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Haiyti über „Montenegro Zero“

In Deutschland wird sie als große Pophoffnung gefeiert, am Freitag erscheint ihr Debütalbum „Montenegro Zero“. Die Rapperin Haiyti im Interview über Schein und Sein im Game Anno 2018.

Von Christian Lehner

Der Zug hat Verspätung. Hamburg ist jetzt weit entfernt. Dann kommt sie doch noch reingeflogen. Die große deutsche Pophoffnung, als die Haiyti derzeit von der deutschen Musikpresse gehandelt wird, wirkt ziemlich zerzaust an diesem Dezembernachmitttag in Berlin. Und doch so brav. Blauer Rollkragenpulli, die Haare zurückgebunden, kein Glam. Meine Fotokamera beginnt heimlich zu schluchzen.

Das macht die Person vor mir aber nicht unsympathischer. Auch dass Ronja Zschoche, so der bürgerliche Name, sich offensichtlich nicht an PR-Trainings hält, sich manchmal widerspricht, oder Dinge sagt, die sonst nirgendwo zu lesen sind, die aber für die Entstehung ihres Major-Label-Debütalbums auch nicht unwichtig waren (siehe erste Frage), spricht nicht gerade gegen die Mittzwanzigerin.

Während viele Mic-KollegInnen brav die Cloud-Rap- und Trap-Vorbilder aus den USA nachstellen und ins Deutsche eingemeinden, also die toxisch bedingte Gehirnrindenaufweichung möglichst weich im Nebel feiern, packt Haiyti den Holzhammer aus und haut auf das Jetzt - schrill, schroff, präzise, aber auch sehr geschmeidig in den schmuseligen Tracks ihres Major-Debüts „Montenegro Zero“.

Die für das Genre üblichen Begriffswiederholungen faucht Haiyti in den Sound, anstatt sie ins Endlose zu zerdehnen. Man denkt bei ihren Vokalkapriolen in Tracks wie „Berghain“ auch an DAF und EBM, an die olle Hagen und die Neue Deutsche Welle. Und man dankt für diese Originalität, die den scheinbar unterfordernden, weil plakativen Reimen und Sounds (done by KitschKrieg) die Bling-Krone aufsetzt. Dass Haiyti mit ihren Lyrics und Posen Genreklischees gleichzeitig umarmt und unterwandert, war für die „Instinktrapperin“ (Haiyti) nie so geplant, aber auch nicht egal. Sprechen wir also. Sie Tee. Ich Wasser. Sie dann mehr Tee. Ihre Ösi-Connection lautet übrigens Texta (Einfluss), Money Boy (Partner in Crime) und Lex Lugner (Mixtape).

Christian Lehner: Was war dein WTF-Moment 2017?

Haiyti: Mir ist die Festplatte abgekackt. Da war das gesamte Album drauf. Und Features wie Tommy Genesis. Alles weg. Das war sehr schlimm.

Musstet ihr das dann alles wieder nachbauen?

Ich habe das Album innerhalb von zwei Tage neu aufgenommen. Das war auch ein Fehler. Vielleicht ist weg einfach weg! Du trauerst ja den Songs nach, die du da aufgenommen hast, weil: one take, one hit. Das ist natürlich sehr schlimm, aber es passiert scheinbar jedem – zumindest vielen Leuten, die ich kenne. Aber ich bin überhaupt ganz schlecht, was Backups betrifft.

Du scheinst dich gern zu quälen?

Mein iPhone, wenn ich sterbe, ich schmeiß mich aus dem Fenster, da ist dann nix mehr da. Letztens hab ich das WhatsApp der letzten drei Jahre verloren. Ich bin ein Mensch, für mich ist das der Tod, aber ich mache trotzdem kein Backup. Ich weiß nicht warum, aber ich krieg’s nicht organisiert.

Beim Reinkommen hast du gesagt, dass du gestern auf einer Party warst.

Das war die Weihnachtsfeier auf der Kunstuni, wo ich eingeschrieben bin. Ich habe gerade den Eintragungstermin für die Master-Thesis verpennt und muss jetzt noch ein Jahr dranhängen. Aber alle verstehen, dass ich gerade mit anderen Dingen beschäftigt bin.

Hast du dort auch performt?

Am Ende ist es wieder gekippt und ich habe fünf/sechs Karaoke-Songs gesungen.

Welche?

Kann mich nicht erinnern, da muss ich mal gucken (scrollt über den Bildschirm ihres Handys). „Everytime“ von Britney Spears und „Get Ur Freak On“ von Missy Elliott.

Hat deine Thesis was mit deiner Musik zu tun oder mit Hip Hop im Allgemeinen?

Überhaupt nix! Ich sage immer, ich studiere Ästhetik. Ich male, mache Skulpturen und produziere Videos und das seit fünf Jahren. Vielleicht sind die Videos ein bisschen davon beeinflusst, ich weiß es nicht.

Gibt es einen bestimmten Aspekt an Kunst, der dich besonders interessiert?

Eigentlich nicht, ich habe jeden Tag eine andere Schnapsidee. Irgendwann kam aber der Punkt, wo ich gemerkt habe, dass ich alles ganz schnell produzieren muss – ähnlich wie beim Rap. Ich male jetzt nicht mehr eine Woche an einem Ölbild, das ist nicht mein Charakter. Seit dem verkaufen sich die Dinger auch. Aber das ist eigentlich ein Geheimnis.

Du bist aus Hamburg und hast zuletzt auf St. Pauli gelebt. Aus österreichischer Perspektive bedeutet das „Reeperbahn“. Wie war das für dich?

Na man fängt mit 17/18 an, auf den Kiez zu gehen. Man hat keinen Ausweis, man fälscht sich einen Ausweis. Und dann geht man in die Clubs. Man stürzt sich auf den Techno, taucht ein in die Kaschemmen, wo das Milieu abhängt. Man kann auf Touri-Parties gehen, man kann sich bei der High Society einschleichen. Das hab ich jetzt alles durch. Ich hatte auf St. Pauli eine richtige Schrottbude ohne Heizung aber mit vielen Mäusen. Unlängst bin ich das erste Mal in meinem Leben in eine normale Wohnung eingezogen. Die hat sogar so einen Induktionsherd.

Bist du eine Szenesurferin?

Ich guck mir das von außen an, aber eigentlich pass‘ ich nirgendwo rein. Ich kann halt gut mit verschiedensten Menschen. Auf der Uni fragen sie sich auch immer, wenn ich mit meinen Freaks antanze, dem „Schönen Klaus“ aus der Unterwelt, oder Fatih Akin, das wäre mal einen Dokumentarfilm wert, was da zusammenprallt. Bei den Szenen ist das so: Ein Teil von mir ist da schon drin, der andere dokumentiert das, aber das machen viele Künstler so. Der Maler geht zur Prostituierten und die ist auch Künstlerin.

Auf der Uni fragen sie sich auch immer, wenn ich mit meinen Freaks antanze, dem „Schönen Klaus“ aus der Unterwelt oder Fathi Akin.

Wie bist du zum Rap gekommen?

Mir liegt das im Blut. Klingt blöd, ist aber so. Man hört Raps von anderen und macht das nach. Dann textet man selbst. Mir wurde schnell klar, dass ich das kann. Ich habe früher übrigens neben Royal Bunker und Blumentopf sehr viel Texta aus Österreich gehört, dann Southern Hip Hop und solche Sachen.

Wann wusstest du, dass du das wirklich machen möchtest?

Das war vor gut vier Jahren im Kater Holzig in Berlin. Den Gig hat mir ein Kumpel klar gemacht. Es war bloß niemand da. Nebenan fand eine Techno-Party statt. Ich war komplett aufgedonnert mit High Heels, Haarteil und Minikleid, und habe vor fünf Leuten und ein paar verstrahlten Ravern gerappt. Ich war supernervös. Anschließend hat man mir gesagt, ich hätte performt, als wäre ich bei „The Dome“. Ich wollte wissen: Bringt mir das überhaupt Spaß auf der Bühne? Es hat mir sehr viel Spaß gebracht. Bis heute will ich grundsätzlich jeden Gig absagen, aber dann schaffe ich es doch immer wieder.

Du bezeichnest deinen Stil als „Gangsta Pop“. Das zeigt zumindest, dass da ein Konzept dahintersteckt, eine Ansage.

Ich glaube, diese Frage beantworte ich immer anders, ich weiß das nämlich nicht. Ich plane eigentlich nichts, ich denke mir auch beim Texten nichts aus. Das ist alles „hit and run“. Ich habe zu meinen Produzenten von KitschKrieg gesagt, dass ich ein Dirty-South-Popalbum machen möchte, das schon. Das hat dann auch so richtig geflutscht. Innerhalb von drei Wochen war alles fertig, also fast, weil nach hinten hat es sich dann schon etwas gezogen, als es hieß: Lass uns doch noch einen Popsong machen. Das ist dann „Serienmodell“ geworden. Grundsätzlich hat sich die Art, wie ich texte, nicht geändert, das Publikum, die Beats und die Plattformen haben sich geändert.

Welche Themen interessieren dich?

Es ist immer dasselbe: Sex, Drogen und Gewalt (lacht).

Bei dir hat man dennoch den Eindruck, dass das eher Tools sind, als Zielortbestimmungen. Man sieht Bling, man sieht tolle Karren, aber du machst es dir dort nicht bequem.

Ich habe keinen Bock auf diese klassischen Rap-Momente. Ich bediene mich zwar gern bei dem Genre - wenn wir zum Beispiel für „Mafioso“ ein Video drehen muss ein Ferrari rein - aber das passiert mit so einem Augenzwinkern.

Es ist auch die Art, wie du die Stimme einsetzt, das Rauhe, das Schrille, das erinnert phasenweise an Nina Hagen, die man zu Recht oft ins Treffen führt, wenn es um dich geht. Oder Neue Deutsche Welle.

Was soll ich sagen, das ist ja mittlerweile überall so, selbst in Amerika. Das Rauhe, das Ausfransen des Genres. Niemand rappt mehr wie Jay-Z. Niemand macht das mehr von der neuen Generation. Ich finde das ist nichts Besonderes.

Haiyti

Tim Bruening

„Montenegro Zero“ von Haiyti erscheint am Freitag auf Vertigo/Universal.

Vielleicht liegt es ja daran, dass die neuen Styles aus den USA im deutschen Sprachraum häufig 1:1 nachgestellt werden, bevor sich etwas Eigenständiges entwickelt. Und du bist da einfach weiter als die meisten anderen.

Na das glaube ich auch (lacht)! In Deutschland finden das immer alle krass, wenn jemand ausschert. Ich mach mir da nicht so viel Gedanken darüber.

Wie schreibst du deine Texte?

So wie sie kommen. Ich schnappe mir einen Zettel, ich hack‘ was ins Phone rein, ich füttere den Laptop. Der Rest wird freegestylt und am Ende alles zusammengepuzzelt. Bei mir ist er nur so, ich brauche keine Beats zum Schreiben. Ich schreibe auch im Studio. Gerade hab ich was geschrieben (kramt wieder das Handy raus): „Ich feier‘ dich nicht, du feierst mich nicht.“ Das kommt dann wo rein, wo es passt. Es muss alles schnell gehen. Ich brauche Tempo.

Deine Lyrics sind sehr direkt und auch einfach gehalten. Dennoch tun sich immer verschiedene Bedeutungsebenen auf. In „Berghain“, ein Stück über den wohl berühmtesten Techno-Club der Welt, rappst du: „Ich war noch nie im Berghain, bitte lasst mich da nicht rein!“ Das klingt zunächst nach Verweigerungshaltung, vielleicht wegen der berüchtigten Türpolitik dort, könnte aber einfach auch nur ironisch gemeint sein.

Das ist reiner Selbstschutz, weil es eskaliert ja immer bei mir. Ich freu mich insgeheim, wenn ich in einen Club nicht reinkomme. Beim Berghain ist es so: Ich war da tatsächlich noch nie drin, deshalb der Song. Ich kenne aber so ziemlich jeden, der dort zu schaffen hat. Die ganze Szene tummelt sich um mich. Ich hab’s einmal versucht, wurde dann auch reingelassen, hatte aber kein Geld an der Kasse – heilfroh!

Fürchtest du dich vor dir selbst?

Eigentlich schon. Es gibt da diesen Zwiespalt, die Produzenten wollen immer das Upgefuckteste von dir aufnehmen, aber wenn du zu Terminen nicht aufkreuzt, weil du wirklich so bist, ist das ein Problem. Beim Exzess frage ich mich halt immer mehr: Wann hört das denn auf? Ich glaube, es wird schon etwas weniger. Komischerweise bin ich gerade in der Promophase und es war noch nie so schlimm (lacht). Aber es wird besser. Von der Weihnachtsfeier gestern bin ich um 2 Uhr nach Hause gekommen.

Viele Kollegen und Kolleginnen schreiben über dich von der „großen deutschen Pophoffnung“. Kommt jetzt der Fame?

Es kann ein Nummer-Eins-Album werden oder nicht. Das Ding ist sehr gut geworden. Keine Ahnung, was jetzt passiert. Ich spiel‘ das Spiel jetzt mal mit. Ich kann nichts verlieren. Ich bin jetzt im Radio. Ich sag jetzt einfach mal nicht Nein.

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