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„Voll Verschleiert“ ist eine scharfe Komödie zur Islamdebatte

Sou Abadi, französisch-iranische Regisseurin, Drehbuchautorin und Cutterin macht sich in ihrer Komödie „Voll Verschleiert“ (im Original: „Cherchez la Femme“) dreist-kühn über die großen europäischen Politthemen lustig.

Von Anna Katharina Laggner

Sou Abadi ist eine sympathische Frau, mitteilsam und sofort in Medias Res. „Der Schleier“, teilt sie mir am Anfang unseres Gesprächs mit, „ist eine schwierige Frage“. Und sie erzählt von den ersten Jahren der iranischen Revolution, die sie als Jugendliche erlebt hat. Kleidervorschriften inklusive. Im Alter von 15 Jahren ist sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Frankreich ausgewandert. Am Flughafen hat sie ihrer Tante ein Versprechen gegeben.

Sou Abadi

AlexanderGonschior

Sou Abadi

„Meine Tante ist gekommen, um mich zu umarmen. Versprich mir eines, hat sie gesagt. Wenn du im Westen bist, egal ob es regnet, ob es schneit, ob es eiskalt ist, sogar wenn du an den Nordpol fährst, versprich mir, dass du niemals deine Haare bedecken wirst. Ohne weiter darüber nachzudenken, habe ich ihr das Versprechen gegeben. Im Flugzeug habe ich den Schleier abgenommen und seitdem habe ich mich immer an das Versprechen gehalten. Ich habe in Kanada gelebt und nicht einmal dort einen Hut aufgesetzt. Dieses Versprechen wird mich immer begleiten.“

Der Schleier ist eine delikate Angelegenheit. Aber die Radikalisierung junger europäischer Männer? Die Vernachlässigung einer ganzen Generation in den französischen Vorstädten? Das Schreckgespenst von Parallelgesellschaften? Ganz heiße Eisen. Das berührt akute europäische Ängste, über die man am liebsten gar nicht spricht.
Und Sou Abadi?
Ist dreist genug, daraus eine Komödie zu machen.

Leila und Armand studieren in Paris an der Science Po, einer der weltweit renommiertesten Universitäten für Politik und Internationale Studien. Armand ist Sohn zweier Iran-Flüchtlinge. Leila ist nordafrikanischer Abstammung. Beide sind französische Staatsbürger. Was die beiden aber in erster Linie sind: jung, verliebt, karrierebewusst und drauf und dran, bei den Vereinten Nationen in New York ein Praktikum zu machen.

Leila und Armand küssen sich

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Da kehrt Leilas Bruder von einem so genannten Urlaub im Jemen als Fremder zurück. Der frisch Radikalisierte schmeißt seine Sneakers in den Mistkübel, reißt die Filmplakate von den Wänden und ersetzt sie durch einen aus Seide gewobenen Teppich mit dem Abbild des Gründers der Muslimbrüderschaft. Er schluckt die Simkarte seiner Schwester und sperrt sie in ihrem Zimmer ein.

Um die Freundin dennoch zu sehen und die Reisevorbereitungen für New York treffen zu können, eignet sich Armand in Windeseile die Grundzüge des Koran an, wirft sich eine Vollverschleierung über und läutet als Scheherazade bei den Geschwistern im Wohnblock an. Der Schleier, vor allem die Vollverschleierung, wirkt immer wie ein mysteriöses Versteck. In Sou Abadis Spielfilm wird sich das französische Studentenpaar damit die Freiheit erschwindeln.

Die Bedeutung des Schleiers

„Man sieht in der französischen Gesellschaft immer mehr verschleierte Frauen“, sagt Sou Abadi. Einerseits sei das in einer demokratischen Gesellschaft in Ordnung. „Aber es ist nicht irgendeine Entscheidung, wie etwa die Farbe des Lippenstiftes, den man trägt. Denn die Entscheidung, sich zu verschleiern, bedeutet: im Namen der Religion, im Namen Gottes zwinge ich mir und meinem eigenen Körper gegenüber einen sexistischen Blick auf. Im Namen Gottes muss ich diesen Körper verstecken, denn dieser Körper ist eine Verlockung. Und nicht nur, dass ich selbst diese Bürde trage, ich verhöhne damit auch die andere Hälfte der Menschheit, konkret die Männer, indem ich sage, diese Leute haben sich nicht unter Kontrolle, die können ihre Männlichkeit nicht bändigen und mich in jedem Moment vergewaltigen. Das halte ich für eine sehr befremdliche und verfälschte Haltung gegenüber dem eigenen weiblichen Körper und auch eine sehr eingeschränkte Haltung gegenüber den Männern. Damit bin ich nicht einverstanden. Aber man muss darüber reden und diskutieren.“

Scheherazade und der Bruder

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Der Islamist verliebt sich in den Crossdresser

Es gibt in der Komödie keinen Hohn, der nicht auch auf den Verhöhnenden selbst zurückfällt: Armand gibt die Scheherazade derart überzeugend, dass sich der junge Islamist verliebt, in die dunklen, großen Augen, in die fiepsende Stimme, mehr kennt er ja nicht. Sie verfüge über Stil und innere Schönheit, sagt er.

Im Original heißt der Spielfilm “Cherchez la femme”. Wörtlich übersetzt bedeutet diese Redewendung die Aufforderung: “Suchen Sie die Frau!”. Gemeint ist damit aber, dass hinter jeder Kaschierung, jedem Betrug, jedem Verbrechen eine Frau steckt.

„Wenn der ganze Körper verschleiert ist, wo bleibt da die Frau?“, sagt Sou Abadi. „Und es kann sich ja irgendjemand unter diesem Schleier befinden. Vor allem ein Mann! Dieser Armand, der völlig atheistisch ist, versucht nicht nur zu verstehen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, sondern noch dazu eine verschleierte Frau! Für ihn ist es grauenvoll, er weiß nicht, wie man damit gehen oder einen Tee trinken soll und außerdem erlebt er auch, wie er als Frau in der Gesellschaft gesehen wird. Denn da ist ja auch dieser Mann, der ihn, beziehungsweise sie verfolgt und sie heiraten möchte. Da ist viel Anspannung und Druck.“

Verschleierungsverbot in Frankreich

Frankreich ist eine demokratische, laizistische Gesellschaft, in der Kirche und Staat per Verfassung getrennt sind und wo der islamische Schleier seit Mitte der 1990er Jahre Gegenstand öffentlicher Debatten ist. Der Schleier wurde damals in den Zeitungen oft als le foulard, also das Tuch, bezeichnet. Dabei ist es doch eigentlich ein Hidschab, wie heute jedes Kind in Frankreich weiß.

Seit 2004 ist das Tragen des Schleiers in Schulen per Gesetz verboten, nur diskrete religiöse Symbole sind erlaubt, etwa ein kleines Kreuz oder eine Hand der Fatima um den Hals. 2010 war Frankreich das erste europäische Land, in dem die Vollverschleierung in der Öffentlichkeit verboten wurde.

Was sich eigentlich hinter den hitzigen medialen Debatten über Burkini, Hidschab und Burka verbirgt, ist die Frage, welche Stellung der Islam in Frankreich haben soll. Und diese Frage ist in einem Land, in dem Religion absolute Privatsache ist, mittlerweile fast zum Tabu geworden.

In Sou Abadis Komödie hat das französische Volk seinen großen Auftritt: Armand steigt in seinem Scheherazade-Kostüm in den Bus. Nach ein, zwei Stationen der skeptischen Beobachtung beginnt eine Frau mit einer – wenn auch freundlichen - Anklage, in die eine nach der anderen einstimmt. Du lässt uns Nicht-Verschleierte wie Nutten aussehen, heißt es da.

Armand bei einer Demo

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Man erzähle letztlich doch immer seine eigenen Geschichten, sagt Sou Abadi. „Und das kenne ich wirklich zur Genüge. Ich habe in einem islamistischen Land gelebt, ich weiß, was Theokratie bedeutet, und als ich den Iran verlassen habe, hab’ ich mir gesagt, Schluss damit, das liegt jetzt hinter mir. Dann aber habe ich begonnen, verschleierte Frauen in Frankreich zu sehen. Ich hatte geglaubt, es liegt hinter mir, aber stattdessen bin ich nun in einer Gesellschaft, in der das auch eine wichtige Frage geworden ist.“

Die humoristische Waffe von Sou Abadi ist ein an den Haaren herbeigezogener Plot, der sich an der gegenwärtigen europäischen Realität labt: Flüchtlingskrise, Terrorangst, Perspektivlosigkeit genauso wie Karrieregeilheit der Jugend – alles kriegt sein Fett ab. Sou Abadi nimmt all das sehr ernst, verhöhnt, was es zu verhöhnen gibt, belächelt aber nicht. Sie hat eine der schärfsten französischen Komödien seit langem gemacht.

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