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Person mit Lawinenairbag wird ausgegraben

APA-FOTO: BARBARA GINDL

Facebook Postings verharmlosen die Gefahr von Lawinen

Man könnte meinen, es sei allgemein bekannt, dass von Lawinen große Gefahr ausgeht. Wenn man auf Facebook Postings zu Lawinenabgängen beobachtet, bekommt man aber einen ganz anderen Eindruck, hier sind sie im vergangenen Winter salonfähig geworden.

Von Simon Welebil

Alles, was man im realen Leben erleben kann, findet mach auch in sozialen Medien. Das ist bei Lawinenabgängen nicht anders. Doch während man offline über selbst ausgelöste Lawinen eher ein Tuch des Schweigens breitet, darüber reflektiert und höchstens in kleiner Runde davon erzählt, hat sich auf Facebook im vergangenen Winter das Gegenteil etabliert. Man hat mit Lawinenabgängen nahezu angegeben.

Das empfindet zumindest Riki Daurer so. Die Marketingexpertin aus dem Alpinbereich ist im Bergsportbereich bestens vernetzt. Im vergangenen Winter fällt ihr auf, dass immer mehr Postings von Lawinenabgängen in ihrer Facebook-Timeline auftauchen. Zu Beginn sind das noch informative Postings, die vor der Lawinengefahr warnen, aber schon kurz darauf werden sie abgelöst von Videos und Bildern echter Lawinenabgänge, die teilweise viral gehen, das am meisten verbreitete darunter wohl vom Australier Tom Oye.

Die Postings und Kommentare dazu sind emotional bis reißerisch, bei Tom Oye heißt es etwa zur Lawine, die er wohl selbst ausgelöst und bei der er auch dank eines Lawinenairbags recht glimpflich davon gekommen ist, „Not how I planned on starting the morning...“. Andere Postings zu Lawinenabgängen und -anrissen werden mit Emojis versehen oder im „Ich war dabei-Stil“ kommentiert und geshared. Die Lawine wird von der Bedrohung zum Erlebnis.

Der Unterschied zwischen zwei Saisonen

Riki Daurer beginnt nachzuforschen und untersucht Facebook-Postings zu Lawinen in vielen relevanten Gruppen über den Zeitraum von zwei Saisonen. Im Winter 2015/16 lösen Postings zu Lawinenabgängen noch hauptsächlich Shitstorms gegen die Verursacher aus. Dafür, dass im Jahr darauf dann Lawinenpostings auftauchen, die Gefahr relativieren, hat sie eine naheliegende und doch überraschende Erklärung parat, das Wetter: „Aufgrund von gutem Schneefall und schönem Wetter im Jänner 2016 im gesamten Alpenraum haben einfach die üblichen Postings, die auf Facebook gut gekommen sind, diese Powder-Fotos, schon ein wenig abgeloost. Jeder hatte die auf seiner Timeline. Man hat einfach neuen Content gebraucht, um zu punkten.“ Und dieser neue Content waren eben Lawinenabgänge.

Riki Daurer

Simon Welebil

Riki Daurer

Besonders interessant für Riki Daurer ist, dass sich diese Entwicklung nicht auf kommerziellen Seiten oder bei alpinen Institutionen wie dem Alpenverein abgespielt hat, sondern dass es vor allem Privatpersonen waren, die mit Lawinenpostings auf Facebook Likes und hohe Reichweite ergattern wollten.

Riki Daurer hat ihre Beobachtungen ausführlich im Fachmagazin bergundsteigen veröffentlicht: Avalanche goes social.Wie Lawinenabgänge salonreif wurden

Problematisch an dieser Entwicklung sieht Daurer, dass diese Postings eine sehr differenzierte Gruppe erreichen, in der sowohl Experten als auch viele Bergsport-Laien dabei sind. Ein Bergführer könne natürlich einschätzen, was hinter solchen Postings steckt und welche Gefahr von Lawinen ausgeht. Ein Schitourenanfänger hingegen bekommt statt der Warnung vor der Gefahr eine Relativierung mit, die stark ins Heroisierende geht. „Die Lawine war nicht mehr böse sondern nett. Die hat dazugehört. Man war ein Held, wenn man dabei war. Die Lawine wurde Statussymbol.“

Reflektierung eigener Postings

Was sind nun die Konsequenzen dieser Beobachtungen? Riki Daurer hält einerseits eine Sensibilisierung und Reflexion eigener Postings für notwendig, die auch Privatpersonen betrifft. Man müsse sich überlegen, was man postet, was man mit knappen Textmengen vermitteln kann und will und auch, welche Aussagen die Fotos und Videos unbewusst machen. Die Verantwortung in der Verbreitung von Information liege aber nicht nur bei den AutorInnen, sondern auch bei jenen, die Inhalte teilen oder auf die Like-Buttons drücken.

Als Best-Practice-Beispiele hebt Daurer etwa den Facebook-Auftritt der Bergrettung Salzurg hervor, die zur Prävention zwar Lawinenabgänge posten, aber ganz strenge Diskussionsregeln dazu erstellt hat. Andere wie die Bergwacht Berchtesgaden brechen Informationen zur Lawinenwarnstufe auch mal radikalst runterbrechen: „Wenn es schneit gibt es Lawinen.“

Wer kümmert sich um die unbetreuten BergsteigerInnen?

Bei Riki Daurers Nachforschungen hat sich aber ein weiterer Themenkomplex aufgetan, der über das Lawinenthema hinausgeht und in der Facebook-Architektur begründet liegt: Die Existenz großer Gruppen „unbetreuter BergsteigerInnen“. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es ca. 2 Millionen Personen, die „Bergsport“ als Interessensgebiet auf Facebook angeben. Facebook ist oft auch die erste Anlaufstelle für Fragen aller Art, doch informieren sich hier oft Laien bei anderen Laien, die ebensowenig Erfahrung haben, anstatt bei ExpertInnen nachzufragen, wodurch sehr viel Fehl- und Halbwissen weitergegeben wird.

Wie man diese Gruppen an unbetreuten BergsteigerInnen, TourengeherInnen und FreeriderInnen am besten erreicht, um ihnen qualitätsvolle Informationen zukommen zu lassen, ob wer für diese Gruppen verantwortlich ist oder sich verantwortlich machen muss, diese Fragen werden uns wohl auch noch die nächsten Jahre begleiten.

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