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Noel Gallagher

Noel Gallagher's Highflying Birds

Noel Gallaghers neuer Masterplan

„Who Built The Moon?“ das dritte Album von Noel Gallagher, manövriert sich elegant in die Pole Position seiner Solokarriere.

Von Lisa Schneider

Seit Oasis 2009 endgültig beschlossen haben, sich trennen zu müssen, um Schlimmeres zu verhindern, hat Noel Gallagher unermüdlich gearbeitet: 2011 erschien das erste, selbstbetitelte Album, 2014 dann „Chasing Yesterday“. Die Highflying Birds sind dabei weniger nur eine Backing Band als auch tatsächliche Studiomitglieder. Auch, wenn sie bis zum jetzigen Album der Reihe nach alle ausgetauscht wurden.

Diese beiden ersten Soloalben von Noel Gallagher stimmten noch dezent nostalgisch den Klang früherer, glorreicher Britpopzeiten an. Der Versuch, mit dem als eher experimentiell bekannten Producer-Duo Amorphus Androgynous zusammenzuarbeiteten, scheiterte schon vor dem ersten Solo-Release von Noel Gallagher. Von Seiten des Duos „because he was too scared to be weird“.

Gerne auch ein bisschen schräg

Man kann ihm viel vorwerfen, aber Noel Gallagher ist es mit Sicherheit herzlich egal, ob andere ihn für „weird“ halten, oder nicht. Selbstbewusst wie eh und je betont er auch in heutigen Interviews, dass Oasis die beste Band seit den Beatles waren – und wohl auch bleiben werden. Er hatte immer schon ein Gespür dafür, was funktionieren wird, und was nicht. „Sometimes you write good songs, sometimes very good songs. I remember writing „Live Forever“, going to bed, waking up the next day and thinking „fuck man, that is the best song you’ve ever written“.“

Noel Gallagher

Noel Gallagher's Highflying Birds

Natürlich sagt Noel Gallagher das auch über sein neues Album. Damit schlägt er endgültig das zweite Kapitel seiner Karriere als Musiker auf. Ausschlaggebend für die neue Richtung war David Holmes, sonst eher in elektronischeren Gefilden und im Bereich der Filmmusik tätig. Zuvor hat Noel Gallagher seine Songs geschrieben, ist damit ins Studio gegangen, und hat dort mit seiner Band probiert, wie es eben am besten passt. Diesmal war es umgekehrt, die Songs sind direkt im Studio entstanden. Der Ausgangspunkt, und deshalb auch der Titel des Albums, war der Song „The Man Who Built The Moon“. „I wrote a chorus, and showed it to David. He was like: „Nah, you can do better“. We played this game eight times. It was the fucking eighth chorus when he finally said: „I knew it“. Yeah, he knew it.“

Noel verzichtet auf Oasis

David Holmes hat immer dazwischengegrätscht, wenn es ihm zu Oasis-lastig geworden ist. Und tatsächlich, außer einigen Zwischentönen und Referenzen wie seiner Stimme, die Noel schwerlich ablegen kann, gibt es wenig auf „Who Built The Moon?“ das uns zurückholt in die 90er-Jahre mit ausverkauftem Wembley-Stadion. Interessant ist das im Vergleich mit dem Album von Bruder Liam Gallagher, der mit seinem unlängst veröffentlichten „As You Were“ ein sehr gutes, aber auch lupenreines Oasis-Album aufgenommen hat. Er hat das Gulasch wieder aufgewärmt, es schmeckt auch sehr gut, den aufregenderen Schritt macht aber Noel Gallagher. Das wird Liam Gallagher wahnsinnig ärgern, aber wenigstens hat er dann genug Futter, um seinen Twitter-Feed weiterhin mit Beleidigungen aller Art gegen seinen Bruder zu versorgen.

Fun & Hard Facts

Alles, was man über Noel Gallagher wissen muss, gibt es hier in acht Minuten zu sehen.

Noel scheint es zumindest nach außen hin egal zu sein. „I don’t know how much time he spends on Twitter. He’s obsessed with me. Hey man, I love to be loved, but obsession is just.... not working.“

Kurz gestolpert...

„Fort Knox“ war eine der vorab veröffentlichten Singles, ein bombastisches Instrumentalstück, eine Blase, die einen hineinsaugt ins Album, mit zu sirenenähnlichen Geigen geschliffenem Gewummere und gedroschenem Drumset, dass es nur so scheppert. Es sitzt zu Recht als Opener am Anfang der gesamt elf Songs.

Überraschte Gesichter gab es nach der Auskoppelung einer der ersten Singles, „Holy Mountain“, Paul Weller ist Gast an der Orgel, aber das macht auch nichts besser. Sie stampft daher aus einer Zeit, in der Noels Großeltern noch jung waren. Es soll funky wirken, heiß, dann kommen noch die dicken Bläser und „Uh-uhs“ im Hintergrund dazu. Dieser Ausrutscher wird mit dem dritten Song des Albums, „Keep On Reaching“ fortgesetzt. Da hilft auch kein stampfender Beat, so viel Geschunkel und Kopfgenicke, die gedoppelten Hintergrundchöre, die „Ahs“ und „Ohs“, es ist zu viel, gesungen wie aus dem Mund eines folkloristisch gekleideten Animationscoaches.

Es wird noch richtig interessant, wie sich Noel Gallagher bei so viel Feelgood live präsentieren wird. Das ist außerdem ein wichtiger Punkt – viele seiner Fans und Kritiker, erzählt er im Interview, waren abgeschreckt von den ersten Singles. „Either they love it or they hate it. I actually think that I can’t say anything about all that before I have played all the songs live. That’s when I’m gonna know, if they work out or not.“

Die neunte Setlist für seine kommende Tour hat Noel Gallagher jetzt schon über den Haufen geworfen, er wird erst im Studio zu den Liveproben festlegen, welche auch älteren Stücke es wieder auf die Bühne schaffen. Die Tour geht Anfang 2018 Jahr los und wird weltweit ausgedehnt.

...aber dann!

Hat man es erst geschafft bis zur vierten Nummer, dem großartigen „It’s A Beautiful World“, wird alles gold. Dann geht es los, die Essenz, das Gute.

„It’s A Beautiful World“ fließt durch die Boxen, es ist ein sanfter, steter Groove, der die hingeworfenen Zeilen in sich aufsaugt. Die verzogene Stimme im Refrain schiebt das ganze noch einmal in andere Bewusstseinswelten, und alle wollen hinein, es ist wunderbar. Die Welt, sie ist schön. So sollte Noel Gallagher seine scheinbar neu aufgeladene Positivität immer verpacken, so ist sie glaubwürdig.

Bei einer Perle des Albums, „She Taught Me How To Fly“, inspiriert von New Order-Gitarren, beginnt der Song gleich mit dem Refrain, und der ist ebenfalls sehr schön: „The one I love, she is divine“. Eine Liebeserklärung, die sich bis ins Artwork durchzieht: Auf dem Cover ist Noel Gallaghers Frau Sara MacDonald zu sehen.

Die verdichtete Produktion schlenkert einem auch hier das erste Mal so richtig um die Ohren: dieses Album packt alles ein, und klingt deshalb so unendlich groß. Vollgepfercht mit vollständig besetztem Bläser- und Streicherensemble, Gitarren und Synthesizer, das müssen gute 100 Spuren sein, ein mehrschichtiges Ungetüm das ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt, und gleichzeitig beweist, was Musik eigentlich auslösen muss. Eine Erleichterung, ein zufriedenes Seufzen, den Wunsch nach mehr.

Cover "Who Built The Moon" von Noel Gallagher

Sour Mash Records

„Who Built The Moon?“ ist das dritte Studioalbum von Noel Gallagher’s Highflying Birds. Es erscheint auf seinem eigenen Label Sour Mash Records.

Auf dem Cover ist Noel Gallaghers Frau Sara MacDonald zu sehen.

„Be Careful What You Wish For“ ist das neue „Come Together“, mit „Black And White Sunshine“, gibts als Ausnahme dieses Albums einen Song, der wirklich die Gitarre zum Protagonisten macht, gezuckert mit ein bisschen Americana. Beim titelgebenden „Man Who Built The Moon“ baut und bäumt sich das Intro schließlich auf, es ist eine Anlehnung an die 1998er Oasis-Single „Masterplan“, aber trotzdem anders, es ist Noel Gallaghers neuer Masterplan.

Instrumentals und Stripped-Down-Version

Neben dem Eröffnungsstück gibt es noch zwei weitere rein instrumentale Tracks zu hören, „Interlude - Wednesday Part 1“ und „End Credits – Wednesday Part 2“, sie unterbrechen den Klangfluss. Es ist nicht ein Guss, es sind seltsam angeordnete Puzzleteile, gewöhnungsbedürftig. Das ist gut, und das ist spannend so, vor allem wenn man noch einmal an die Studioaufnahmen denkt, das direkte Von-der-Hand-weg-Produzieren. Aus einer solch beengten Ausgangssituation eine ähnliche Vielfalt herauszuschreiben, ist eine große Leistung.

Die Königsdisziplin hebt sich Noel Gallagher ganz für den Schluss auf. Als Bonustrack gibt’s „Dead In The Water“, eine Stripped-Down-Version inklusive kurzen Räusperern und Soundcheck am Anfang und Ende. Noel Gallagher in genau der Pose, die ihn groß gemacht hat, nur mit seiner Gitarre, dann einem dezenten Klavierspiel an der Seite. Es ist unsagbar fein arrangiert, dass dieser Bonustrack da ganz am Schluss noch wartet, mit offenen Armen, ein Abschiedskuss.

Mit „Who Built The Moon?“ hat Noel Gallagher sich aus dem Fenster gelehnt, kurz daneben gegriffen, aber daraus das gemacht, was ihn als Musiker im Vergleich zu seinem Bruder spannender macht: Er hat sich weiterentwickelt. Und das hat ihm, produktionstechnisch wie musikalisch, das vielfältigste und beste Album seiner Solokarriere eingebracht.

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