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FILM

Geschlechterkampf am Tennisplatz

Wie es aussieht, wenn eine Feministin gegen einen chauvinistischen Clown antritt, haben wir im letzten US-Wahlkampf gesehen. Das gleiche Bild beschreibt auch den Film „Battle of the Sexes“, der die wahre Geschichte eines legendären Tennis-Matches erzählt, geradezu perfekt. Emma Stone und Steve Carell sind in die Tennis-Outfits von Billie Jean King und Bobby Riggs geschlüpft.

Von Pia Reiser

Als 1973 the battle of the Sexes, das Tennis-Match der 29-jährigen Tennisranglisten-Ersten Billie Jean King gegen den 55-jährigen früheren Wimbeldon-Champion Bobby Riggs über die Röhrenfernseher flimmerte, hat sich wohl auch niemand gedacht, dass dieses Duell eines chauvinistischen Clowns und einer Feministin mit Kampfgeist sich in einem US-Präsidentschaftswahlkampf wiederholen würde. Nur mit anderem Ausgang. Dass Donald Trump Präsident wird, damit hat „Battle of the Sexes“-Drehbuchautor Simon Beaufoy offenbar nicht gerechnet, sonst wäre er mit dem - wenngleich wohl hauptsächlich nur zu Zwecken der Provokation aufgesetzten - Sexismus des Zockers Bobby Riggs härter ins Gericht gegangen.

Die wahre Geschichte um ein Fernsehereignis, ein Tennismatch, das zum Duell zwischen systemunterstützdem Altherrenwitz und dem Anpruch auf Gleichberechtigung wurde, bringen Jonathan Dayton und Valerie Faris („Little Miss Sunshine“) nun mit jeder Menge 1970er-Jahre-Ausstattungs-Flausen ins Kino.

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1973 heißt der Präsident Richard Nixon und der tweetet nicht, der greift zum Telefonhörer und gratuliert Billie Jean King (Emma Stone) zu ihrem Sieg beim „Thunderbird Tennis Tournament“. Doch der weitaus wichtigere Telefonanruf im Leben von King wird der von Bobby Riggs (Steve Carell) sein. Der vom Büroleben gelangweilte, Ex-Tennis-Champion sucht nach einem Nervenkitzel und vor allem nach medialer Aufmerksamkeit. Er fordert die Nummer Eins der Damen zum Duell heraus, um ein für alle Mal zu klären, dass Frauen Männern nicht ebenbürtig sind. Der muffige Chauvinismus, den Riggs hauptsächlich zu Show-Zwecken den Vertretern der Presse entgegenwirft, ist salonfähig.

Billie Jean King ist weniger entnervt vom Werbezweck-Sexismus von Briggs, als vom systemimmanenten Sexismus, der Veränderung verhindert. Jack Kramer, Vorsitzender der United States Lawn Tennis Association erklärt jovial, Frauen würden nun mal einfach weniger Publikum anziehen, die männlichen Spieler hätten Familien zu ernähren, Männer sein nun mal schneller und stärker. Das rechtfertige ein achtfaches Preisgeld für männliche Tennisspieler.

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Wenn Billie Jean King seinen Argumenten etwas entgegensetzt, folgt nur ein Schulterzucken und ein Blick ins immer halbvolle, er ist ja ein Mann, Kristallglas im Gentlemen’s Club. King ist die Herablassung und die Benachteiligung leid und gründet gemeinsam mit ihrer Managerin (Sarah Silverman) eine eigene Liga. Und erhält den Anruf von Bobby Riggs, der ihr ein Tennis-Match vorschlägt.

King durchschaut Riggs Gier nach einem letzten Moment des Ruhms und will auf seine Herausforderung nicht eingehen. Doch als er Margret Court in einem Match schlägt und nicht aufhört, seine jovialen Dummheiten über die Vormachtstellung des Mannes jedem entgegenzutröten, der es sendet oder druckt, willigt sie ein, am Tennisplatz gegen ihn anzutreten.

„Battle of the Sexes“ setzt wie viele Filme, die in den 1970er oder 1980er Jahren spielen, auf die die Errichtung einer Art Grund-Gutgelauntheit durch Retro-Schauwerte. Schlaghosen, Polyester-Blusen, große Brillen, die Grenze zwischen gutem Kostümbild und der Gefahr, einer Büro-Mottofeier zu gleichen, ist oft eine dünne.

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Ein paarmal übertritt „Battle of the Sexes“ diese Grenze in seiner Begeisterung für die modischen Ausreißer der Ära. Und doch ist das hier natürlich kein wohliger Blick zurück. Jeder Hauch eines nostalgischen Gedankens wird sofort im Keim erstickt, da der Sexismus gleich wie die Nikotischwaden omnipräsent ist - und weil es hier nicht den befreienden Gedanken gibt: „Herrlich, dass das heute nicht mehr so ist“.

„Battle of the Sexes"/"Gegen jede Regel“ startet am 24. November 2017 in den österreichischen Kinos

Weil kein (filmischer) Blick zurück möglich ist, ohne das Jetzt mitzudenken, ist „Battle of the Sexes“ eine stellenweise ernüchternde Erinnerung daran, was sich alles in den letzten 44 Jahren nicht geändert hat. Denn, wenn man die Fledermausärmel, die große Brillen und die Föhnfrisuren wegnimmt, sind manche der Aussagen und Handlungen erschreckend vertraut. Von der Einkommensschere bis zum eingestreuten Schätzchen bis zu der Tatsache, dass auch 2017 noch viele SportlerInnen davor zurückscheuen, ihre Homosexualität öffentlich zu machen.

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Billie Jean King ist verheiratet, als sie Marilyn Barnett trifft und sich in sie verliebt. Die wunderbare Andrea Risebourough irrlichtert in viel zu wenigen Szenen als Marilyn durch „Battle of the Sexes“, aber spätestens, wenn das Discokugellicht zu „Crimson & Clover“ auf ihr Gesicht fällt, ist es um einen geschehen. Die Figur der Marilyn ist so wenig entwickelt, dass ich sie für eine Erfindung des Drehbuchautors halte. Als ich nachlese, dass es Marilyn Barnett tatsächlich gegeben hat - und wie tragisch die Beziehung der beiden geendet ist, wundere ich mich noch mehr, dass sich der Film der offenen Homophobie der Ära nicht noch mehr angenommen hat.

So bleiben die Szenen mit Risebourough vor allem deswegen in Erinnerung, weil hier auch Emma Stone ruhiger, zurückgenommener agiert, als man es von ihr gewohnt ist. Sie ist die ruhige, ernste Kraft, während Steve Carell als Hofnarr in Tennisshorts die Grenze zum cartoonhaften Spiel übertreten kann - und trotzdem glaubhaft bleibt. Bobby Riggs würde sich gut im Freundeskreis einer anderen Steve-Carell-Figur machen, in manchen Momenten würde es einen in „Battle of the Sexes“ nicht wundern, wenn Rick Tamland und der Rest der schnauzbärtigen „Anchorman“-Runde um die Ecke biegen würde.

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Systemimmanente Idiotie und Ungerechtigkeit hätte man auch in einem weitaus weniger gut gelaunten Film aufzeigen können und stellenweise - wahrscheinlich geschuldet den aktuellen Debatten über Sexismus und sexuelle Übergriffe - verwirrt einen die fast naive Erzählweise von „Battle of the Sexes“.

Der Film ist eine Lektion in Sachen Emanzipation, aufgehübscht mit Retro-Chic an der Grenze zur kleinen Polyester-Nostalgie. Aber vielleicht taugt die optimistische Grundhaltung des Films ja vielleicht dazu, einen Funken Kampfgeist überspringen zu lassen. Wie heißt es so schön in „The Handmaid’s tale“? Don’t let the basterds grind you down.

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