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FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Amadeo

FM4 Schnitzelbeats

Die vielleicht wildeste österreichische Band aller Zeiten

Mit Novaks Kapelle hat das heimische Hippie-Movement 1968 für alle Zeiten seine Unschuld verloren. Anlässlich der Neuveröffentlichung ihres Gesamktwerks zeichnen die FM4 Schnitzelbeats die Bandgeschichte von Novaks Kapelle nach.

Von Al Bird Sputnik

Vor rund 50 Jahren formierte sich in Wien die kontroverse Rock-Formation Novaks Kapelle, deren Biographie auf kommende Generationen wohl kaum wie reale österreichische Musikgeschichte, schon eher wie das Drehbuch einer überdrehten Proto-Punk-Mockumentary wirken dürfte. Aber eins nach dem anderen.

Sofern man ZeitzeugInnen Glauben schenkt, verströmte Wien noch Mitte der 1960er-Jahre den provinziellen Mief der Nachkriegszeit. Die Swinging Sixties hatten einen Bogen um die Hauptstadt gemacht und einem konservativen Weltbild – mitsamt diffusen Ressentiments gegen alles „Neue“ und „Andersartige“ – den Platz überlassen. Junge Leute, deren Erscheinung nicht dem allgemeinen Wertempfinden von Anstand und bürgerlicher Etikette entsprach, liefen Gefahr, Opfer sozialer Ächtung und gewalttätiger Übergriffe zu werden. "Das waren Spießrutenläufe durch die Gesellschaft”, vergegenwärtigt sich der ehemalige Novaks Kapelle-Leadsänger Walter „Walla“ Mauritz in einem Gespräch mit den Trash Rock Archives. „Dadurch, dass wir schon seit 1963/64 lange Haare trugen, hatten mein Freundeskreis und ich bald schon 50 bis 60 Lokalverbote. Wenn du in Wien in der Straßenbahn gefahren bist, hat man sich sofort nach dir umgedreht und vom ‘Vergasen’ gesprochen“.

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Walla Mauritz

In einen Zeitraum, der von derart fundamentalen Spannungsfeldern geprägt war, fiel die Gründung von Novaks Kapelle: Gutes Timing, um etwas Neues auszuprobieren. Schon die erste Konzertankündigung im Jahr 1967 wurde als Szenen-Spöttelei empfunden, da sich Amateurbands der Stadt gemeinhin an das ungeschriebene Gesetz hielten, mit möglichst vielsagenden, letztlich freilich nichtssagenden englischsprachigen Namen zu firmieren: Firestars, Rockets, Thunderbirds. Das Wort „Kapelle“ klang hingegen völlig unhip, assoziierte ländliche Idylle und Blasmusik und disqualifizierte sich von vornherein als brauchbare Eigenbezeichnung einer Beat-Gruppe. Und tatsächlich hatte Novaks Kapelle etwas gänzlich anderes im Sinn, als bloß Beat zu spielen. Keine Hits, kein Anbiedern, keine freundlichen Worte.

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Novaks Kapelle

In ihrer Konzeption zeigte sich die Gruppe nicht nur an Entwicklungen des zeitgenössischen Pop-Underground interessiert, sondern fühlte sich auch dem Selbstverständnis radikaler Erneuerung im Geist der Wiener Aktionisten verbunden. Tatsächlich bestanden einschlägige Kontakte schon seit einigen Jahren: Über Oswald Wiener, Mitglied der Wiener Gruppe und 1968 rechtskräftig verurteilter Teilnehmer an der Aktion „Kunst und Revolution“ (vulgo: „Uni-Ferkelei") hatte Mauritz bereits als Teenager namhafte Protagonisten der lokalen Kunstszene, etwa Hermann Nitsch, Christian Ludwig Attersee, Walter Pichler, Gerhard Rühm oder Padhi Frieberger kennengelernt und die jeweiligen Bekanntschaften vertieft. „Das war eine Art Refugium“, vergegenwärtigt er sich. „Diese Leute hatten die gleiche Radikalität wie später Novaks Kapelle. Diese Radikalität war es, die mich am meisten interessiert hat. Und diese anarchische Haltung“.

Live auf der Bühne perfektionierte die Band in ihren Anfangstagen harten und temporeichen Psychedelic Rock mit ruppigen Gesten und aggressiven Showeinlagen. Gleichzeitig hatte die Performance des gertenschlanken Sängers Mauritz in engen Jeans und bauchfreien T-Shirts stark laszive Qualitäten. Ein echter Hype aus dem lokalen Underground.

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Amadeo

Das Majorlabel Amadeo, eine Wiener Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Vanguard-Konzerns fiel auf den publikumswirksamen Spuk herein und nahm die Band im Jahr 1968 unter Vertrag. Die A-Seite der resultierenden Debut-Single, „Hypodermic Needle“, ein Cover der Animals-Nummer “Inside Looking Out” barg indes harten Stoff: So behandelten die Lyrics die verstörende Geschichte eines Teenagers, der nach einem Heroin-Schuss einen Horrortrip erlebt und das Publikum zugedröhnt um Hilfe bittet, kurz bevor er sich die nächste Spritze setzt. So ungeheuerlich es klingen mag, belegte der Song – ausgerechnet dieser Song – unmittelbar nach seinem Erscheinen für drei Wochen die Spitzenposition des Jugendradiosenders Ö3 und wurde vom österreichischen Rundfunk sogar für ein TV-Special zum Jahreswechsel mit dem Namen „Countdown 68/69“ ausgewählt. In opulenten Pop-Art-Kulissen inszeniert, erreichte „Hypodermic Needle“ per Heimsehgerät ahnungslose Teenager im ganzen Land. Offenbar hatte keiner der Verantwortlichen bei Amadeo und ORF – wohl in Ermangelung der hausinternen Englisch-Kenntnisse – den kryptischen Liedtext entschlüsseln können. Das heimische Hippie-Movement hatte am Tag der Ausstrahlung freilich für alle Zeiten seine Unschuld verloren.

Im Februar 1969 ging Novaks Kapelle auf Österreich-Tournee. Die Gigs waren überrannt und sorgten für erstklassigen Gesprächsstoff, da die Band keine Gelegenheit ausließ, ihre Zuhörerschaft mit wort- und gestenreichen Unverschämtheiten zu bedenken. „Wir haben das Publikum ja immer gehasst", reüssiert Mauritz. „Das war für uns eine Verkörperung des Bürgertums, auf das wir geschissen haben. Selbst wenn die Leute jung waren, denn im Grunde musste man denen genauso den Oasch zeigen, wie den Alten“.

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Amadeo

Im November kam die zweite 7"-Veröffentlichung auf den Markt, deren A-Seite, "Smile Please“, ein Cover der obskuren US-amerikanischen Psychedelic Rock-Band The Hook, in der Novaks-Fassung einen offenen Gewaltaufruf gegen die Exekutive beinhaltete: „If you see a policeman strike him down as fast as you can. Try to catch him. He’s not quick. He’s got no brain but a stick“. Weitere wenig feingeistige, grob machistische und sogar urophile Tabubrüche fanden sich in den Lyrics wieder, die diesmal auf dem Cover der Single abgedruckt worden waren. Ein vorprogrammierter Skandal, der Novaks Kapelle umgehend Ö3-Spielverbot und schockierte Headlines im heimischen Feuilleton sicherte.

In jenen Jahren etablierte die Band mit etlichen Stör-Inszenierungen eine in Österreich neuartige, aktionistische Kultur des Anti-Entertainments: Einmal schickten sie bei einem Festival ihre eigenen Roadies auf die Bühne, die frei improvisierten und so taten als seien sie der Stargast aus Wien, bis das aufgeheizte Publikum wütend die Bühne stürmte. Ein anderes Mal boykottierte die Gruppe ihre eigene Recording Session, zu der sie laut Vertrag ihrer Plattenfirma verpflichtet gewesen wäre und verrichtete stattdessen ihre Notdurft im Aufnahmestudio. Auch Geschichten, bei denen Novaks Kapelle sich mit einflussreichen Medienvertretern anlegten - zum eigenen Gaudium und gewissermaßen ohne Grund - lassen sich in rauen Mengen auffinden. Diese Formation war in ihrer expliziten Verweigerungshaltung derart überzeugend, dass man sich unweigerlich fragt, wie wohl ihre Rezeption in den USA oder England ausgefallen wäre. Gleichzeitig ermöglicht das Naheverhältnis zum Wiener Aktionismus ein gedankliches Gegenmodell: Vermutlich konnte eine Gruppe wie Novaks Kapelle nur aus einem vom Weltgeschehen nahezu isolierten Biotop wie Österreich stammen. Wo sonst wären sie mit ihrer derben Proto-Punk-Masche bis in den Mainstream durchgedrungen?

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Novaks Kapelle

Im weiteren Verlauf ihrer Karriere vollzog die Band obligatorische Line-Up-Wechsel und spielte nur mehr unregelmäßige Live-Gigs und Tourneen. Mit der Ankunft des Punk ging Novaks Kapelle schließlich wieder ins Studio und veröffentlichte zwischen 1977 und 1979 drei weitere Tonträger, die eine der mystischsten heimischen Formationen der späten 1960er-Jahre in ihrer Spätphase als garstige Hard Rock-Band mit Glam-Einschlag dokumentierte.

FM4 Schnitzelbeats- Novaks Kapelle

Trost

Aktuell im gut sortierten Fachhandel erhältlich: „Fartwind – the complete Discography of Novaks Kapelle“ (Trost Records).

Den Anfang machte die 12“-EP „NOVAKSKAPELLELIVE“ (1977), deren fünf Songs live im Studio des Star-Produzenten Peter Müller entstanden waren. Ein Jahr später kam der einzige Longplayer der Band in die Läden: „Naked“, auf dessen Cover drei ältere Damen als nackte Pin-Ups verewigt worden waren; eine davon, die Mutter des Bassisten Peter Travnicek. Um den voyeuristischen Effekt noch zu verstärken oder auch einer kleinbürgerlichen Empörungskultur Vorschub zu leisten, entwarf die Schallplattenfirma Ariola hastig ein verhüllendes LP-Einlegeblatt mit dem Schriftzug „Achtung! Das Cover dieser Platte könnte eventuell empfindsame Gemüter schockieren“.

1979 veröffentlichte Novaks Kapelle ihren letzten regulären Tonträger, eine 12“-EP mit dem Titel „Brennmaterial für die 80er-Jahre“, auf dessen Plattencover vier unscharfe Polaroid-Schnappschüsse der Bandmitglieder zu sehen waren. Ebenso unprätentiös fielen auch die Aufnahmen aus: Schnörkelloser Heavy Rock, dessen spontaner Charakter schon Punk-Spirit geschnupft hatte. Im Jahr 1980 steuerte Novaks Kapelle noch dem „WienmusikK“-Sampler des neugegründeten Wave-Labels Schallter eine Nummer bei. Dann war Schluss.

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