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Florence Pugh in "Lady MacBeth"

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Die Killerin im Korsett

Alles andere als ein staubiger Kostümfilm: „Lady MacBeth“ ist ein Psychothriller von düsterer Schnönheit, der von einem emanzipatorischen Befreiungsschlag erzählt.

Von Pia Reiser

Kein Kleidungsstück eignet sich so hervorragend wie selbsterklärend als Metapher für einen gesellschaftlichen Status Quo. Auch in „Lady MacBeth“ sieht man, wie Katherine Lester jeden Morgen von einem Dienstmädchen in ein Korsett eingeschnürt wird.

Der Film beruht auf dem Roman „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolai Semjonowitsch Leskow

Macht eine schlankere Taille, sorgt für aufrechten Gang. Biegt den Frauenkörper zu einer modischen Norm zurecht, verhindert Bewegungsfreiheit - und „schön sein“ und „still halten“ formuliert dann nicht nur die Aufgaben des Korsetts aus, sondern das, was man 1865 - nicht nur da, aber in dem Jahr spielt „Lady MacBeth“ - sich von einer Frau der gehobenen Gesellschaft erwartet hat.

Hinterhältiges Kino

Die junge Frau im tatsächlichen wie im metaphorischen Korsett wurde mit einem dumpfen Kaufmann verheiratet, der Wind pfeift um das abgelegene Anwesen und das umliegende Hochmoor bietet reichlich Gelegenheit für fantastische und unwirtliche Landschaftsbilder. Klingt alles nach den üblichen Kostümfilm-Zutaten, doch „Lady MacBeth“ ist ein Stück herrlich hinterhältiges Kino.

Begnügt sich nicht damit, uns zu erzählen, wie schwer es die junge Katherine Lester hatte. Angedeutet wird dies schon früh, im Blick von Katherine, sie weicht mit den Augen weder ihrem trunkenboldischem Ehemann (mit Nick-Cave-Frisur) aus, noch dem herrischen Schwiegervater. Sie bietet beiden die Stirn, in eine Opferrolle lässt sich Katherine nicht pressen, da mag das Korsett noch so fest geschnürt sein.

Lady MacBeth

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Sie ist gefangen in der lieblosen Ehe und diesem riesigen Haus, das man nie von außen zu sehen bekommt - und so wird man zum Mitgefangenen. Immer wieder sehen wir eine geschwungene Treppe, einen Gang, den dunklen Speisesaal, doch Regisseur Oldroyd verhindert, dass man das Haus jemals als ganzes erfasst, es wird zum labyrinthischen Gefängnis, in dem man irgendwann verrottet, wenn man nicht etwas an seiner Situation ändert.

Unstaubige Ölgemälde

Wie ein Song auf einen Refrain setzt, setzt „Lady MacBeth“ auf die Wiederholung von Bildern. Immer wieder sehen wir Katherine mit streng geflochtenen Haaren und blitzblauem Kleid auf einer gepolsterten Bank (es Sofa zu nennen, würde den Gedanken an eine bequeme Situation auslösen und das ist es ganz und gar nicht) und starrt auf den nicht angemachten Kamin ihr gegenüber.

Kühl komponiert ist der ganze Film und immer wieder setzt William Oldroyd auf symmetrische Bilder, es könnte ein Ölgemälde sein, wie Katherine hier sitzt und starrt, nur der im Lichteinfall sichbar werdende Staub, der herumwerkelt, erinnert in diesen Momenten daran, dass dies ein Film ist. Staubig ist „Lady MacBeth“ nur in diesen Momenten, und dann auch nur im wörtlichen, niemals im übertragenen Sinne.

Der Blick, den uns die hervorragende Florence Pugh hier als Katherine entgegenwirft, variiert, seine Intensität steigert sich. Zu Langeweile gesellt sich Angewidertheit. Der Stumpfsinn ihres Alltags, das Sich-Herausputzen, nur um dann im Haus herumzusitzen und sich später von Vater oder Schwiegervater runterputzen zu lassen, wird unaushaltbar. Nach draußen soll sie nicht, sie könnte sich verkühlen und ein kranker Frauenkörper, der ist ja so gar nichts wert.

Florence Pugh in "Lady MacBeth"

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Mörderischer Befreiungsschlag

Als sie von Mann und Schwiegervater für einige Wochen alleine gelassen wird, stürmt sie als erstes nach draußen ins Hochmoor, die Haare offen und es ist offensichtlich, dass es nicht nur bei einer Frisuren-Rebellion bleiben wird. Katherine beginnt eine Affäre mit dem Gutssarbeiter Sebastian, sie genießt Freiheit und Selbstbestimmung. Als diese neugefundene Freiheit von der Rückkehr des tyrannischen Schwiegervaters gefährdet wird, setzt sie zum mörderischen Befreiungsschlag an. „Lady MacBeth“ ist mehr als ein Kostümdrama mit feministischem Twist, wie man zunächst annimmt, es wird zum Psychothriller im Reifrock.

Hier wird man auch nicht mit Kammermusik zugedudelt, um ja nicht zu vergessen, in welcher Epoche man sich befindet. Nur dreimal kommt Musik zum Einsatz, dann aber mit vollem Effekt. Und gesprochen wid auch nicht allzu viel, aber wozu denn auch, wenn Regisseur Oldroyd mit seinen kühlen Bildern voll düsterer Schönheit ohnehin alles ausformulieren kann.

Florence Pugh in "Lady MacBeth"

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„Lady Macbeth“ startet am 1. Dezember 2017 in den österreichischen Kinos

„Lady MacBeth“ ist auch außergewöhnlich, weil er von der Kostümfilm-Norm abweicht, in dem er die keine rein weiße Gesellschaft abbildet. Es gibt mehrere schwarze Figuren - aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Katherines Dienstmädchen Anna ist schwarz und stumm, eine Figur, die stimm- und machtlos ist, mehr braucht es gar nicht, um nicht nur einen geschichtlichen Kommentar abzuliefern, sondern auch zur Erinnerung an die fehlende Repräsentation der schwarzen Bevölkerung in Historienfilmen zu werden.

Ein grandioser Genre-Twister, ein Film, für den man früher die Phrase „lässt das Blut in den Adern gefrieren“ ausgepackt hätte.

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