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Plakat des Films "Guardians of the Earth"

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Film

„Guardians of the Earth“

Filip Antoni Malinowski hat einen Dokumentarfilm über die Weltklimakonferenz 2015 in Paris gedreht. Im Interview erzählt er, wie er an Interviewpartner und Stories gekommen ist und wie nachhaltig die Konferenz selbst organisiert war.

Von Anna Katharina Laggner

Gerade findet die 23. Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen in Bonn statt. Übermorgen soll feststehen, wie die vor zwei Jahren auf der Klimakonferenz in Paris beschlossenen Entschlüsse umgesetzt werden. Die COP 21 in Paris gilt als bahnbrechend, da es zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen dazu gekommen ist, dass sich fast 190 Staaten darauf festgelegt haben, gemeinsam gegen den Klimawandel vorzugehen. Die Ziele lauten unter anderem: die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius zu reduzieren.

Filip Antoni Malinowski ist gebürtiger Pole, mit sieben Jahren ist er mit seiner Mutter nach Österreich gekommen.

Bereits vor und während des Studiums an der Akademie der Bildenden Künste hat er Filme gedreht, durchaus auch Projekte, die, wie er in diesem Porträt von cinemanext gesagt hat, von einer gewissen Selbstüberschätzung geprägt waren. Sein erster Langdokumentarfilm ist 2012 in die Kinos gekommen: „Maria muss packen“ handelt von seinen polnischen Großeltern, die nach über 60 Jahren aus ihrer Mietwohnung geschmissen werden.

Anna Katharina Laggner: Ich war verwundert zu sehen, dass du dich nach einem Film über deine Großeltern auf das megalomane Projekt einer Weltklimakonferenz eingelassen hast.

Filip Antoni Malinowski: Das ist ja immer der Insiderwitz. Wenn man die ersten Filme macht, dann macht man die über die eigenen Großeltern. Das hab ich damit abgeschlossen. Aber dieses große Thema der Solidarität war im alten Film schon da - da ging es ja um meine Großeltern, die mit 85aus ihrer Wohnung rausgeworfen werden. Und bei der Klimakonferenz geht es um ganze Länder oder Landstriche, die aus dem Klub der Erdoberfläche geworfen werden, weil sie überschwemmt oder von der Sonne ausgetrocknet werden, sodass man da einfach nicht mehr leben kann. Deswegen hat mich das sofort gepackt, als Fortsetzung vom kleinen Großelternfilm zum großen Film. Eigentlich ein Film über die Familie der Menschheit, die Familie aller Nationen, die sich dort in Paris getroffen hat.

Filmstill aus "Guardians of the earth"

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Bei der Klimakonferenz in Paris waren 35.000 Menschen - wie war es für euch möglich, den Überblick zu bekommen?

Es war generell kaum möglich, in Paris die Lage zu überblicken. Du hast 200 Länder innerhalb dieses Abkommens, jedes Land hat zwischen 10 und 100 Leute dort, also 35.000 Menschen auf einem Areal von zwei Kilometern. Alle 15 Minuten gab es eine Raumänderung, insgesamt 200 Raumänderungen pro Tag. Da kann man kaum einen Termin einhalten und es ist ganz schwierig, den eigenen Protagonisten zu folgen. Die haben dort ja auch viel wichtigere Dinge zu tun, als noch einem Filmemacher SMS zu schreiben, dass es grad eine Raumänderung gibt. Wobei… Es ist unmöglich, eine Klimakonferenz zu beschreiben. Da sind tausende Menschen unterwegs, die alle in einem Endzustand von Panik und Verzweiflung sind und unter politischem Druck stehen. Sie müssen permanent in die Hauptstadt berichten, wie es um ihr Land steht.

Filip Antoni Malinowski

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Filip Antoni Malinowski

Wie ist es euch dennoch gelungen, einen konzisen Film zu erzählen? Es gibt da ja ganz klare Erzählstränge, etwa über Australien, das als kohleförderndes Land versucht, das Klimaabkommen abzuschwächen oder Bangladesch, eines der am meisten betroffenen Länder weltweit.

Man kann das auf so einer Konferenz nur on the fly machen. Das heißt, man muss sehen, welche Prozesse und welche Figuren habe ich hier und wie kann ich sie verflechten. Das muss im Rhythmus der Konferenz 24 Stunden am Tag geschehen. Zum Beispiel haben wir gesehen, dass der australische Chefverhandler immer mehr zu einer Hauptfigur wird. Gleichzeitig war nicht klar: Kriegen wir genug Material oder taucht der irgendwo unter? Immer wieder waren Leute 24 Stunden am Tag nicht erreichbar, weil sie 24 Stunden am Tag in einer Verhandlung waren. Wir hatten zweieinhalb Kamerateams, fast drei Leute, die drehen konnten. Das heißt, wir haben sehr viel Material gedreht und wir haben wie ein Spieler auf etwas gesetzt und gehofft, dieser Strang wird was. Also Australien wird was, Bangladesh wird was, Frankreich wird was. Und das ist dann im Schnitt aufgegangen, als wir die fast tausend Stunden Material gesichtet, indexiert und zusammengeflochten haben. Aber es wurde schon klar, dass vor allem die Länder, die am meisten betroffen sind, eine wichtige Position bekommen.

Du meinst jene Länder, die bereits jetzt stark unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Wir haben ja im Film diesen einen Veteran aus Bangladesch: Saleemul Huq ist um die 70 Jahre alt - man sieht es ihm nicht an, vielleicht weil er so wenig an der Sonne ist und so viel Zeit auf diesen Konferenzen verbringt. Dieser Mensch ist 22 Jahre seines Lebens jedes Jahr auf einer Konferenz und hofft, dass die Menschheit etwas tun kann, dass Bangladesch nicht völlig überschwemmt wird. Bangladesch ist eines der drei Länder, die durch den Klimawandel fast völlig zerstört werden. Auch schon bei 2,3 Meter Meeresanstieg wird es von dort zehn bis zwanzig Millionen Flüchtlinge geben.

Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariates

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Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariats, kommt im Film vor.

Was war für dich die größte Überraschung auf der Konferenz?

Frankreich ist ja auch ein stolzes Land. Die haben versucht, die Konferenz auch als Imageprojekt zu nützen. Besonders stolz waren sie, dass man nicht nur jede einzelne Halle und jeden Sessel auseinanderbauen und recyclen konnte, sondern auch auf das Essen. Das französische Essen, das auf der Konferenz serviert wurde, bestand zum größten Teil aus Baguettes und Fleisch. Im Hintergrund standen Cola-Automaten und selbst das Mineralwasser war in der Dose. Das hat uns natürlich schon auch die Machbarkeit bestimmter Dinge vor Augen geführt. Also auf der einen Seite die Ambition, die Konferenz klimafreundlich zu gestalten. Und auf der anderen Seite die Unfähigkeit, ein Catering für 35.000 Leute aufzustellen, das nicht aus Sachen besteht, die klimaschädlich sind, Fleisch zum Beispiel.

„Guardians of the Earth“ feiert am Mittwoch, den 15.11. um 19:30 im Wiener Gartenbaukino Vorpremiere.

Nach dem Film gibt es eine Diskussion mit Filip Antoni Malinowski und einem Street Art Aktivisten von der Gruppe „Brandalism“.

„Brandalism“ hat Paris während der Klimakonferenz mit Guerilla Postern geschmückt. Diese Plakate haben auf einen weiteren Widerspruch aufmerksam gemacht: dass große Sponsoren der Klimakonferenz, wie etwa Air France, selbst zu den größten Klimasündern zählen.

Das ist ja ein Widerspruch, der im Film nicht einmal direkt angesprochen werden muss: Es ist ein bisschen absurd, dass Menschen aus der ganzen Welt an einen Ort fliegen, um Lösungen für die negativen Folgen der Globalisierung zu finden.

Und viele Menschen vertragen das westliche Essen nicht. Die kommen aus afrikanischen Ländern angereist, wo sie eine ganz spezielle Diät haben und müssen dann zwei Wochen lang täglich Kaffee trinken und Baguette essen. Dadurch waren die Krankenstationen überfüllt von Afrikanern, die Bauchweh und Durchfall hatten.

Überrascht hat mich, wie zugänglich die Stars der Diplomatie für diesen österreichischen Film von einem jungen Regisseur sind. Warum nimmt sich jemand eine oder zwei Stunden Zeit, läuft einen Kilometer durch das Areal in einen kleinen stickigen Interviewraum, der nur vier Mal vier Meter groß ist? Und unterbricht seinen ganzen Flow? Das hat mich wirklich überrascht, dass wir diese sehr wichtigen UN-Botschafter wie Christiana Figueres reinbekommen haben in den Film.

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