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Joachim Meyerhoff

Ingo Pertramer

Einsam, zweisam, dreisam

Aus den kuriosen Begebenheiten seiner ersten Bücher wird in Joachim Meyerhoffs viertem, autobiografischen Roman „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ endgültig schenkelklopfender Klamauk.

Von Katharina Seidler

Joachim Meyerhoff hatte immer ein bewegtes Leben. Aufgewachsen als Sohn eines Psychiatriedirektors direkt auf dem Gelände von dessen Anstalt, waren für ihn die Schreie der Patienten der ins Herz geschlossene Sound der Nacht. Von seiner liebevollen Familie und dem spät aufgedeckten Doppelleben seines Vaters, von seinem Austauschjahr in den USA, dem Unfalltod eines Bruders und der Ausbildung in einer renommierten Münchner Schauspielschule während der er Gast im Haus der Großeltern ist, schreibt der Burgtheater-Star in seinen ersten drei Romanen „Alle Toten fliegen hoch: Amerika“, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ und „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Cover "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" von Joachim Meyerhoff

Kiwi Verlag

Joachim Meyerhoff: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“, erschienen bei Kiepenheuer&Witsch. Eine Leseprobe findet man hier.

Zu erzählen gab es genug, und Joachim Meyerhoff tat dies mit kindlicher Freude, selbstironisch und ungezwungen, mit schmerzlichen Einschüben über die in seinem Leben verlorenen Menschen, und gewann für seine Bücher zahlreiche Literaturpreise und Zuhörer-Herzen bei Lesungen.

„Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Der vierte Teil seiner autobiografischen Reihe widmet sich den Anfangsjahren des jungen Schauspielers an verschiedenen Provinztheatern, und vor allem seiner ersten großen Liebe. Genauer gesagt sind es drei Lieben, drei Frauen, mit deren Zuneigung und Aufmerksamkeit Meyerhoffs Protagonist parallel in seinem Leben jongliert. Seine Haupt-Freundin, Hanna, fordert in anstrengenden Gesprächen und privaten Dramen seinen Intellekt und seine Geduld, mit der Tänzerin Franka erlebt er ungeahnte sexuelle Höhenflüge, und in der Backstube der Bäckerin Ilse findet er lang ersehnte Geborgenheit.

Für Selbstmitleid allerdings blieben noch jede Menge Restkapazitäten. Das ständige Wechseln der Bettwäsche, das Haarewegzupfen, das Knutschfleckenverstecken, die Rückenkratzerkontrolle im Spiegel, (…) und am mühsamsten: die Überkonzentration, die Ereignisse richtig zuzuordnen und nicht plötzlich am falschen Ort in falschen Erinnerungen zu schwelgen. Es war die Hölle – und dennoch! Und dennoch und dennoch, ich mochte es.

Zu bewerkstelligen ist dieses Leben zwischen Proben und Aufführungen, wilden Partys und Sex, stundenlangen Gesprächen und dem täglichen frühmorgendlichen Mithelfen beim Brotbacken für den jungen Ich-Erzähler nur noch durch Koffeintabletten und permanente Selbstüberforderung. Dass sein bizarres Love-Rectangle nicht lange intakt bleibt, kann man sich ausmalen, und im Lauf des Buches gehen neben Herzen auch Weingläser oder Duschkabinen zu Bruch.

Immerhin, in all dem Wirbel entdeckt der Künstler eine Lebendigkeit und Getriebenheit, die ihm auf der Bühne zugute kommt. Eine Aufführung der radikalen katalanischen Performance-Truppe La Fura dels Baus inspiriert ihn zu noch mehr Radikalität in Spiel und Leben, und auch die Sprache des Autors ist wie immer kraftvoll und klar, in ungestümen Bildern.

Ich besuchte sie am Wochenende, und es war ein hoffnungsvoll schimmernder Frühlingstag. Ich erinnere mich übergenau an das Licht an diesem Tag. Es war mutig und fordernd, strahlte und rammte seine leuchtenden Hörner in Fassaden und Gesichter.

Man nimmt Joachim Meyerhoffs Erzähler seine Getriebenheit ab und kann seinen Lebensdurst im Strudel der Liebschaften nachschmecken, so sehr man sich in vielen Situationen auch fragen mag, warum er angesichts zahlreicher Zickigkeiten nicht längst Reißaus genommen hat. Und dennoch! Und dennoch: Es ist zu viel. Zu viel Drama, zu lange Passagen und vor allem zu viel Humor. Was in den früheren Romanen Meyerhoffs noch feine Situationskomik und lebensnahe Skurrilität war, wird in „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ nicht selten zum Slapstick. Im Rückblick auf das, was kurz darauf seine Entjungferung werden sollte, berichtet das lyrische Ich etwa von einer verlorenen Erektion. Er rast auf dem Rad nachhause, gewinnt seine Kraft wieder, fährt zurück, wird vor der Tür seiner Freundin doch wieder von Mutlosigkeit übermannt, steigt wieder aufs Rad, kehrt später nochmals wieder.

Zu wenig leise Momente

Den aufdringlichen Witz solcher Szenen konterkariert der Autor Meyerhoff, wie bereits in seinen anderen Romanen, mit den Bildern „seiner Toten“, dem ungeborenen Kind, dem verunfallten Bruder, dem Vater, den Großeltern. Sie sind immer an seiner Seite, und es sind diese Momente der liebevollen und schmerzlichen Erinnerung, in denen die Erzählung am meisten bei sich ist: Wenn sie nicht, ähnlich wie der Alltag des Ich-Erzählers, durch erzwungenes Selbstbewusstsein und übergroße Lautstärke übertönt wird.

Der Bruder Anfang zwanzig, der Vater Anfang sechzig, die Großeltern Anfang neunzig. Und jetzt also ein Baby? Welches Alter, überlegte ich, hat es? Wie rechnet man das? Dies Alter vor dem Anfang? Ich spürte, dass es lebte. Eigentlich müsste doch ein Kind drei Monate nach der Geburt seinen ersten Zeugungstag feiern, dachte ich. Wie einfallslos das ist, einen Menschen erst dann lebendig zu nennen, wenn man ihn sieht.

Wer Joachim Meyerhoff als Autor immer schon vor allem wegen seines Humors geschätzt hat, wird auch von „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ nicht enttäuscht sein. Leise Momente wie die ebenso herzzerreißende wie herzerwärmende finale Szene als Abschluss der Roman-Tetralogie findet man darin leider zu wenige.

„Hast du vielleicht Lust, spazieren zu gehen?“

Ich war genauso fassungslos über diesen Satz wie sie. Meine Frage war ohne Ausweispapiere an allen Kontrollpunkten und Sicherheitsschleusen vorbei dreist von meiner Zunge aus ins Freie gesprungen. Kein Gedanke war diesem Satz voraus gegangen.

Vielleicht, dachte ich später, trägt jeder Mensch so ein paar Sätze in sich, von denen er gar nichts weiß, die unbemerkt in ihm schlummern und das ganze Leben verändern können. So einen kleinen handlichen Trommelwortrevolver, dessen Kugeln sich unerwartet lösen und unleugbar, unumstößlich ins Dasein knallen.

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