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Das Label Staatsakt

Zu Besuch bei einer der ambitioniertesten Indie-Plattenfirmen Deutschlands: „staatsakt.“ in Berlin.

Von Christian Lehner

Kann ein Anachronismus sitzen? Oder zwei von denen? Der Musikjournalist und der Labelbetreiber haben soeben Platz genommen. Der Musikjournalist bin ich, der Labelbetreiber ist Maurice Summen. Beide haben wir die 40 überschritten. Beide machen wir Dinge, von denen man sagt, dass es sie bald nicht mehr geben wird.

Maurice Summen und Markus Göres von staatsakt.

Christian Lehner

Markus Göres und Maurice Summen im staatsakt.-Büro in Berlin.

Über unseren Köpfen hängt ein altes Ravensburger-Puzzle mit 5.000 Teilen. „Irgendein Brueghel“, sagt Summen, „am Flohmarkt erstanden“. Die Google-Bildersuche wird ergeben, dass es sich um ein Werk von David Vinckboons handelt. Auch ein Niederländer, ähnliche Periode, aber eben ein anderer. Ein Facebook-Posting später sind auch die staatsakt.-Leute über den Irrtum informiert.

staatsakt.-Special in der FM4 Homebase

Am Mittowch 6.12.2017 widmet sich die FM4 Homebase (19-22) eine Stunde lang dem Label staatsakt. Mit Musik von Christiane Rösinger, Klez.e, Ja,Panik, Maurice und die Familie Summen, Isolation Berlin und vielen mehr.

Ich fühle mich ein wenig schuldig. Einerseits konnte ich mich mit etwas Recherche und Aufklärung für die gute Musik, die Wortspenden von Maurice Summen und die hervorragend schmeckenden Weihnachtskekse (gebacken von der Mutter des Co-Betreibers Markus Göres) bedanken. Andererseits plagte mich das schlechte Gewissen, mit der Benennung der wahren Urheberschaft der Puzzlevorlage möglicherweise einen betriebsinternen Mythos zerstört zu haben.

Die Indie Siedler

Maurice Summen gehört zu den frühen Prenzlauer-Berg-Siedlern. In den Vorzeiten der Gentrifikation ist er gekommen und hat sich mit Label und Familie im Gleimkiez „festgewohnt“, wie er es nennt. Seit den 90ern hält der Mietvertrag und ist somit recht und billig, jedoch auch ständig von der „Klimasanierung“ bedroht. So nennt man das, wenn Vermieter alteingesessene Bewohner von Altbauwohnungen mittels energetischer Renovierung aus bestehenden Verträgen drängen (können).

„Ein Problem der Überteuerung der Innendstädte ist, dass sich fast nur noch Kinder reicher Eltern leisten können, Künstler zu werden“, sagt Summen, „Mit dem Mauerberlin der Genialen Dilletanten und Wehrdienstverweigerer hat das nichts mehr zu tun.“ Den passenden Song zur Lage hat staatsakt.-Künstlerin Christiane Rösinger geschrieben. „Eigentumswohnung“ war die erste Auskopplung aus ihrem diesjährigen Album „Lieder Ohne Leiden“.

Die Räumlichkeiten von staatsakt. gleichen eher denen einer Wohnung als jenen eines schnieken Labelbüros. Zigarettenrauch liegt in der Luft, die Regale sind gut gefüllt mit Vinyl-Releases. Wir trinken Kaffee und reden.

Wenn man mit Summen spricht, merkt man schnell, dass Staatsakt ein Label mit Haltung und Vision ist – ähnlich wie die Post-Punk-Plattformen der 80er-Jahre: links, aber nicht parteipolitisch engagiert. Wer sich davon überzeugen möchte, muss nur die Label-Website ansurfen. Dort finden sich Summens pointierte Beobachtungen zum gesellschaftspolitischen Geschehen in der BRD.

Dass Maurice Summen auch funky sein kann, beweist er mit seinem aktuellen Musikprojekt Maurice & die Familie Summen. Das Album zieht eine Verbindungslinie von der Black-Music-Leidenschaft seines Vaters über Sly And The Family Stone und Co. zum eigenen Gebaren. Bundesdeutscher Funk? Funkt doch!

Das große Unbehagen

Einbruch, Ausbruch, Aufbruch
Philipp L’heritier über „Keine Bewegung 2“ - die fantastische neue Compilation des Berliner Labels staatsakt.

Allen staatsakt.-Acts ist eine gewisse Widerborstigkeit gemein, ein Unbehagen, das sich auf mannigfaltige Art und Weise Bahn bricht. Es werden Wege vom Privaten ins Politische abgeschritten, oder umgekehrt. Dabei fallen ästhetische und gesellschaftliche Konventionen. Die Maxime für den Umgang mit den hauseigenen Acts: „Unabhängigkeit heißt bei uns, sich maximale Freiheiten schaffen für Inhalte, die nicht so populär sind, wie man sich wünscht, dass sie wären“, so Summen.

Einen ähnlichen Satz habe ich unlängst aus dem Mund von Richard Russell, seines Zeichens Chef des britischen Indie-Labels XL-Recordings, gehört. Bloß XL hat neben Acts wie The xx, Vampire Weekend oder King Krule eine Adele im Katalog, die die Portokassa auffüllt. staatsakt. kann zwar auch auf einen gut sortierten Roster zählen – von Ja, Panik bis zu Andreas Dorau, der „noch immer ganz gut verkauft“ (Summen) - aber die Marktgröße ist durch die überwiegend deutschsprachige Ausrichtung und den künstlerischen Anspruch doch ziemlich eingeschränkt.


Wer legt heute noch Doppel-Vinyl-Live-Alben auf? staatsakt. #799LP: Klez.e „November“.

Wie viele Indies greift staatsakt. auf etablierte Vertriebsstrukturen zurück. Mit dem Förderwesen der Stadt und des Landes Berlin hat man ein vergleichsweise gut dotiertes zur Seite und doch scheint der Betrieb eines Labels mit überregionalen Ambitionen und kritischer Grundhaltung ein Ding der Unmöglichkeit in Zeiten von Streaming und der Fokussierung auf das Live-Geschäft.

Wie das alles trotzdem funktioniert, warum am Anfang des Labels Summens eigene Band Die Türen stand und weshalb staatsakt. auch Weihnachtssampler veröffentlicht, versuchen wir heute Abend, Mittwoch, 6.12.2017, eine Stunde lang in der FM4-Homebase zu klären. Mit Musik von Christiane Rösinger, Klez.e, Ja,Panik, Maurice und die Familie Summen, Isolation Berlin und vielen mehr.

Schnipo Schranke Pisse
Ja, Panik Futur II
Die Tueren Pause Machen Geht Nicht
Klez.e Raupe
Isolation Berlin Gewoehnliche Leute
Christiane Roesinger Eigentumswohnung
Maurice Und die Familie Summen Nichtantworten ist das neue Nein
Andreas Dorau Weihnachten ist auch nicht was es einmal war

Aktuell:

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