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Louis C.K

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#metoo

How the Mighty Fall

This time, it’s personal. Harvey Weinstein war noch ein Fall von „grauenhaft, aber nicht wirklich überraschend“. Bei Kevin Spacey war’s schon bitterer; und die Causa Peter Pilz war ein bizarres Lehrstück darüber, welche gewaltigen Risiken die Fokussierung auf eine Einzelperson für eine Partei bergen kann.

Aber Louis C.K. fühlt sich an wie ein persönlicher Verrat.

von Jenny Blochberger

Lasst mich genauer werden: selbstverständlich sind die Übergriffe, die Louis C.K. vorgeworfen werden, nicht auf demselben Level wie die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein. Masturbation vor Mitmenschen, die davon überrumpelt werden, ist nicht das gleiche wie Vergewaltigung. Und trotzdem schmerzt der Fall Louis C.K. (mich) viel mehr. Denn Louis C.K.s Comedy war genau deswegen so genial, weil sie so woke war, weil er sich immer hauptsächlich über sich selbst lustig gemacht hat, statt über andere (das Zeichen eines wirklich großen Comedians), seinen Status als privilegierter weißer Mann so treffsicher unter die Lupe genommen hat, seine Schwächen seziert und kritisch behandelt hat.

Wie Louis C.K. die abartigsten Dinge thematisieren und dann jedes Mal noch haarscharf, aber elegant die Kurve in Richtung Selbsterkenntnis kriegen konnte, war geradezu ehrfurchtgebietend. Der einzige Teil seiner Comedy, der mir manchmal unangenehm war, waren seine oft kruden Beobachtungen zu Sex. Aber weil die Pointe doch immer klargestellt hat, dass Einvernehmlichkeit und Respekt vor anderen Menschen Grundvoraussetzungen sind, war das dann auch okay.

Nur leider gehen der Künstler und seine Kunst in diesem wichtigen Punkt offenbar doch nicht konform. Und das fühlt sich ein wenig so an, als hätte ein guter Freund einen hintergangen. Wäre Louis C.K. ein begabter Konzertpianist, würde das mit der Trennung von Kunst und Künstler vielleicht noch funktionieren; aber wenn er auf der Bühne über sein Verhältnis zu Frauen und seinen Kampf mit den eigenen perversen Gedanken spricht, ist das angesichts der zahlreichen, glaubwürdigen Vorwürfe schwer zu ertragen.

Über den traurigen Fall des Louis C.K. hat die New York Times ausführlich berichtet. Wer möchte, kann die detaillierten Vorwürfe hier nachlesen. UPDATE: Louis C.K. hat die Vorfälle zugegeben und sich entschuldigt.

Ich möchte mich hier mit den Reaktionen befassen, die im Zuge von #metoo durch das Internet wirbeln. Den immer gleichen Kommentaren jedes Mal einzeln zu entgegnen ist doch recht kräfteraubend, deswegen hier eine kleine Hitlist der beliebtesten Trollkommentare plus möglicher Entgegnungen.

1. Der Klassiker: Why Wait?

„Warum warten diese Frauen immer ewig lange, bis sie was sagen?“

1. Nur weil du zum ersten Mal davon gehört hast, heißt das nicht, dass sie nicht bereits was gesagt haben: ihrem Partner, ihrer Schwester, ihrer Chefin, einem Polizisten, vielleicht sogar dem Angreifer selbst. Vielleicht hat das alles nichts genützt und der Weg an die Öffentlichkeit ist ihr letzter Versuch, sich Gehör zu verschaffen.

2. Zwei der Frauen, die erzählen, dass sie von Louis C.K. belästigt worden seien, haben es tatsächlich umgehend Leuten gesagt. Die Reaktionen waren nicht anders, als hätten sie länger gewartet: man wollte es nicht hören, Louis C.K.s im Comedybusiness sehr mächtiger Manager hat ihnen vermittelt, er wolle nicht, dass sie darüber reden, eine Theaterchefin wusste nicht, was sie ihnen raten sollte…

Es ist scheinheilig, so zu tun, als stünde ein Support-Netzwerk bereit, das sofort alle notwendigen Schritte einleitet, um Betroffenen zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Das Gegenteil ist oft der Fall: hat man keine handfesten Beweise, steht oft Aussage gegen Aussage, und Außenstehende sind dann doch geneigt, der Person zu glauben, die sie (wenn auch nur aus der Ferne) kennen und vielleicht sogar verehren.

Womit wir bei Punkt 2 wären,

2. Im Zweifel für den Angeklagten

„Sollen sie doch erst mal Beweise vorlegen!“

Funktioniert doch bei CSI auch! Dieses von übermäßigem TV-Konsum beeinflusste Mindset setzt voraus: wo ein Verbrechen geschehen ist, gibt es auch Spuren (und ein Spurensicherungsteam, das ausrückt, sie zu sichern) und die Beweiskette führt lückenlos zum Schurken. Das ist leider bei den allermeisten sexuell motivierten Angriffen nicht der Fall. Oft sind Betroffene und Täter alleine, das Opfer wird eingeschüchtert und trägt daher keine Kampfspuren davon (oder diese werden mit einer Vorliebe für „rough sex“ wegerklärt), mitunter steht das Opfer unter Schock oder wird von Selbstzweifeln geplagt, sodass wertvolle Zeit vergeht.

Und selbst wenn es mehrere Zeugen für einen Vorfall gibt, dieser Vorfall öffentlich stattgefunden hat UND der Beschuldigte die Darstellung nicht widerlegt, weil er sich z.B. nicht daran erinnern kann, kommen immer noch Leute daher, die verschwörerisch murmeln, dass man Zeugen auch kaufen könne und nur weil 2 oder 3 (oder 10, oder 35) Menschen übereinstimmend behaupteten, etwas gesehen zu haben, sei das noch kein Beweis. Denn ein Beweis ist nur ein rauchender Colt in der Hand eines Menschen, der über einer Leiche mit einer Schusswunde steht. RichterInnen sehen das übrigens nicht so eng und beziehen die Glaubwürdigkeit von Prozessparteien auch in ihre Urteilsfindung mit ein.

3. Die, die darüber reden wollen, inwiefern sich die Betroffenen falsch verhalten haben.

„Hatten die betroffenen Damen keine Zivilcourage?“

Wir kriegen immer nur einen Teil der Geschichte mit, glauben aber, die ganze zu kennen. Wer sagt denn, dass die betroffenen Damen keine Zivilcourage hatten? Man kann einen Grabscher an Ort und Stelle zur Sau machen und trotzdem danach damit an die Öffentlichkeit gehen. Wenn mir wer auf offener Straße die Handtasche klaut und ich sie ihm wieder entreiße, darf ich trotzdem die Polizei rufen, damit die den Übeltäter einbuchtet, und ich darf auch laut rufen „Der Halunke wollte mir die Handtasche klauen!“ und Umstehende darauf aufmerksam machen.

„Ich würde demjenigen eine richtige Ohrfeige geben!“

Und wer schon mal in der Straßenbahn, in einem Park, in einem Club begrabscht wurde und sich sofort umgedreht hat, nur um eine Gruppe grinsender Typen zu erblicken, darf sich dann aussuchen, welchem davon man eine knallt? Und wenn der Typ nach der Grabscherei umgehend im Gewusel verschwindet, ruft man dann „Alle auf den Boden und keiner bewegt sich, bis ich das miese Schwein gefunden habe, von dem ich nicht mal weiß, wie es aussieht“? Oder wenn man allein mit dem/den Angreifer/n ist und das Gefühl hat, die wollen einen dazu provozieren, hinzuhauen, damit sie so richtig zurückschlagen können?

Zivilcourage ist eine gute Sache, sollte aber eigentlich von Unbeteiligten kommen, nicht vom Opfer selbst; dieses ist manchmal verständlicherweise überfordert mit der Situation.

„Er hat ja nicht mal Gewalt angewendet. Erwachsene Menschen müssen doch da drüberstehen, einfach nein sagen und gehen.“

Hier stellt man sich eine ideale Welt vor, mit idealen Machtstrukturen und idealen Reaktionen von allen Beteiligten. Wie oft hat sich jede/r von uns schon geärgert, weil man in einer ganz normalen Alltagssituation schmähstad war? In einer Ausnahmesituation, wo man etwa plötzlich mit einem masturbierenden Gegenüber konfrontiert wird, ist man erst mal überrascht und hat keine Vorlage für eine angemessene Reaktion. Springt einem der unbekannte Exhibitionist aus dem Gebüsch entgegen, ist das immer noch eine eindeutiger zuordenbare Situation als wenn sich ein geschätzter, berühmter Kollege, mit dem man eben noch nett geplaudert hatte, auf einmal vor einem entblößt. Und selbst wenn man es schafft, Nein zu sagen und zu gehen - das macht das Verhalten des Übergriffigen trotzdem nicht okay.

Egal, wie jemand auf einen Übergriff reagiert: schuld ist der Übergriffige und dessen Verhalten sollte kritisiert werden.

4. Die Verschwörungstheoretiker

„Auffällig ist allemal, dass sich diese Vorfälle in letzter Zeit häufen. Waren all die Männer vorher brav, oder melden sich plötzlich alle Frauen auf einmal?“

Letzteres. Zu hören, dass anderen Ähnliches widerfahren ist wie einem selbst, mitzukriegen, dass man darüber sprechen kann und dass man gehört wird, kann unglaublich ermutigend sein. Ist es nicht möglich, dass TrittbrettfahrerInnen da aufspringen? Klar; Frauen sind Menschen, Menschen sind manchmal Arschlöcher. Aber es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass es sich um einen nennenswerten Prozentsatz handelt, wenn man sich vor Augen hält, dass jede dritte Frau in Österreich bereits einmal Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist und die Dunkelziffer noch wesentlich höher ist. Frauen halten also eher den Mund, wenn sie tatsächlich Opfer geworden sind, als fälschlich zu behaupten, sie wären welche.

5. Nix darf man mehr!

„Schatzi ist auch bereits sexuelle Belästigung?“

Das ist eines der haarsträubendsten Argumente und es ist erstaunlich, dass man es mit Menschen diskutieren muss, die gelernt haben, allein aufs Klo zu gehen und sich danach die Hose korrekt wieder anzuziehen.

Aber gut: kommen wir zum komplexen Phänomen des Kontexts. Natürlich ist das bloße Aussprechen des Wortes Schatzi noch kein Verbrechen. Aber wenn ein herablassender Tonfall zur Norm wird, man ständig Grenzen überschreitet und generell nicht darauf achtet, wie das, was man sagt und tut, beim Gegenüber ankommt, ist das schon was anderes. Man(n) darf sich vorstellen, wie es einem gefallen würde, wenn der Chef einen mit Schatzi anspricht und einen auffordert, sein Hoserl für den Urlaub einzupacken. Spoiler: den meisten würde es nicht besonders gefallen, man würde sich vielleicht sogar gedemütigt fühlen - sogar dann, wenn man dem Chef kein sexuelles Interesse unterstellt, aber umso mehr, wenn schon.

„Ich traue mich schon nicht mehr, mit einer Frau allein im Lift zu fahren, aus Angst, dass sie behauptet, ich hätte sie sexuell belästigt!“

Die Behauptung, dass Frauen allerorts nur darauf lauern, das Leben von Männern durch Falschaussagen zu zerstören, ist besonders niederträchtig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das wahre Problem genau andersrum ist. 35% der Frauen in Österreich waren schon einmal von sexueller Belästigung betroffen - und das sind nur die dokumentierten Fälle. Frauen, die von sexuellem Missbrauch erzählen, werden als Lügnerinnen bezeichnet und beschimpft, auch von Menschen im Internet, die die Wahrheit überhaupt nicht kennen können, die aber „so ein Gefühl“ haben. Frauen, die mit derartigen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen, können also nicht damit rechnen, dass ihnen hauptsächlich Mitgefühl entgegenschlägt, sondern eher damit, dass sie fertiggemacht werden. Natürlich ist es trotz allem nicht komplett auszuschließen, dass es manchmal auch zu falschen Anschuldigungen kommt - aber so zu tun, als wäre das die Regel und nicht die absolute Ausnahme, spricht eher für ein misogynes Weltbild, das Frauen gern prinzipiell niedere Absichten unterstellt.

„Bald darf man einer Frau nicht mal mehr die Tür aufhalten, ohne dass sie einen verklagt!“

Hier hat die Idiotie einen traurigen Tiefpunkt erreicht. Zeigt mir einen Fall weltweit, wo jemand wegen Türaufhaltens verklagt wurde, dann reden wir weiter.

Aktuell:

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