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Die allerärgsten Explosionen

„Da. So seid ihr.“ Die knappe Feststellung stellt die deutsche Autorin Juli Zeh ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ voran. Es ist eine schauerliche Dystopie.

Von Maria Motter

Es beginnt so vertraut und mit gutem Humor. Da begrüßt das Paar Söldner ein befreundetes Paar zu Hause, der Mann macht klobiges Sushi und lacht über die eigene Patschertheit – „Sticky fingers!“ –, ihre Mädchen spielen im Kinderzimmer mit den Glotzis, „kuscheligen, kleinen Aliens mit drei großen Augen“, Angriff auf eine Multimediawand. Als Gastgeschenk bringen die Freunde chilenischen Wein aus dem Jahr 2020. Hallo, willkommen, in Zehs neuem Roman „Leere Herzen“ sind wir in einer nicht allzu fernen Zukunft angekommen.

„Ihre Play-Date-Freundschaft übersteht sogar die Tatsache, dass sie sich für unterschiedliche Schulen entschieden haben. Während Knuts und Janinas Tochter auf ein musisches Kinder-Colleg mit Klavierzwang und Smartphoneverbot geht, durchläuft Vera ganz entspannt die übliche Silicon-Valley-Pädagogik. Cora übt auf dem Xylophon »Kleine Schnecke krieche schnell«, Vera hat gerade ihr erstes Programm geschrieben, das einen Fisch über den Monitor schwimmen und nach dem Köder schnappen lässt, wenn man die Angel ins Wasser senkt.“

Buchcover von Juli Zehs "Leere Herzen"

Luchterhand

„Leere Herzen“ von Juli Zeh ist im Luchterhand-Verlag erschienen.

Der erste Eindruck ist einladend, das Scherzen der Freunde ist ein vertrautes. Eines, bei dem die eine oder andere Wahrheit auszusprechen erlaubt ist, ohne eine Eiszeit und eine Vertrauenskrise auszulösen. Der Individualismus hat seine Glanzzeiten hinter sich, man muss laut lachen, wie Zeh diese Menschen Anfang Dreißig und um die Vierzig beschreibt. Es tut nicht weh, ja, das könnte sogar ein ganz vergnügliches Kammerspiel werden. Aber da beenden die Abendnachrichten die Gemütlichkeit schlagartig und geben die Richtung des Romans vor. Wenige Sekunden sind Aufnahmen chaotischer Szenen auf dem Gelände des Leipziger Flughafens zu sehen. Zwei unbefugte Personen waren im Frachtterminal unterwegs und führten eine Substanz mit sich. Statt mit Entsetzen reagiert Britta Söldner mit Irritation. Denn das Business, das sie in den letzten Jahren mit dem einstigen Flüchtling Babak - „fett, schwul, nerdig und aus dem Irak. Heute ist er nicht mehr fett, und für die anderen Dinge schämt er sich nicht mehr.“ - aufgezogen hat, bekommt offenbar gerade Konkurrenz.

Bisher ist für Britta und Babak alles nach Plan gelaufen. Nach außen hin wahren sie den Anschein, eine Praxis mit einer Art Lebenshilfe zu führen. Doch tatsächlich ist ihr Geschäftsmodell so abstoßend wie lukrativ: Britta und Babak vermitteln mit ihrer kleinen Agentur „Die Brücke“ jenen Menschen, die keinen Sinn mehr am Leben finden, ein Ziel für Anschläge und Selbstmordattentate. Für eine vermeintlich gute Sache, zum Beispiel gegen den Walfang, sprengen sich die Kunden in die Luft. „Ein perfekt optimiertes Terrorgeschäft“, sagt Zeh über die mysteriöse Geschichte.

Ihr neuer Roman ist ein Gedankenspiel zu aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. „Leere Herzen“ erzählt eine Geschichte, der man auf den Grund gehen möchte. Zumal die Ausgangssituation herrlich kontroversiell ist: Den Gedanken, wenn man sich schon umbringt, diese sinnlose Tat mit Aufmerksamkeit und noch dazu für eine gute Sache zu verknüpfen, hatten wohl schon mehr Menschen, als man sich eingestehen möchte.

Also raus aus der Einfamilienidylle, hinein in ein Netz aus losen, dubiosen Bekanntschaften. Zeh bleibt diesmal immerzu ganz nah bei der Protagonistin Britta. Als LeserIn tappt man mit ihr im Dunkeln und mit ihr teilt man schnell das Gefühl, dass hier jemand ein gefährliches Spiel spielt. Als ein reicher Investor auftaucht, nimmt die Geschichte Züge eines Thrillers an. Als ob die bisherigen Unternehmungen Brittas nicht düster genug gewesen wären, steigern sich ihre Handlungen. Britta Söldner durchläuft ihr eigenes Programm.

Am Montag 13.11. stellt Juli Zeh ihren neuen Roman „Leere Herzen“ mit einer Lesung vor, rbb überträgt live. Hierzulande müssen wir uns gedulden: Am 7. Mai 2018 kommt Juli Zeh mit der Sängerin Nina Omilian ins Wiener Konzerthaus.

Knapp eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung von Zehs letztem Roman „Unterleuten“ ist heute mit „Leere Herzen“ ihr nächster Roman erschienen. In die Zukunft hat uns die deutsche Autorin schon einmal geführt, in „Corpus Delicti“ hat sie gegen ein System angeschrieben, das die Optimierung zum gläsernen Menschen vorantreibt. Das Zukunftsszenario in „Leere Herzen“ ist im Vergleich mit der Dystopie in „Corpus Delicti“ noch näher. Die Gesellschaft, in der Britta Söldner agiert, muss man sich genau anschauen.

„Mit einem Mal beginnt es in der Ferne zu böllern, ein Zischen und Knattern wie von Maschinengewehren, dann einige tiefe Schläge, die das Blattwerk des Ölper Holzes erzittern lassen. Im Bürgerpark eröffnet die BBB ihr Kulturfest. Der Wald verstummt, Vögel und Insekten scheinen die Luft anzuhalten. Britta mag kein Feuerwerk.“

Nach 300 Seiten Neugierde und Spannung bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Zeh, die mit Familie und Pferden am Land lebt und diesem Jahr der SPD beigetreten ist, ist einfach eine großartige Analytikerin unserer Zeit.

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