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Woody Allen mit Balken vor den Augen

ALBERTO PIZZOLI / AFP

Filmflimmern

Filmflimmern

Neu im Kino: „The Commuter“, „Life Guidance“, „The Killing of a Sacred Deer“, „Wonder Wheel“. Außerdem: Erreicht die #TimesUp-Debatte jetzt auch Woody Allen, Catherine Deneuve bezeichnet #metoo als Hexenjagd und Hollywoods „Pay gap“ ist ein Grand Canyon.

Von Pia Reiser

Wonder Wheel

Was 20 Jahre lang möglich war, ist dank der von #metoo zur #timesup gewandelten Debatte nun endlich ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Über einen neuen Woody-Allen-Film zu sprechen, ohne auch über die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zu sprechen, die seine Adoptivtochter Dylan Farrow bereits 1992 erhoben hat. Farrow hat bereits mehrmals öffentlich die Frage gestellt, wie es sein kann, dass Woody Allen unberührt bleibt vom immer noch anhaltenden Nachbeben, das die Affäre rund um Harvey Weinstein ausgelöst hat.

Nun ist man zum ersten Mal an dem Punkt angelangt, an dem man sich fragt, ob wohl der nächste Woody Allen Film - und „A Rainy Day in New York“ befindet sich bereits in Postproduktion - wohl auch noch bei den großen Festivals gezeigt werden wird. Das Schutzschild, das Allen stets umgeben hat, beginnt zu bröckeln.

„Wonder Wheel“, das 50er-Jahre-Drama um eine Kellnerin in einer unglücklichen Ehe (Kate Winslet), spielt im Woody-Allen-Mittelfeld, weit entfernt von erzählerischen Katastrophen und Ausgeburten der Fadesse wie „Hollywood Ending“ oder „Magic in the Moonlight“, aber noch weiter entfernt von der Grandiosität von Filmen aus Allens Frühwerk - oder von einzelnen düsteren Werken aus den letzten Jahren, wie etwa „Match Point“. Popkulturelle Relevanz glänzt hier durch Abwesenheit, Allen ist in den letzten Jahren oft nur uninspirierter Remixer seiner selbst gewesen.

Justin Timberlake und Kate WInslet

Warner

„Wonder Wheel“, mit seiner herrlich fast Technicolor-eingefärbten Kulisse des malerischen Coney Island, ist einer dieser Allen-Filme, die auf Publikums-Einlullung durch Nostalgie und Starbesetzung setzen. Und die Star-Besetzung zählt spätestens seit den 1990er-Jahren zu den Erkennungsmerkmalen eines Woody-Allen-Films. Eine Rolle in einem Woody-Allen-Film ist ein Hollywood-Abzeichen, ein Tinseltown-Ritterschlag - und auch eine gute Chance, für den Oscar nominiert zu werden. 18 SchauspielerInnen schreibt Allen Oscarrollen, sieben SchauspielerInnen bekommen ihn auch überreicht.

Mit der #TimesUp-Bewegung verschieben sich nun endgültig die tektonischen Platten der Wahrnehmung in der Hollywood-Welt. Greta Gerwig etwa war 2012 die Hauptdarstellerin in „To Rome with Love“, Allens Schlaftablette von einem Film, noch zwei Jahre bevor Dylan Farrow mit einem offenen Brief in der „New York Times“ ihrem Adoptivvater Allen erneut sexuellen Missbrauch vorgeworfen hat. Nun bedauert es Gerwig, mit Allen gearbeitet zu haben, ebenso formuliert es Ellen Page. Susan Sarandon und Jessica Chastain würden erst gar nicht mit ihm arbeiten wollen.

Justin Timberlake, der in „Wonder Wheel“ einen Rettungsschwimmmer spielt, unterstützte öffentlich die #timesup-Bewegung, was ihm dann als Scheinheiligkeit vorgeworfen wurde - ebenso kritisierte Dylan Farrow Schauspielerin Blake Lively, die in Allens „High Society“ mit dabei war und sich nun auch für #timesup engagiert hat.

In all den Diskussionen, die es, angetrieben von #TimesUp, geben wird und die es unmöglich machen, Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs einfach wieder beiseite zu schieben, wird man trotzdem sorgfältig zwischen Werk und Person trennen müssen. (Vor allem) Allens Frühwerk, der absurde Humor von Filmen wie „Bananas“ oder „Der Schläfer“, und Allen als Chronist des neurotischen Stadtlebens, Vorreiter der romantic comedy, Wegbereiter für zahlreiche Indie-Filmemacher, Blaupause für unzählige Drehbuchautoren, all das ist ein essentieller Teil der Filmgeschichte. Auch wenn einen die Szenen zwischen Allen und der damals 17-jährigen Mariel Hemingway vielleicht noch unangenehmer berühren, wenn man Hemingways Erinnerungen darüber liest, wie Allen versucht hat, sie zu einem romantischen Wochenende in Paris zu überreden.

The Commuter

Jaume Collet-Serra hat vor zwei Jahren in dem wunderbaren Film „The Shallows“ Blake Livelys Kampf gegen einen Hai in einer kleinen Bucht inszeniert und sich endgültig als B-Movie-König etabliert. In „The Commuter“ schickt er nun Liam Neeson auf eine Zugfahrt, die auch alle U6-Jammerer verstummen lassen wird. Eine mysteriöse Frau macht Ex-Cop McCauley ein so seltsames wie reizvolles Angebot. Er muss eine Person in dem Zug finden, die „hier nicht hingehört“ und einen GPS-Tracker an ihrer Tasche anbringen. Dann bekommt er 100.000 Dollar.

McCauley, der soeben seinen Job verloren hat, streift also durch den Zug, auf der Suche nach Hinweisen, um das Rätsel zu lösen. Neeson gibt, gewohnt fantastisch, geerdet und verlässlich, einen Hitchcock-artigen Helden, einen everyman, der unvermutet in mörderisch-mysteriöse Angelegenheiten verwickelt wird. Hitchcock-Fan Collet-Serra lässt sich auch zu einem „Dolly-Zoom“ wie in "Vertigo hinreißen, ansonsten sollte man aber bei „The Commuter“ nicht nach dem psychologischen Subtext suchen, der Hitchcocks Filme so verführerisch macht. Mit „The Commuter“ verabschiedet sich Liam Neeson aus dem Actiongenre und ich werde sie ein bisschen vermissen, diese Filme, in denen Neeson im Grunde immer in einer „I don’t know who you are but I will find you and I will kill you“-Situation war. „The Commuter“ bekommt 7 von 10 Fremden im Zug.

Liam Neeson

Centfox

Hat gerade die neuen Tarife der Wiener Linien gesehen: Liam Neeson

The Killing of a Sacred Deer

Alles andere als gemütliches Genrekino liefert Regisseur Yorgos Lanthimos mit „The Killing of a Sacred Deer“ ab. Wie schon in Lanthimos herrlich ungewöhnlichem Film „The Lobster“ spielt wieder Colin Farrell die Hauptrolle. Er schlüpft in den weißen Kittel des Chirurgen Steve und hat sich den Bart von Mandy Patinkin geliehen. Der Film beginnt mit einem blutigen Herz, eisig ausgeleuchtete Bilder führen einen in eine Welt der Verunsicherungen. Wer ist der Junge, mit dem sich Steve ständig trifft? Welche mysteriöse Krankheit bedroht die Familie des Chirurgen? Am besten, man weiß über den Film so wenig wie möglich, am besten, man lässt sich vom Meisterregisseur Lanthimos einfach den Boden unter den Füßen wegziehen. Psychologischer Horror, eingeflochten in ein griechisches Drama, das das Surreale umarmt. Christian Fuchs vergibt 9 von 10 Skalpellen.

Colin Farrell

thimfilm

Life Guidance

Die Zukunft, die Filme auf die Leinwand pinseln, ist selten eine gute, so entwirft die österreichische Regisseurin Ruth Mader in „Life Guidance“ eine Dystopie in cleanem Weiß-Schwarz-Grau. Der Kapitalismus schnurrt und die Mittelschicht macht im Skandi-Chic fröhlich mit bei Selbstoptimierung und maximaler Transparenz. Wenn alles nicht ganz so optimal läuft, wird eine Agentur namens Life Guidance eingeschaltet, gegen die sollte man sich dann nicht auflehnen. Erinnert an die gefühlsentleerte und funktionsoptimierte Welt, die der österreichische Film „Stille Reserven“ vor zwei Jahren auf die Leinwand gebracht hat. Damals übte Clemens Schick die Rebellion, jetzt ist Fritz Karl an der Reihe. Petra Erdmann verleiht 6 von 10 Leistungsträgern.

Männer in Anzügen, eine Frau mit weißer Bluse, Szenenbild aus "Life Guidance"

Stadtkino

Neulich im Schikaneder

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Die Viennale hat eine neue Direktorin, die heute vormittag vorgestellt wurde: Eva Sangiorgi ist unter anderem die Gründerin des International Film Festival of the National University of Mexico (FICUNAM) und wird auch schon für die heurige Viennale verantwortlich sein.

Ein französischer Remix der aufgeregten Debatte, die in Österreich Nina Proll letzten Herbst losgetreten hat, kommt nun in Gestalt von Catherine Deneuve daher. #metoo habe eine „Hexenjagd“ und „Denunziations-Kampagne“ losgetreten und würde die sexuelle Freiheit bedrohen, heißt es in einem offenen Brief, den Deneuve und 100 andere Frauen unterzeichnet haben. Die Reaktion darauf ließ nicht lange auf sich warten und kam u.a. in Form eines Tweets von Asia Argento, die eine der Frauen war, die die Debatte losgetreten hatte: „Deneuve and other French women tell the world how their interiorised misogyny has lobotomised them to the point of no return.“

Ausgerechnet für einen Film mit dem Titel „All the money in the world“ hat nun Michelle Willams für Nachdrehs weniger als 1% von dem bezahlt bekommen, was ihr Co-Star Mark Wahlberg erhalten hat. Mind the pay gap!

Roseanne wird im Reboot der 90er-Jahre-Serie eine Trump-Supporterin sein - so wie halt auch Darstellerin und „Roseanne“-Erfinderin Roseanne Barr.

Und, Neues aus Boulevardia: das Hipster-Vorzeigepaar Lena Dunham und Jack Antonoff hat sich getrennt.

Termine

11.01: Dark Blood, Breitenseer Lichtspiele, Wien
13.01: Emil und die Detektive, Metro Kinokulturhaus, Wien
14.01: Casablanca, Metro Kinokulturhaus, Wien
16.01: Vortrag Peter Kubelka „Was ist Film“, Filmmuseum, Wien
17.01: Cocksucker Blues, Filmmuseum, Wien
17.01: Königin Christine, Bellaria, Wien

In diesem Sinn: „Round up the usual suspects“! (Casablanca)

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