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Bitcoin-Münze

APA/dpa-Zentralbild/Jens Kalaene

Erich Möchel

Ratlose Analysten vor Bitcoin-Börsengang am Sonntag

Während der Kurs der digitalen Währung an den Bitcoin-Börsen weiter in die Höhe schießt, gibt es überhaupt keine Prognosen, was passiert, wenn die finanzkräftigen Professionals an den Warenterminbörsen statt auf Schweinebäuche oder Öl erstmals auf Bitcoins wetten.

Von Erich Möchel

Der Hype um den bevorstehenden Börsengang der digitalen Währung Bitcoin am Sonntag ließ den Kurs am Donnerstag völlig durch die Decke gehen. Dabei werden Bitcoins derzeit nur an den Online-Börsen für Krypto-Währungen gehandelt. Ab Sonntag kann an der Warenterminbörse CBOE damit spekuliert werden. Eine Woche später steigt auch die weltweit größte Terminbörse Chicago Mercantile Exchange (CME) in den Handel ein.

Damit sind Bitcoins endgültig in der Welt des Finanzkapitals angekommen und immer mehr Parallelen zur Dotcom-Blase der Jahrtausendwende werden sichtbar. Prognosen, was passieren wird, wenn die Profihändler statt auf Schweinebäuche oder Öl auf Bitcoins wetten, sind absolute Mangelware. Einig sind sich die Analysten nämlich nur darin, dass der tägliche Transaktionsumfang von Bitcoins steigen und der Handel noch riskanter wird. Anders als auf dem herkömmlichen Aktienmarkt kann an Terminbörsen nämlich auf steigende wie auf fallende Kurse gewettet werden.

Ankündigung des Bitcoin Börsengangs bei CME

CME

Die weltgrößte Warenterminbörse CME für sogenannte Futures

Im Frühjahr 2000 begann die erste Welle der Abstürze unter den Dotcoms, dadurch kam die gesamte IT-Branche auch in Österreich immer stärker unter Druck

Keine Parameter, keine Prognosen

Angesichts fehlender realer Parameter, fehlt es auch an Prognosen, die diesen Namen verdienen. Derzeit kursieren nur sehr vage Einschätzungen, die keiner der Analysten wirklich offensiv vertritt, weil sie auf reinen Annahmen basieren. Die einen gehen von einem weiter ungefährdeten Höhenflug und völlig neuen Geschäftsfeldern aus, die sich für die Blockchain-Technologie eröffnen werden.

Das sind die Evangelisten. Aber auch die gestandenen Börsianer von Bloomberg sind nicht viel weniger optimistisch. Dort geht man zwar von deutlichen Kurskorrekturen nach dem Börsengang aus, traut Bitcoin allerdings zu, langfristig die Rolle von Gold zu übernehmen, zumal Bitcoins immun gegen Inflation seien. So heißt es wenigstens im Konzept der virtuellen Währung (siehe unten). Vom möglichen Platzen einer Spekulationsblase aber ist noch nirgends offen die Rede und das erinnert stark an den Höhenflug der Dotcoms der späten Neunziger Jahre.

Kursankündigungen für Schweinebäuche

CME

An der CME und anderen Futures-Börsen kann auf Verbrauchsgüter, Zinsentwicklung und Währungen gewettet werden. Die Schweinebäuche sind der unterste Wert auf der linken Seite HEG8, offiziell heißen die Bäuche heutzutage „Lean Hogs“, der Posten darüber sind lebendige Rindviecher.

Bedenkliche Parallelen

Dass es eine Art Blase ist, daran bestehen keine Zweifel mehr, seitdem die Bitcoins täglich neue Rekordhöhen erreichen. Die bisher größte Steigerung gab Donnerstag, der Kurs raste von 14.000 auf über 18.000 Dollar für ein Bitcoin. Dann pendelte er sich um die 16.000 Dollar ein.Neben professionellen Zockern ist nämlich eine unübersehbare und laufend wachsende Zahl an Kleinspekulanten in den Handel eingestiegen. Mit etwas Kapital und ein paar Klicks kann jeder in den Handel von Bitcoins einsteigen, oder auch mit den kleineren, neuen Kryptowährungen wie Ethereum oder Litecoin spekulieren.

Mit diesem Eintritt in den Handel an der weltweite größten Börse für sogenannte Futures und Commodities in Chicago ist Bitcoin nun dort angekommen, wo die Dotcoms der späten Neunziger Jahre begonnen haben: auf dem Parkett professioneller Zocker. Auch die Stimmung auf dem Markt ist ähnlich, sie ist geprägt von unbändigem Optimismus, dass hier etwas fundamental Neues entsteht. Das Resultat sind kaskadierenden Wachstumsannahmen. In den Anfangsjahren der Dotcomblase orientierten sich diese allein an den Kurѕen und wachsenden Benutzerzahlen der Internetfirmen, nicht aber an Umsätzen und schon gar nicht am Gewinn.

Kursschwankungen von Bitcoin

Bloomberg

Die Volatilität zeigt diese Bloomberg Grafik des Bitcoin-Kurses über eine Woche im Vergleich zu Gold oder Öl noch vor den letzten Rallies.

Über den Sommer 2000 setzte sich die Dotcom-Misere fort, eine schlechte Nachricht nach der anderen schickte die Kurse immer tiefer in den Keller.

Das Zeitalter der „New Economy“

In den Neunziger Jahren propagierte die Start-Up-Szene, ihre Consultants, Broker und Investoren eine „New Economy“, in der herkömmliche Parameter wie etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis sekundär seien. Im neuen Zeitalter der Wirtschaft sei möglichst schnelles Wachstum vorrangig, die Umsätze würden dann von selber steigen. Folgerichtig wurden die nicht-zahlenden Nutzer der Angebote der Internetfirmen gleich einmal als Kunden eingestuft. In diesem mächtigen Chor des Finanzkapitals gingen die Stimmen der Skeptiker völlig unter, die auf dіe Unsummen an verbranntem Risikokapital und die vielen zweifelhaften bis offen unsinnigen Geschäftsmodelle hinwiesen. Das hinderte die Anleger nicht daran, weitere Unsummen in neue Dotcoms zu investieren.

Auch jetzt kursiert eine fast identische Erklärung wie damals, warum so viele Anleger noch bei absurd hohen Kursen einsteigen: Ganz einfach, weil sie darauf setzen, dass sie am nächsten Tag zu einem noch höheren Preis verkaufen können. Mit realer Wertschöpfung haben die Kurse freilich überhaupt nichts zu tun. Gegen den herrschenden Bitcoin-Hype muten die damaligen Geschäftsmodelle der Dotcoms allerdings nachgerade realistisch an. Nun wird mit einem „Gut“ gehandelt, von dem man nicht weiß, ob es als Währung überhaupt praktikabel ist, sobald eine kritische Masse in Umlauf ist.

Das Konzept des Satoshi Nakamoto

Seite aus dem Bitcoin Dokument, die die Transktionen im Schema erklärt

Bitcoin Nakamoto

Das technische Konzept des ominösen Satoshi Nakamoto von 2008 ist auf gerade einmal neun Seiten dargestellt. Bis dato folgt die Entwicklung ziemlich genau den damaligen Projektionen, was aber nicht heißen muss, dass es auch weiterhin nach diesen Plänen vorwärts geht.

Im Herbst 2000 rollte eine Pleitewelle über die Dotcom-Landschaft, reihenweise sperrten Firmen zu, deren Namen heute niemand mehr kennt

Dieses „Gut“ besteht nur aus miteinander verknüpften Quersummen (Hashes) von Transaktionen und digitalen Signaturen, die aufeinander verweisen. Eine solches Paket von Transaktionen - das sind einigermaßen aufwändige mathematische Berechnungen pro Zahlungsvorgang - im Umfang von einem Megabyte wird derzeit mit 12,5 Bitcoins honoriert. Die „Währung“ wird also aus der Summe ihrer Transaktionen definiert, die nach den Bitcoin-Regeln berechnet werden müssen. So wie Goldschürfer laufend neues Gold in Umlauf bringen, so produziere die von den „Bitcoin-Minern“ erbrachte Rechenleistung zum Abwickeln der Ein- und Verkäufe neues virtuelles Geld, heißt es im ursprünglichen Bitcoin-Konzept.

Zahlenmaterial sehr überschaubar

Die Ausgaben für das „Schürfen“ seien alleine Stromverbrauch und Rechenleistung des jeweiligen Knotens im Bitcoin-Netz, heißt es im Konzept, das unter dem bis heute nicht gelüfteten Pseudonym „Satoshi Nakamoto“ veröffentlicht wurde. Die einzigen realen Parameter sind also Stromverbrauch und Rechenleistung, beides lässt sich gut hochrechnen, da die tägliche Menge an Bitcoins genau bekannt ist. Alle zehn Minuten kommen derzeit 12,5 Bitcoins oder nach heutigem Kurs rund 180.000 Dollar neu auf diesen Markt.

Was es sonst noch an Zahlen gibt, ist überschaubar. Insgesamt sollen von Firmen und Privatpersonen etwas unter zehn Millionen sogenannte Crypto-Wallets in Umlauf sein, das sind die digitalen Geldbörsen, die zumeist Bitcoins enthalten. Die Kosten für eine Transaktion sind dabei so volatil wie der Tageskurs, sie bewegten sich zuletzt zwischen 40 Cent und drei Dollar, immer wenn die Nachfrage die Bitcoin-Produktion übersteigt, steigen auch die Transaktionskosten an.

Wie es weitergeht…

…das wissen wir hier natürlich genauso wenig wie alle anderen. Möglicherweise ist es sinnvoll, sich die Situation nach 2001 zu vergegenwärtigen, freilich ohne dabei von einem deckungsgleichen Ablauf auszugehen. Als sich nach dem endgültigen Platzen der Dotcom-Blase Ende 2000 der Rauch verzogen hatte, blieben Amazon, Ebay und andere sinnvoll aufgestellte Dotcoms übrig, die heute den Markt beherrschen. Zudem hatte der Crash sämtliche, bereits etablierte Konkurrenten Googles vom Markt gefegt und Apple zeigte nach der Beinahe-Pleite Ende der Neunziger wieder Lebenszeichen. Bereits nach 2001 wurden also die Grundlagen für die heutige Dominanz der großen US-Konzerne im Internet gelegt. Dass die Bitcoin-Entwicklung ähnliche Resultate bringen wird, soll damit nicht postuliert werden. Sie könnte aber in etwa in diese Richtung gehen, denn die Regeln des Kapitalismus haben sich seit 2001 ja nicht geändert.

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