres Wissen freu ich mich aber auf im Film angedeutete anstehende Neuverfilmung vom „Der Tod auf dem Nil“. Wir verleihen 5 von 10 belgischen Schnurrbärten.

Mord im Orientexpress

Constantin

Licht

Maria Dragus war in „Tiger Girl“ fantastisch, für Barbara Alberts „Licht“ hat sie den Baseballschläger und das diabolische Lächeln abgelegt und ist in die turmhohen Perücken und einschnürenden Korsette des Rokoko geschlüpft. Dragus spielt die blinde Klaviervirtuosin Maria Theresa von Paradis, die von ihren Eltern als Kuriosum in der dekadeten Wiener Adelsschicht herumgereicht wird. Doch dann besteht die Möglichkeit, dass sie wieder sehen kann. „Licht“ ist die Antithese zu staubigem Kostümfilm, skizziert die Klassengesellschaft und vor allem die systematisierte Unterdrückung der Frau. Nicht verpassen. Petra Erdmann verleiht „Licht“ 7 von 10 schwarzen Tasten.

Maria Dragus in "Licht"

geyerhalter film

Suburbicon

Ein Film, der in den 1950er Jahren spielt, der Matt Damon und Julianne Moore in Hornbrillern und Petticoats schlüpfen lässt, Oscar Isaac mit formicablem Schnurrbart austattet und das Drehbuch auch noch von den Coen-Brüdern stammt, kann da noch was schiefgehen? Ja. Wenn George Clooney am 30 Jahre alten Drehbuchentwurf rumdoktort und einen zweiten Plot reinquetscht: In der Farce um die Abgründe in der idyllisch scheinenden amerikanischen Vorstadt, will Clooney auch dem Rassismus der USA einen Spiegel vorhalten, doch die beiden Erzählstränge greifen nie einander und so bleibt die Farce trotz Coen-Einfluss handzahm und unausgegoren. Petra Erdmann verleiht 5 von 10 gemeinen Vorstadtidyllen.

matt damon

constantin

Simpel

Ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung, die ihn quasi einen Dreijährigen im Körper eines Erwachsenen sein lassen, begibt sich mit seinem großen Bruder auf eine kleine Odyssee, um in Hamburg den Vater der Beiden zu besuchen.

David Kross meistert die Aufgabe, die spastischen Verkrampfungen, die nasale Sprache und das irrationale Verhalten von Barnabas, den alle Simpel nennen, so zu verkörpern, dass er seine Figur nicht für eine Sekunde lang der Lächerlichkeit preisgibt. Frederick Lau - hier als großer Bruder - ist ohnehin immer geerdet und gut, bloß der Plot mit seinen gut gelaunten Prostituierten, brutalen Zuhältern und hilfsbereiten jungen Ärztinnen ist nicht ganz ausbalanciert. Trotzdem ist an „Simpel“ interessant, dass er eine Hauptfigur mit geistiger Behinderung hat, aber weder eine Leidensgeschichte - noch die Geschichte eines Genies erzählt. Ein Interview mit David Kross gibt es Samstag in Connected zu hören.

Frederik Lau und David Kross in "Simpel"

Constantin

Bad Moms 2

Es könnte ja so schön sein: Ein Film mit gleich sechs weiblichen Hauptfiguren und dann auch noch eine Komödie. Doch „Bad Moms 2“ bleibt - wie schon sein Vorgänger - handzahm und weiss seine grandiosen Schauspielerinnen nicht zu nutzen. Da hilft dann die kleine Protesthaltung gegen die von Konsum beherrschten Weihnachten auch nicht mehr viel.
Anna Katharina Laggner verleiht 3 von 10 Plastikchristbäumen.

Kristen Bell, Mila Kunis und Kathryn Hahn in "Bad Moms 2"

Tobis

Außerdem

Das New York Police Department ermittelt gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft gegen Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung der Schauspielerin Paz de La Huerta. Weinstein hat Anwalt Benjamin Brafmann engagiert, der hat auch Dominique Strauss-Kahn, Michael Jackson, Sean Combs und Martin Shkreli vor Gericht vertreten. Ronan Farrow, der mit seinem Artikel über Harvey Weinsteins jahrzehntelangen Übergriffe die Lawine der Skandale und Aufdeckungen mitlosgetreten hat, legt nun nach und schreibt für „The New Yorker“), wie Weinstein ehemalige Mossad-Spione angeheuert hat, um das Öffentlichwerden seiner sexuellen Übergriffe zu verhinden und Schauspielerinnen einzuschüchtern.

Das LAPD hat angekündigt die Ermittlungen gegen den „Hollywood pedophile ring“ aufzunehmen.

Ridley Scott hat sich dazu entschlossen, Kevin Spacey aus seinem Film „All the money in the world“ herauszuschneiden und die Szenen mit Christopher Plummer nachzudrehen. Wer sich über den nicht unwesentlichen Altersunterschied zwischen Spacey und Plummer wundert: Spacey steckte hier in ordentlich viel Latex und Altersmake-up.

Ende Jänner wird Rose McGowans Buch erscheinen, in dem sie über ihre eigenen Erfahrungen in der Filmwelt - und die sexistische und frauenfeindliche Geschichte Hollywoods schreibt.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Weinstein, Spacey, Regisseur James Toback - und es werden noch weitere folgen, ergibt sich eine Sichtbarmachung des systemimmanenten Sexismus, die die Wacheren und Schlaueren auch nutzen, um die Hollywood-Geschichtsschreibung neu zu beleuchten, die Frauen - abseits vom begehrenswerten Objekt auf der Leinwand - gerne übersehen hat. Wenn man von dem Beginn der Filmgeschichte spricht, dann meistens von Melies und den Gebrüdern Lumiere - ganz selten fällt der Name Alice Guy-Blaché. Hier ein schöner Text über „How Women helped rebuild Hollywood“. Das Österreichische Filmmuseum zeigt, dass man auch als Filminstitution dieser Tage Besseres machen kann als eine Roman Polanski Retrospektive, die an der Cinematheque Francaise stattfindet, und zeigt ab 1. Dezember Filme von Kathryn Bigelow, Amy Heckerling, Susan Seidelman uind Lizzie Borden, letztere wird auch nach Wien kommen.

Termine

11.11.: Bambi, Filmcasino, Wien
9.-17. 11.: Transition Film Festival, Schikaneder Wien
11.11._: Fahraddiebe, Leokino, Innsbruck
14.-17.11: Frauen machen Filme, Admiralkino, Wien

In diesem Sinne: Kotzen Sie um Gottes Willen nicht gegen den Wind ("Mord im Orientexpress, 1974)

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