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120 Battements Par Minute

So schnell schlägt das Herz beim Schauen des gleichnamigen neuen Films von Regisseur Robin Campillo. Ein erschütternder und sehr persönlicher Film über den Kampf gegen Aids in den 90er Jahren.

Von Christian Pausch

Nur Schnipsen und kein Klatschen war erlaubt, wenn man während den hitzigen Diskussionen von Act Up Paris Zustimmung äußern wollte. Am Anfang des semi-autobiografischen Spielfilms „120 BPM“ lernen wir, wie die Anti-Aids-Aktivist*innen Anfang der 90er arbeiteten, wie sie die Kunst des Debattierens lebten und wie sie lautstarken Protest gegen Politik und Pharma-Industrie ausübten.

I wanted to hear again the voices and the music of the debate.

Es ist eine buntgemischte Ansammlung von Menschen: Schwule, Lesben, Transgender, Gehörlose, Sexarbeiter*innen, Drogensüchtige, Schwarze, Migrant*innen, Mütter, Söhne, Töchter. Beim Interview in Paris frage ich Regisseur Robin Campillo, der selbst ein Mitglied von Act Up war, ob es sich tatsächlich um so eine diverse Gruppe gehandelt hat und er winkt ab: Nein, die Mitglieder damals waren hauptsächlich weiße schwule Männer, aber die Quelle des Films seien seine ganz persönlichen Erinnerungen, und Erinnerungen seien immer auch ein Teil Fiktion, die man verbessern kann, wenn man dabei niemandem schadet. Einen Film über Aids-Aktivist*innen zu machen, ohne z.B. Transgender-Personen zu Wort kommen zu lassen, das ginge einfach nicht, waren sie alle doch ein großer Teil der weltweiten Bewegung.

FM4 Interview Podcast: Robin Campillo
Campillo in seiner Wohnung

FM4 | Christian Pausch

Robin Campillo beim Interview in Paris

Das Skript zu schreiben, war für Campillo die schwerste Arbeit: „That was really emotional. Because I did this film out of my memories.“ Wie ein Aufnahmegerät habe er als junger Aktivist seine Zeit bei Act Up aufgesogen und bei sich verwahrt. Dass der Film so authentisch wirkt, liegt aber nicht nur am persönlichen Bezug, sondern auch an der Auswahl der Schauspieler*innen: „I wanted to hear again the voices and the music of the debate. And I think this music was connected to the fact that people which were talking, where mostly fags and dykes. (lacht) I wanted to hear all that.“

Dass viele von den schwulen und lesbischen Darsteller*innen selbst HIV-positiv sind, hat sich oft erst während der Dreharbeiten herausgestellt und die Authentizität des Films sogar spürbar bestärkt.

Nicht nur die Musik der Stimmen, sondern auch der Soundtrack spielt eine wichtige Rolle in „120 BPM“ - nicht umsonst wurde der Film nach dem Tempo der House-Music benannt. „This music was the soundtrack of the epidemic for us.“ Oft werden die tragischsten Szenen im Film durch wunderschöne Slow-Motion-Aufnahmen in den Clubs von Paris gegengeschnitten.

One of the reasons why we wanted to survive was, because we were very good at having fun.

Dass diese Art filmische Entlastung der politischen Debatten und persönlichen Verluste, die die Gruppe selbstredend immer wieder erleiden musste, auch im Film zu sehen ist, war Robin Campillo ein großes Anliegen: „One of the reasons why we wanted to survive was, because we were very good at having fun. When I think of my friends, who are dead, I see them in these kind of clubs.“

Der persönlichste Kampf

Ohne viel Aufsehen ändert sich ab circa der Mitte des Films der Fokus. Es ist nicht mehr so sehr die ganze Gruppe, sondern es sind vor allem zwei Mitglieder, denen die Kamera ihre Aufmerksamkeit widmet: das schwule Pärchen Sean und Nathan. Sean ist HIV-positiv und der Kampf gegen die Krankheit, die langsam in ihm ausbricht, führt dazu, dass der Film noch persönlicher wird als zuvor.

120 bpm aids activists act up paris

Thimfilm

When someone dies, the body stays.

Kurz vor Ende des Films stirbt Sean an den Folgen von Aids und Regisseur Campillo zeigt seinen toten Körper, aufgebahrt in der gemeinsamen Pärchen-Wohnung, während sich Familie und Freunde* verabschieden. Eine Szene, die so lange dauert, dass in den französischen Kinos Menschen ohnmächtig wurden und auch bei der Viennale manche das Kino verlassen mussten. „I’m sorry to disappoint you, but it’s already shorter than it used to be“, sagt mir Campillo zu dieser besonderen Szene, „When someone dies, the body stays. And it stays for a long time. For me it was very important to show that.“ Er selbst habe das in den 90er Jahren oft miterleben müssen.

Die rote Seine

Wenn man diese Abschiedsszene übersteht, wird man belohnt. „120 BPM“ ist ein Film, der uns nicht verschont, aber uns auch nicht ohne Hoffnung lässt. Am Ende fließt die Seine blutrot durch Paris - eine Aktion, die Act Up lange geplant hat, aber nie durchführen konnte. Campillo setzt damit ein Denkmal für all die mutigen Aktivist*innen, die dem Kampf gegen Aids ihr Leben gewidmet haben, sodass für uns Nachfolgegenerationen eine HIV-Infektion kein Todesurteil mehr darstellen muss.

Als bei der Viennale-Vorstellung von „120 Battements Par Minute“ der Abspann beginnt, hört man es zuerst vereinzelt und dann im ganzen Saal: Das Publikum schnipst. Wenn einem das Herz nicht schon während des Films zerbrochen ist, dann spätestens in diesem kollektiv respektvollen Kino-Moment.

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