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So geht Fußball...

Was die Salzburger Meisterleistung vom Sonntag über den österreichischen Fußball, seine Coaching-Maßstäbe und Stammhirn-Aufstellungen erzählt.

Von Martin Blumenau

In den letzten Tagen hat Red Bull Salzburg sich nicht nur für den europäischen Frühling qualifiziert und seine beiden nationalen Mitbewerber demoliert: das Trainerteam um Marco Rose lässt mit seinen strategischen und taktischen Maßnahmen Rest-Österreich (samt dem ÖFB) als vorgestrig dastehen.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Und das zurecht.
Am Sonntag, im Spitzenspiel bei Rapid Wien, ging Marco Rose, der beste in Österreich tätige Coach (und sonderbarerweise der einzige, der beim ÖFB nicht einmal auf einer longlist zu finden war) von seinem bisher (auch schon bei seinem Youth League-Gewinn) erfolgreich praktizierten System ab und spielte aus einem „3-4-3, 5-2-3, 5-4-1, je nach Situation“ (Zitat von Rose nach dem Spiel).

Rapid-Coach Djuricin erzählt nach dem Spiel, dass er die Dreier- bzw Fünferkette schon am Blankett erkannt habe; mit dieser Denkleistung war er den TV-Anstalten, die erst in der Halbzeit nachzogen, voraus.

Diese völlig unerwartete Neuerung überforderte nicht nur die Live-Broadcaster, sondern auch den Gegner, auf dessen Schwächen sie ganz präzise abgestimmt war, und der zu wenig dagegensetzen konnte.
Das ist bemerkenswert genug - ein „normaler“ Trainer probiert so etwas zuerst im Testspiel und dann gegen einen leichten Gegner, nicht aber in einer meisterschaftsweichenstellenden Schnitt-Partie.

Hier die ausführliche taktische Analyse des Kollegen Akhondi auf 90minuten.at

Roses 5-4-1 war aber nicht einmal in einem Training geprobt, sondern wurde bloß zwei Tage lang besprochen. Seine Kicker, so Rose in seiner hier nachzusehenden Pressekonferenz nach dem Match, seien Vollprofis und verfügen über ausreichendes Spielverständnis, „sonst wären sie nicht dort, wo sie gerade sind.“

Außerdem habe man diese Strategie gemeinsam erarbeitet und auch entschieden. Der finale Beschluss sei erst in Wien gefallen: „Ja, Trainer, wir probieren das mal“.

Da noch der zitatreiche Bericht von laola1.at sowie eine läuft!-Analyse.

Diese Flexibiliät zeigte sich dann auch im Spiel selber: als nach wenigen Minuten klar war, dass der als zentraler Innenverteidiger vorgesehene Miranda gegen den ebenfalls überraschend zentral aufgestellten Schobesberger nicht so gut zurande kam, tauschte er (nach kurzer Besprechung mit dem Trainer) seine Position mit dem schnelleren Pongracic. Nahtlos.

Und hier noch die ebenso umfassende Analyse des Kollegen Ungerank auf abseits.at.

Das alles zeugt von ungemeiner Reife und hohem Bewusstseinsstand - Qualitäten, die man Fußballern kaum zugesteht; Tugenden, die ein Trainerteam auch erst einmal herauskitzeln muss.

Diese, in aller Ruhe und Gelassenheit vorgetragene Lehrstunde des österreichischen Fußballs zeigt aber auch eines: die Zögerlichkeit, die Ängstlichkeit, die österreichische Mannschaften (vor allem dann, wenn sie international auftreten) ausstrahlen, entsteht durch Zögerlichkeit und Ängstlichkeit von unzureichend mit strategischer Sicherheit ausgestatteten Coaching-Teams.

Andere stellen mit dem Stammhirn auf

Und es zerschmettert auch die Ausrede, die sich wie ein roter Faden durch den dritten Teil der Ära Koller zog: dass man ein neues System, eine neue Idee erst endlos proben müsse.

Das ist eine Denkwelt, in der sich auch der neue ÖFB-Coach Foda pudelwohl fühlt. Und wenn er bei seinem Debüt mit seinem Stammhirn (und dem dort tief verankerten, angstdurchfluteten flachen 4-4-2) aufstellt und bei dessen (logischem) Versagen auf die Stammhirn-Aufstellung seines deutlich bewanderteren Vorgängers (Kollers 4-2-3-1/4-4-1-1-Hybrid) umstellt, dann zeugt das ausschließlich von fehlendem Können. Und dazu gehört beim Coaching eben (und das mittlerweile in hohem Maße) der Mut zur richtigen Strategie zum wichtigen Zeitpunkt. Wer das nicht mitbringt, der wird bei Vollprofis mit ausreichendem Spielverständnis, die bei internationalen Vereinen komplexere Systeme beherrschen und eben nicht zufällig dort angekommen sind, „wo sie gerade sind“, innerhalb kürzester Zeit nicht mehr ansprechen können.

Mut zur Empathie, Mut zur Innovation

Klar, manchmal geht diese herausfordernde Arbeit auch schief. Wenn man etwa wie Damir Canadi (der zuvor bei Altach und jetzt bei Atromitos Athen Übermenschliches leistet und dazwischen bei Rapid völlig einging) den menschlichen Faktor unterschätzt. Das ist bei Marco Rose ganz offensichtlich nicht der Fall: allein die Beschreibung seiner Entscheidung, seinen erfolgreichsten Spieler (Munas Dabbur) für sein System zu opfern, zeigte mehr Empathie als Canadi seine gesamte Rapid-Zeit über.

Bevor Rest-Österreich die (von Interessensgruppen in Vereinen, Experten- und Altinternationalenkreisen und abhängigen Medien lobbyierte) Ausrede, es wären zu wenig mündige und so weit entwickelte Spieler vorhanden, abnickt, die Salzburger und Team Rose als Ausnahme und Weltwunder etikettiert und zur Tagesordnung übergeht: der Fisch stinkt vom Kopf her, meist einem Kopf voller Ideen- und Innovationsarmut. Und: ein paar wenige Ausnahmen (man nehme nur die beiden Außenseiter-Teams, die sich aktuell im Spitzenfeld der 2. Liga tummeln...) zeigen ja, dass sich Mut und angstbefreites Handeln lohnen.

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