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Wu-Tang Clan

36 Chambers ALC

Der Wu und die Kuh

Mit „Wu-Tang. The Saga Continues“ hat sich das Hip-Hop-Kollektiv Wu-Tang Clan wieder einmal für eine Veröffentlichung zusammengerauft. Ein Treffen in Berlin.

Von Christian Lehner

Der freundliche Mensch von der Promofirma bittet mich in die Suite der Berliner Edelabsteige. Überraschung: RZA empfängt mich an einem Flügel sitzend. „Spielst du ein Instrument?“, fragt der Wu-Chef, während er eine klassische Melodie anstimmt. Ich erzähle, dass mein Weg vom Klavier über die Gitarre zu den Turntables führte. „Bei mir war es genau umgekehrt“, erwidert RZA und bittet mich in den Nebenraum, wo die Interviews stattfinden. „Lerne dazu, egal an welcher Seite du beginnst.“ Wu-Philo bei Mineralswasser und Kaffe.

Bevor RZA am kleinen Konferenztisch Platz nimmt, lässt er den Blick über das moderne Gelände rund um den Potsdamer Platz schweifen. „Wir kommen immer in dieses Hotel. Ich habe das neue Berlin direkt vor meinen Augen wachsen sehen“, sagt er. Ich erzähle ihm, dass sich quasi um die Ecke die Hansa Studios befinden, wo David Bowie und Iggy Pop durch ein Fenster den DDR-Grenzwachsoldaten zugewunken hätten. „Ich mag Anekdoten wie diese“, sagt RZA, „sie erfüllen eine Stadt mit Leben.“ Seine Miene verzieht sich keinen Millimeter. Das ganze Interview über versuche ich durch seine Pilotenbrillen Gefühlsregungen zu lesen. Als „composed“ würde wohl ein englischer Kollege das Auftreten des künstlerischen Leiters und Geschäftsführers des Wu-Tang-Imperiums bezeichnen.

Geschäftliches will ich dann auch als erstes besprechen. Seit dem Fünfjahresplan zur Eroberung der Hip-Hop-Welt Anfang der 90-er Jahre gehört ein autarkes Wirtschaftskonzept ebenso zur Philosophie des Hip-Hop-Kollektives aus dem New Yorker Borough Staten Island wie scharfe Reime und dunkle Beats.

1 Album, 1 Kopie

Für Aufsehen sorgte der Release des letzten Wu-Albums „Once Upon A Time In Shaolin“. „Als Protest über den zunehmenden Werteverfall von Musik im Internet“, so RZA, versteigerte der Wu-Tang Clan das Album als Unikat an den Meistbietenden. Den Zuschlag erhielt ein Pharma- und Hedgefonds-Manager. Martin Shkreli blätterte 2 Millionen Dollar für die zwei Silberscheiben in der Edelbox hin und streamte zur Feier von Donald Trumps Wahlsieg via YouTube kleine Auszüge des Albums.

Zuvor hatte sich der „Pharma Bro“ in der Öffentlichkeit genüsslich als „the most hated man on the internet“ feiern lassen. Er hatte eine Pharma-Firma gekauft und den Preis der dort produzierten Medikamente kräftig nach oben geschraubt. So war das „Kunstprojekt“ (RZA) wohl nicht geplant.

„In jedem Yin ist ein Tropfen Yang“, sagt RZA heute. „Wir haben einen Teil des Erlöses karitativen Einrichtungen gespendet, die sich um diese Krankheit kümmern. So haben wir Shkreli geholfen, auf verschlungenen Pfaden doch etwas Gutes zu tun. Das ist der Weg des Wu.“

Some Wu are vegan, some Wu eat steak

Dann erzählt RZA, der mit bürgerlichem Namen Robert Fitzgerald Diggs heißt, von seiner neuen Firma. 36 Chambers ALC sei eine Lifestyle-Plattform für Kunst, Musik und nachhaltige Mode. So werde für die Clothing-Line kein echtes Leder verwendet. „Wir wollen Teil der Lösung sein und nicht des Problems. Keine Kuh muss leiden. Wenn wir bloß ein wenig dabei helfen können, dass sich die Dinge ändern, dann haben viel erreicht.“ Bevormunden möchte er aber seine Kunden nicht und verweist auf den Clan: „Some Wu are vegan, some Wu eat steak.“

Der Kompromiss

Mathematics ist Veganer. Er sitzt auch am Tisch, beobachtet das Gespräch und nickt zustimmend mit dem Kopf. Der DJ, Produzent und Painter zählt seit Anbeginn des Wu-Tang Clan zum engsten Freundes- und Kollabokreis. Mathematics hat das berühmte Wu-Tang-Logo entworfen und immer wieder an den Reglern ausgeholfen. Ohne ihn gäbe es den Clan heute vielleicht gar nicht mehr. Er ist der Grund, warum der Titel des neuen Wu-Albums zwar irreführend, aber trotzdem richtungsweisend ist.

„Wu-Tang. The Saga Continues“ firmiert nicht unter der offiziellen Corporate-ID „Wu-Tang Clan“. Das Album ist ein Produkt des Produzenten Mathematics unter den wachsamen Augen seines Lehrmeisters RZA. Deshalb fehlt im Titel auch das „Clan“. Das Album besteht aus Session-Tracks und Gastbeiträgen diverser MCs.

Es ist kein Geheimnis, dass der Haussegen schon lange schief hängt in der Familie. So wie zahllose Fans beschwerten sich auch Wu-Members über die künstlerische Ausrichtung von RZA, der ihrer Meinung nach das Schiff immer weiter aus dem Heimathafen gesteuert hatte. Im Rahmen der Veröffentlichung von „A Better Tomorrow“ (2014), stellte Raekwon via Radio RZA die Rute ins Fenster. So könne und werde es nicht mehr weitergehen.

„Viele Fans und Brüder haben die typischen Wu-Sonics vermisst“, so RZA, „ich habe daher die Produktion an Mathematics abgegeben. Er hat sich als hervorragender Lehrling erwiesen“. Der Doo-Rag auf Mathematics‘ Kopf kann durchaus als Symbol für seinen künstlerischen Ansatz gelesen werden: „Ich habe altes Wu-Equipment wie etwa den Key-Synth. ARS-10 ausgegraben und versucht, den Ursprungssound in die Neuzeit zu hieven, ohne mich dabei an modische Styles wie Trap, EDM oder Neo-R&B anzubiedern. Es sollte wieder richtig tuff klingen.“

„Wu-Tang. The Saga-Continues“ ist also ein Kompromiss und kein Neubeginn, ein Friedensangebot des RZA an den Rest der Gang mit einem Produzenten als Vertrauensmann und Mediator. Tatsächlich wummern auf „The Saga Continues“ die Bässe düster, schlagen die Beats hart auf, sorgen Kung-Fu-Skits für Abwechslung und Soul- und Blues-Samples für das O.G.-Feel. Was fehlt, ist ein durchgehendes Feuerwerk an Erzählungen, das die frühen Werke des Clans ausgemacht hat.

Wu-Tang Clan in Berlin

Christian Lehner

RZA und Mathematics beim FM4-Interview in Berlin.

Gäste wie Redman bekommen mehr Air-Time als Gründungsmitglieder. Ghostface Killah und Raekwon wirken wenig interessiert und engagiert. Der Rausreißer ist dieses Mal Method Man, der die besten Reime beisteuert und in Tracks wie „People Say“ oder „Hood Go Bang!“ tatsächlich so etwas wie Wu-Magic entfachen kann. Langjährige Fans, denen am Fortbestand der Problemfamilie gelegen ist, dürften mit diesem Annäherungsversuch halbwegs zufrieden sein. Außerhalb der 36 Chambers des Wu-Universums wird „The Saga Continues“ aber keine hohen Wellen schlagen.

Schon sind die 20 Minuten Gesprächszeit um. Noch schnell ein Foto der beiden vor dem Klavier. Der freundliche Mensch von der Promofirma begleitet mich aus der Suite. Hinter uns erklingt eine Melodie. RZA hat erneut am Flügel Platz genommen.

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