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Filmstill A Ghost Story

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Die Ewigkeit kann entsetzlich einsam sein

Geisterkino einmal anders: „A Ghost Story“ verzichtet auf computeranimierte Dämonen und berührt als Meditation über die Vergänglichkeit.

Von Christian Fuchs

Der Schrecken sitzt in vielen Hollywood-Filmen der letzten Jahre im Schrank. Oder er liegt unter dem Bett. Geister gehören in etlichen zeitgenössischen Schockern zum Fixinventar neu bezogener Häuser. Kaum macht es sich eine Familie bequem in den neuen vier Wänden, nehmen auch schon dunkle Dämonen Kontakt auf mit den lieben Kleinen. Flüstern ihnen böse Sätze zu. Oder treiben sie zu wirren Kritzeleien, die von den Eltern anfangs nicht ernst genommen werden. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis im trauten Heim die Hölle ausbricht und Geisterjäger rettend einspringen müssen.

Filmstill Conjuring

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The Conjuring

All diese Handlungsklischees, in ikonischen Filmen wie „Poltergeist“ (1982) oder länger zurückliegenden Klassikern noch frisch, werden im Gegenwartskino gefühlt unzählige Male repetiert. Vor allem die Horrorfabrik Blumhouse Productions hat sich auf spukhafte Phänome spezialisiert. Funktionierte das moderne Aufwärmen alter gespenstischer Szenarien am Anfang noch gut, stellt sich die Gänsehaut kaum mehr ein, zumindest für erfahrene und abgebrühtere Grusel-Fans.

Durch die Sequels von Erfolgsfilmen wie „Paranormal Activity“, „Insidious“, „Sinister“ oder „The Conjuring“ geistern die immergleichen Fließband-Wesen aus dem Schattenreich, manchmal von aufwändig kostümierten Darstellern gespielt, oft einfach nur der Festplatte entsprungen. Neben all der Austauschbarkeit der Storys fällt an diesen Filmen noch ein Aspekt unangenehm auf: Aberglauben und Esoterik kommen, verpackt in Horror-Entertainment, durch die Hintertür. Der Katholizismus bietet oft unhinterfragt die einzige Rettung vor den ungeliebten Bewohnern auf dem Dachboden oder im Kleiderschrank.

Filmstill A Ghost Story

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Zeitlupenhaftes Indie-Kunstwerk

Regisseur David Lowery, ein sensibler Grenzgänger zwischen Kunst und Kommerz, der sich mit der stimmigen Gangsterballade „Ain’t Them Bodies Saints“ wie mit dem ambitionierten Disney-Streifen „Pete’s Dragon“ einen Namen machte, sieht die ganze Sache nicht so kritisch wie der Autor dieser Zeilen. Er mag das aktuelle Geisterkino durchaus, wie er in Interviews betont.

Trotzdem und glücklicherweise ist Lowerys eigener Beitrag zum Genre ganz anders als alle Blumhouse Filme. „A Ghost Story“ verzichtet gänzlich auf Computereffekte und Jump Scares, fasziniert stattdessen mit stilistischer Strenge und Melancholie. Aber vielleicht ist dieses kleine, betont zeitlupenhafte Indie-Kunstwerk ja auch überhaupt kein Genrefilm.

Ungewöhnlich ist nicht nur das Format 4:3, bei dem die Bildbreite nur ein wenig größer ist als die Bildhöhe. Sondern vor allem der titelgebende Geist selbst, aus dessen Perspektive der Film großteils erzählt ist. Oscargewinner Casey Affleck („Manchester By The Sea“) verbirgt sich während weiter Teile der Handlung unter einem simplen Leintuch mit ausgeschnittenen Gucklöchern. Nicht einmal im Kinderfasching geht so ein Kostüm heute noch durch. Aber weil Lowery seine bewusst simpel gehaltene Geschichte todernst nimmt, im wahrsten Sinne des Wortes, funktioniert der Look gespenstisch gut.

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Wehmütige Schwebezustände

Ein junger Musiker bewohnt mit seiner Freundin ein altes Haus mitten im amerikanischen Nirgendwo. Als er, im Abspann schlicht C genannt, bei einem Autounfall umkommt, kippt der Film ins Übernatürliche. Die Kamera folgt dem gespenstischen Protagonisten vom Leichenschauhaus zurück zum geliebten Wohnsitz, wo seine Freundin M versucht, mit dem Schmerz umzugehen. Viel mehr Story braucht David Lowery tatsächlich nicht. Wenn der Geist Casey Afleck, in sein Bettlaken gehüllt, in einer Ecke steht und die trauernde Rooney Mara gefühlt stundenlang beim Kuchenessen beobachtet, spüren wir: Die Ewigkeit kann entsetzlich lang sein. Und unendlich einsam.

Hochgeschwindigkeits-Junkies, die bereits beim Lesen dieser Zeilen schreckliche Fadesse im Kinosaal befürchten, sollten „A Ghost Story“ vielleicht meiden. Wer sich auf den Film und sein Tempo einlässt, wird aber belohnt. Zum einen mit traumwandlerischen Bildern, die an die frühen Meisterwerke von Lowerys Vorbild Terrence Malick erinnern. Aber auch mit großartigen Szenen wie dem Gastauftritt von Will Oldman, der als Hobbyphilosoph über die Vergänglichkeit von dir, mir und uns allen doziert.

A Ghost Story

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In der zweiten Hälfte verwandelt sich diese radikale Antwort auf die stereotypen Spukstreifen aus Hollywood dann in eine kosmische Meditation über die Existenz. Traurigkeit und Romantik verschmelzen, man kann nach dem Kinobesuch gerne Nick Cave, Radiohead oder den elektronischen Soundtrack von Daniel Hart hören. Wer im Kino gerne in einen wehmütigen Schwebezustand kommt: Hier ist einer der passenden Pflichtfilme in diesem Winter.

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