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CC BY 2.0 von Steve Arnold

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Prosa am Gefrierpunkt

Mad Men-Erfinder Matthew Weiner hat einen ersten Roman geschrieben. Und was für einen! „Alles über Heather“ ist eine psychologische Trickkiste, der man nach wenigen Seiten verfällt und die man bis zum bitteren Ende nicht mehr aus der Hand legt.

Von Anna Katharina Laggner

Wie eng die Grenze zwischen Kunst und Schund doch verläuft. So eng, dass man sie kaum benennen kann. Doch Matthew Weiner legt seine Köder schon in den ersten schnörkellosen Zeilen aus: die Geschichte beginnt mit einem Date, es folgen der obligate Sex und die obligate Hochzeit. Eine kapitalistische Beziehungsanbahnung, eingefädelt von findigen Freundinnen, finalisiert von Karen, der geheimen Schlüsselfigur des Romans. Sie ist Heathers Mutter und penibel darauf bedacht, keine Kompromisse, vor allem finanzieller Natur einzugehen. Sie wolle nicht, heißt es schon auf der ersten Seite, „ein Leben lang täglich in ein hässliches Gesicht starren und sich besorgt fragen zu müssen, was es wohl kosten möchte, die Zähne ihrer zukünftigen Kinder richten zu lassen“.

Sämtliche Charaktere in Weiners Roman haben nicht nur einen Namen, sondern sind auch sozial und monetär eingekastelt.

buchcover von alles über heather

rowohlt Verlag

„Alles über Heather“ von Matthew Weiner ist in einer Übersetzung von Bernhard Robben im Rowohlt Verlag erschienen.

Heather wird dem Wunsch der Mutter und dem Wall Street Verdienst des Vaters entsprechend in eine Luxusgegend Manhattans geboren. Betrachtet aus den höheren Gefilden eines gut gefüllten Kinderzimmers und zu ebener Erde bewacht von einem Doorman, liegt ihr die Welt zu Füßen.

Wenige Meilen entfernt, aber jenseits der sozialen Kluft, wird zeitgleich mit Heather Bobby als Sohn einer Drogensüchtigen und eines unbekannten Junkies geboren, in eine Welt die, um im Bild zu bleiben, ihre Schäfchen mit Füßen tritt.

Rund zwanzig Jahre später kreuzen sich ihre Wege. Mittlerweile konnte sich Heather zwar mit eigener Kraft aus der erdrückenden Mutterliebe befreien, doch der Erscheinung des Bobby, der Anziehung dieser für sie gänzlich unbekannten und daher verwegenen Welt, wird Heather nicht entkommen. Man selbst ist zu diesem Zeitpunkt der messerscharf kalkulierten Prosa längst verfallen.

Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Schund: Matthew Weiner schreibt keine einfältige Prosa, sondern eine, die am Gefrierpunkt ist, er liefert keinerlei Interpretation, keinen Kommentar zur Upper Class, aber jede Zuschreibung, jede Bezeichnung ist so exakt, dass – nicht umsonst kommt der Mann aus Film und Fernsehen - unmittelbar Bilder entstehen: die schicke Designerwohnung im Gegensatz zur holzverschalten Bude, die pathologische Fürsorgemutter im Gegensatz zur heroinspritzenden Anti-Bezugsperson, der geldscheffelnde Pantoffelheld im Gegensatz zum unbekannten Vater und nicht zuletzt die anmutige Goldmarie im Gegensatz zum Hilfsarbeiter, der in diesem Leben nichts mehr zu verlieren hat.

Es erfordert literarisches Geschick, anhand dieser plumpen Gegensatzpaare das Übel sozialer Ungerechtigkeit, Vereinsamung und prahlerischer Großstadthetzerei zu sezieren. „Alles über Heather“ ist ein rauschhaftes Vergnügen für einen Lesenachmittag.

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