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Jeanette Winterson

Irmi Wutscher

„I am telling you stories. Trust me.”

Bekannt geworden ist die Autorin Jeanette Winterson 1985 mit „Orangen sind nicht die einzige Frucht“, ein Buch, das vom Aufwachsen als Adoptivkind in einer evangelikalen Gemeinde und von Ausbruch und lesbischem Coming Out erzählt. 2012 greift sie in ihrer Autobiografie nochmal zu den Orangen.

Von Irmi Wutscher

„Mein Vater liebte es, sich Ringkämpfe anzusehen. Meine Mutter liebte es, sie auszutragen; egal gegen wen.“ Gleich zu Beginn von „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ spürt man die gespannte Atmosphäre in der Familie, in der Jeanette Winterson aufgewachsen ist. Das Buch ist Fiktion, deckt sich aber in vielen Punkten mit Jeanette Wintersons eigener Biografie.

I didn’t want to tell the story of myself, but someone I called myself. If you read yourself as fiction, it’s rather more liberating than reading yourself as fact. (Oranges Are Not the Only Fruit)

Jeanette Winterson wurde adoptiert und ist in einer evangelikalen Gemeinde aufgewachsen. Die kämpferische bis fanatische Mutter hatte sich eine Mitstreiterin „gegen den Rest der Welt“ gewünscht. Das soll Jeanette sein, das „Findelkind“ – für das eine Karriere als Missionarin vorgesehen ist. Jeanette (die in den Orangen und die echte) macht da mit, akzeptiert das Leben und die Sichtweisen der christlichen Gemeinde als die ihren. Das zeigt sich etwa, als es um Bastelarbeiten in der Schule geht: Während die anderen Kinder Schäfchen auf den Wandbehang sticken, macht Jeanette eine Szene der Verdammnis und schockiert die anderen Kinder mit Erzählungen darüber, was sie in der Hölle erwartet.

Jeanette Winterson hält heute die Eröffnungsrede bei den Erich Fried Tagenim Wiener Literaturhaus. Das Thema ist „Ach! Reden über die Liebe“

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, der Eintritt ist frei!

Aber dann verliebt Jeanette sich in ein Mädchen und das Wohlwollen der Gemeinde und die Gemeinschaft mit der Mutter enden abrupt. Obwohl christliche Liebe und Vergebung gepredigt werden, ist das Verlieben in eine Frau unverzeihlich. „Es gibt zwar das Motto ‚Gott ist Liebe‘ in der Kirche. Aber das gilt nur für Menschen, die auf eine bestimmte Weise lieben.“, sagt Jeanette Winterson trocken im Interview.

„Orangen sind nicht die einzige Frucht“ ist Jeanette Wintersons Debütroman aus dem Jahr 1985, mit dem sie schnell berühmt geworden ist. Mitte der Achtziger Jahre wurden die Orangen als einer „der“ lesbischen Coming-Out-Romane gehandelt. Über ihren Roman sagt Winterson:„Diese Geschichte über mein Erwachsenwerden ist eine Geschichte von Kampf und von Schmerz. Ich versuche zu verstehen, warum Sexualität so ein Problem ist. Warum ist es wichtig, mit wem wir ins Bett gehen? Aus welchen Gründen ist das wichtig? Das waren Fragen, die ich mir gestellt habe.“

Ein paar von Jeanette Wintersons Büchern

Irmi Wutscher

2012 greift sie das Thema der „Orangen“ noch einmal in ihrer Autobiografie mit dem Titel „Warum glücklich, anstatt einfach nur normal?“ auf. Das ist der Satz, den ihr die Mutter entgegenschleudert, als sie beschließt, von zu Hause auszuziehen. Sind die Orangen noch die Geschichte einer Befreiung, geht die Autobiografie stärker auf die schmerzvollen Dinge ein. Die Kämpfe mit der fanatischen Mutter. Das Gefühl des Verlorenseins, von etwas, das fehlt, weil sie adoptiert ist. Auf die Frage, warum sie diese Geschichte noch einmal schreiben wollte, sagt Winterson: „Man kann die gleiche Geschichte wieder und wieder erzählen, und man wird sie jedes Mal anders erzählen.“

Lost and Found

„Warum glücklich, anstatt einfach nur normal?“ ist wesentlich düsterer als Wintersons Romane. Erzählungen aus der Kindheit, die übergroße und furchterregende Mutter. Die körperliche Gewalt wird hier ausbuchstabiert, nicht nur angedeutet. Aber man erfährt auch einiges über das harte Leben der working class im Nordengland in den Siebziger Jahren. Und wie der Glaube den Menschen damals auch Halt gab, wie er viele Familien vor der Zerrüttung bewahrte. Zum Beispiel. weil er die Männer vom Trinken wegbrachte. Heute sagt Winterson darüber: „Dinge sind selten nur das eine oder das andere. Diese Kulte, muss man eigentlich sagen, sind wirklich sehr eng verbunden. Wenn du drinnen bist, gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl, Menschen helfen einander. Da gibt es ehrliche Zuneigung.“ Aber auf der anderen Seite gebe es die Dogmen, die strengen Regeln. „Religion dreht sich immer ums Verzeihen, aber niemand verzeiht weniger als ein religiöser Mensch!“

I needed words because unhappy families are conspiracies of silence. The one who breaks the silence is never forgiven. (Why Be Happy When You Could Be Normal?)

Die Autobiografie geht aber noch über das Ende der Orangen hinaus: sie erzählt von einer psychischen Krankheit, die mit Realitätsverlust und einem Suizidversuch einhergeht. Winterson schafft es, die Krise zu überstehen, weiterleben zu können. „Jeder muss an irgendeinem Punkt im Leben mit verschiedenen Graden psychischer Erkrankungen kämpfen“, sagt sie. „Die Furchterregenden sind die, die glauben, ihnen geht es gut! Donald Trump z.B. ist ein Psychopath, er empfindet kein Mitgefühl für andere.“

Jeanette Winterson wurde am 27.8.1959 in Manchester geboren, sie wurde von einem Pfinstler-Ehepaar adoptiert.

1985 erschien ihr Debüt-Roman „Oranges are not the only fruit“ – für den sie den Whitbread Prize gewann. 1990 wurden die Orangen als BBC-Serie im Fernsehen ausgestrahlt.

Weitere bekannte Romane sind „The Passion“ (1987), „Sexing the Cherry“ (1989) oder „Written on the Body“ (1992).

Seit den Nuller Jahren schreibt sie auch Jugendromane und Kinderbücher. 2012 ist ihre Autobiografie „Why happy when you could be normal“ erschienen.

Jeanette Winterson ist Officer im Order of the British Empire, sie betreibt (noch) ein Geschäft für Biolebensmittel in Spitalfields in London.

Ausgelöst wird die Krise von Adoptionspapieren, die Winterson im Nachlass ihrer Mutter findet. Die zeigen, dass Winterson bei ihrer biologische Mutter lebte, bis sie sechs Monate alt war. Und dass ihre biologische Mutter keineswegs gestorben war, wie es ihr immer erzählt wurde. Winterson schreibt, wie sie beginnt, nach ihrer biologischen Mutter zu suchen. Die existenzielle Angst, die das auslöst, die Frustration im Umgang mit den Behörden. Schließlich findet Jeanette Winterson sie sogar. Damit ist nicht alles ausgelöscht oder gut. Aber ein besseres Verstehen ist möglich. „We all have some kind of damage“, sagt sie. „Sogar Harry Potter hat eine Narbe, das ist ein sichtbares Zeichen seiner Beschädigung. Die haben wir alle. Sind wir also ein bisschen freundlicher zu uns selbst und arbeiten wir kreativ mit diesen Schäden!“

Post-gender und post-hetero

Man kann Winterson aber nicht auf lesbische Coming-Out-Literatur reduzieren. In den Romanen nach den „Orangen“ erforscht sie alle möglichen Formen von Begehren und Sexualität. In „The Passion“ ist eine der Hauptfiguren ein_e Crossdresser_in. Oft gehen Protagonist_innen mit Männern und Frauen ins Bett. Bei „Written on the body“ ist sogar unklar, ob die Erzählstimme ein Mann oder eine Frau ist. „Ich habe mich gefragt: Wie stehst du dieser Beziehung gegenüber, wenn du nicht weißt, ob der_die Liebhaber_in ein Mann oder eine Frau ist? Würde das ändern, wie du die Geschichte liest? Das ist für viele Menschen sehr unangenehm - die wollen das wissen! Viele Menschen haben mich gefragt: Du musst das doch wissen, ist es ein Mann oder eine Frau? Und ich sage: Ich weiß es nicht! Und es ist mir egal!“

‚I love you‘ is always a quotation. You did not say it first and neither did I, yet when you say it and when I say it we speak like savages who have found three words and worship them. (Written on the Body)

Jeanette Winterson sagt, ihr Spielen mit Gender und Sexualitäten komme auch von ihrer Verehrung für Shakespeare. Denn zu Shakespeares Zeiten war das Publikum es gewohnt, Männer in Frauenkleidern auf der Bühne zu sehen. Oder überhaupt Männer, die eine Frau spielen, die sich als Mann verkleidet, usw. „Wir glauben, wir sind heute so wahnsinnig progressiv“, sagt Winterson. „Dieses Spielerische mit Gender gab es aber schon. Es war damals nicht so festgelegt, wie wir das heute gerne glauben wollen."

Sprache, um sich der Welt mitzuteilen

Das Arbeiterkind Jeanette Winterson hat sich in ihrer Jugend alphabetisch durch die Bibliothek von Accrington gelesen und so die Welt und die Sprache entdeckt.

“Books, for me, are a home. In the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. ”
(Why Be Happy When You Could Be Normal?)

Mittlerweile ist Winterson selbst im Universitätskanon angelangt. Als ich ihr erzähle, dass ich zum ersten Mal ein Buch von ihr in einem Uni-Seminar gelesen habe, muss sie lachen.

Gerade auf Deutsch erschienen:

„Wunderweiße Tage. Zwölf winterliche Geschichten“ von Jeanette Winterson in der Übersetzung von Regina Rawlinson. Verlag Wunderraum.

Auf die Frage, wie sie es findet, als „Frauenliteratur“ oder „Feministische Literatur“ bezeichnet zu werden, sagt sie: “Früher wurde ich darüber sehr wütend. Männer denken ja, sie schreiben für alle und Frauen schreiben nur für verschiedenste Untergruppen von Frauen. Und auf alle Fälle nicht für Männer! Männer lesen keine Bücher von Frauen. Sie denken, Frauen hätten nichts zu sagen, was irgendwie interessant wäre.“ Mittlerweile sei sie stolz darauf, Teil der feministischen Bewegung zu sein, Teil der Bewegung für gleiche Rechte für Homosexuelle.

Not interested in being clever

Auch wenn sie Themen verhandelt, die kompliziert oder zumindest sehr intellektuell klingen, Wintersons Texte sind es nicht. Im Gegenteil: die Sprache ist einfach und klar. Manchmal gibt es Sätze, die man wie Sinnsprüche auf ein Tuch sticken oder auf ein T-Shirt drucken könnte. Winterson sagt, das käme noch von den Tagen in der christlichen Gemeinde: „Die Bibel ist ja tatsächlich das erste ‚Smarte-Sprüche-Buch‘. Die Menschen haben sich da Sätze herausgenommen, wie zum Beispiel ‚Gott ist Liebe‘, und sie sich an die Küchenwand gehängt. Simple Dinge.“ So ähnlich schreibe sie eben auch, das komme von der Bibelstudien-Zeit.

There is no discovery without risk and what you risk reveals what you value.
(Written on the Body)

Sie wolle Menschen keine Vorträge halten, sie erzähle Geschichten. Ihr gehe es darum, die Menschen mit der Geschichte zu packen, sie zu verführen. „I am not interested in being clever – I am interested in having a conversation!“

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