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Heinz Fischer vor dem Mikro gestikulierend

FM4/Clemens Fantur

„Der Staat ist kein Selbstzweck.“

Ein Besuch bei Alt-Bundespräsident Heinz Fischer.

Von Elisabeth Scharang

Der Mann hinter der Glasscheibe schaut mich entgeistert an. Es ist vielmehr Empörung über meine Unwissenheit, die ihm offen aus dem Gesicht springt. „Herr Fischer kommt hier nicht mehr her. Höchstens als Gast.“ Ja, das weiß ich, aber ... „Herr Fischer hat sein Büro gaaaanz woanders.“ Der Mann, dessen Berufsbezeichnung „Portier“ lautet, für den aber „Empfangschef“ auf Grund seines Auftretens viel angebrachter erscheint, geleitet die kleine FM4 Abordnung zurück vor den Haupteingang der Hofburg und weg von Bundespräsident Van der Bellens Räumlichkeiten.

Schild "Wäscherstiege"

FM4/Clemens Fantur

FM4 Doppelzimmer mit Heinz Fischer

zu hören am 8. Dezember von 13 bis 15 Uhr

Der Amalientrakt, der sich „gaaaanz woanders befindet“, ist 20 Meter weiter. Auch dort gibt es eine Portiersloge. Aber ich sehe von weitem das Schild: Büro Heinz Fischer. Also folgen wird dankbar diesem Hinweis und enden vor einer verschlossenen Tür und einem Schild: Kein Durchgang. Es geht hier offenbar nichts ohne Portier.

Also wieder hinunter in den schönen Hof und demütig an der Glasscheibe klopfen. „Ich hab Sie vorhin eh gesehen“, lautet der Kommentar des Portiers, der nicht ganz so schick gekleidet ist, wie der Kollege nebenan. „Aber wenn’s net fragen, dann rennen’s halt umsonst.“ Zur Kenntnis genommen: Es macht Sinn, dass die Portiere ortsunkundige Menschen wie uns durch die Gänge und Höfe und Stiegen der riesigen Hofburg lotsen.

Auf der Suche nach Heinz Fischer

Wir folgen diesmal brav den Anweisungen. Vorbei an der „Künstlerstiege“ – ja, die heißt so – und links nach hinten zur Wäscherstiege. In dem schmalen Aufzug hinauf und dort werden wir bereits freundlich von Heinz Fischers Büroleiterin erwartet.

Elisabeth Scharang interviewt Heinz Fischer

FM4/Clemens Fantur

Der alte Bauer hilft immer noch mit auf dem Feld und bezieht, nachdem er den Hof übergeben hat, das Ausgedinge in einem Teil des Haupthofes. So ähnlich ist das auch in der Hofburg. Die Räume sind kleiner, die Decken niedriger, weniger Personal als in den Räumlichkeiten des amtierenden Bundespräsidenten, aber immer noch würdig.

Über die DNA eines Politikers

Einmal Präsident immer Präsident – das Verhalten von Heinz Fischer, seine Art zu sprechen, seine diplomatische Weise, Sachverhalte sprachlich auszutarieren, das ist nach über 60 Jahren in der Politik in die DNA übergegangen.

Heinz Fischer ist 1938 geboren und in einer sozialdemokratischen Beamtenfamilie aufgewachsen. Er hat Jus und Politikwissenschaften studiert und darin promoviert. Nach dem Studium begann seine politische Laufbahn als SPÖ-Klubsekretär. Er war viele Jahre Abgeordneter im Parlament, Wissenschaftsminister, Nationalratspräsident und von 2004 bis 2016 österreichischer Bundespräsident. Heinz Fischer ist zuständig für die Koordination der Feierlichkeiten für das kommende Gedenkjahr 1918 „100 Jahre Republik“.

Natürlich würde mich brennend interessieren, wie Heinz Fischer den Umbau der Republik durch die neue Regierung kommentiert, aber es ist schnell klar, dass er noch zu nahe dran ist, um frei weg von Leber seine Meinung zu sagen.

Einfacher ist es da bei Grundwerten, die ihm als Sozialdemokrat eintätowiert sind: wenn es um Humanität geht oder um die Frage der Erbschaftssteuer. Da hat er eine klare Haltung und wenig Verständnis für die Erben, die über Nacht zu Vermögen kommen, zu dem sie außer in entsprechende Verwandtschaftsverhältnisse hinein geboren worden zu sein, nichts beigetragen haben. Davon einen kleinen Prozentsatz abzugeben, das muss doch in einer solidarisch denkenden Gesellschaft möglich sein?!

Wir diskutieren über das unsolidarische Verhalten vieler EU-Staaten in der Flüchtlingsfrage und der nicht funktionierenden Umverteilung. Heinz Fischer erzählt, wie er nach dem Ungarnaufstand 1956 in Traiskirchen geholfen hat, die Flüchtlinge zu versorgen, die damals über die Grenze nach Österreich geströmt sind. Und wie stolz er auf die vielen Menschen war, die 2015 an den Grenzen und den Bahnhöfen in Österreich die Flüchtlinge mit offenen Armen und warmen Decken und Essen in Empfang genommen haben.

Heinz Fischer vor einem Bild

FM4/Clemens Fantur

Wir retten dich vor dem Shoppingtrauma

Während am 8.Dezember halb Österreich im Shoppingtaumel ist und den Feiertag mit Weihnachtseinkäufen verbringt, bieten wir euch ein Gegenprogramm: Im FM4 Doppelzimmer erinnert sich am 8. Dezember der Alt-Bundespräsident Heinz Fischer an Frauenministerin Johanna Dohnal, die unter der Regierung Kreisky in den 70iger Jahren wesentliche Reformen durchgebracht hat; er erzählt über Gespräche mit Chinas Staatschef über die Abschaffung der Todesstrafe und argumentiert, warum er für mehr Staat und weniger privat ist. Zu hören ist das FM4 Doppelzimmer mit Heinz Fischer am 8. Dezember von 13 bis 15 Uhr und gleich im Anschluss für 7 Tags im FM4-Player und auch als Download im FM4 Interviewpodcast.

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