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Colin Farrell in "The Killing of a Sacred Deer"

Thimfilm

FILM

Schuld und Sühne

Das Kinojahr beginnt mit einem verstörenden Meisterwerk. “The Killing of a Sacred Deer” verwickelt Colin Farrell und Nicole Kidman in einen surrealen Horrortrip.

Von Christian Fuchs

Bereits mit seinem zweiten Film „Dogtooth“ etabliert sich der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos 2009 als eine der schockierendsten und faszinierendsten Stimmen des europäischen Kinos. Ein Elternpaar überzeugt in dem sperrigen Lowbudget-Werk seine erwachsenen Kinder, dass die Außenwelt ausgesprochen gefährlich und feindlich ist. Die drei Geschwister wachsen in einer völlig abgeschirmten Villa in der Provinz auf, mit einem verqueren Zugang zur Sprache, bizarren Spielen und inzestiösen Interaktionen.

Was sich wie eine griechische Verfilmung grausiger österreichischer Keller-Tragödien anhört, erweist sich bei Betrachtung als groteske Versuchsanordnung, fernab von Wirklichkeitsnähe. Man könnte sich den Wahnsinn von „Dogtooth“ sofort auf einer modernen Off-Theaterbühne vorstellen.

Aber in all seiner Abstraktheit geht der Film doch ordentlich unter die Haut, wie auch Lanthimos‘ Nachfolgestreifen „Alps“ (2011). In dem befremdlichen Drama lässt sich eine Laiengruppe von trauernden Angehörigen bezahlen, um in die Rollen ihrer verstorbenen Liebsten zu schlüpfen. Eine absurde Studie über Einsamkeit und Leere, die wie sämtliche Werke des Regisseurs auf jede Katharsis am Ende verzichtet. Die Filme des Griechen reißen einfach mittendrin ab. Yorgos Lanthimos, soviel ist schon damals klar, erzählt weniger über die wirtschaftliche Krise in seinem Land als vom emotionalen Verfall der westlichen Hemisphäre.

Szenenbilld aus "The Lobster"

Polyfilm

„The Lobster“

Gruselige Gruppendynamik

Das gilt auch für seinen ersten englischsprachigen Film, mit dem er zu einer atemberaubenden Meisterschaft findet. „The Lobster“ (2015), wie jedes Lanthimos-Werk eine gesellschaftliche Parabel, nimmt in Form einer dystopischen Tragikomödie unter anderem die heutige Partnersuche auf‘s Korn. Colin Farell wird, gemeinsam mit anderen Singles, in ein abgelegenes Hotel geschickt, um innerhalb von 45 Tagen den passenden Lebensmenschen zu finden. Falls das nicht gelingt, droht den alleinstehenden Bürgern die Verwandlung in ein Tier ihrer Wahl.

Konformität, Normiertheit und die gruseligen Mechanismen der Gruppendynamik: Yorgos Lanthimos setzt die Themen aus „Dogtooth“ und „Alps“ fort. „The Lobster“ überwältigt aber auch mit einer fremdartigen Atmosphäre, die nichts mit den üblichen Anti-Utopien des Science-Fiction-Kinos zu tun, höchstens die düstere Fernsehserie „Black Mirror“ kommt einem kurz in den Sinn. Bedrückende Melancholie und rabenschwarzer Humor, der übrigens zu allen Lanthimos-Filmen gehört, überlagern sich.

„The Lobster“ macht aber auch klar, dass der griechische Regieoutsider internationale Stars einmalig inszenieren kann. Darsteller wie Farrell, Rachel Weiz oder Léa Seydoux zeigen, abseits kommerzieller Zwänge, was wirklich in ihnen steckt. „The Lobster“ wird nach Pressehymnen zu einem gewissen kommerziellen Erfolg und schraubt die Erwartungen an das nächste Werk von Yorgos Lanthimos hoch.

Szenenbilder aus "The Killing of a Sacred Deer"

Thimfilm

Schleichende Verunsicherung

Am Anfang von „The Killing of a Sacred Deer“ steht nun ein blutiges, pumpendes Herz in Großaufnahme. Yorgos Lanthimos eröffnet seinen neuesten Film mit einem Blick in einen geöffneten Brustkorb, untermalt von dröhnenden Schubert-Klängen. Die drastische Operationsszene macht sofort klar, dass der Regisseur schon wieder auf maximale Verstörung abzielt. Dabei setzt er im Laufe der folgenden zwei Stunden weitere Schockmotive aber nur mehr sparsam ein, um sein Ziel zu erreichen. Lanthimos folgt stattdessen dem Prinzip der schleichenden Verunsicherung.

„The Killing of a Scared Deer“ ist ein Film, dessen Oberfläche man nicht trauen darf. Noch entschieden mehr als in seinen Vorgängerwerken täuscht Lanthimos uns zunächst mit eisig inszeniertem Realismus. Aber schon bald driftet die Geschichte rund um den erfolgreichen Herzchirurgen Steven (Colin Farrell) und seine Familie in die Seltsamkeit ab, muten Dialoge wie so oft bei Lanthimos bewusst gestelzt an, mischt sich das Irrationale in den Alltag.

Was treiben der Mediziner und seine Frau (Nicole Kidman) da nächtlich im Schlafzimmer für bizarre Spiele? Wer ist der pubertierende Junge (Barry Keoghan), mit dem sich der Onkel Doktor ständig heimlich trifft? Und welche unerklärliche Krankheit bedroht plötzlich Stevens Sohn? Es scheint, als ob Colin Farrells Figur in der näheren Vergangenheit unverzeihliche Schuld auf sich geladen hat, für die nun seine Kinder und seine Frau büßen müssen.

Szenenbilder aus "The Killing of a Sacred Deer"

Thimfilm

Bestechende Ästhetik, gequälte Charaktere

Was als neurotisches Familiendrama beginnt, in dem der Trademark-Galgenhumor nur selten aufblitzt, verwandelt sich in einen Horrorfilm inklusive Anspielungen an antike Rache-Tragödien. Irgendwann zieht der Regisseur uns Zusehern den (Genre-) Boden unter den Füßen allerdings komplett weg. Das erinnert stellenweise an Michael Haneke, dessen Name seit Jahren durch Lanthimos-Rezensionen geistert. Tatsächlich verbindet beide Filmemacher eine gewisse Unbarmherzigkeit im Umgang mit ihren Charakteren.

Wer einzig in den Mustern des gängigen psychologisch unterfütterten Identifikations-Kinos aus Hollywood denkt, der mag Haneke und Lanthimos sogar blanken Sadismus unterstellen. Aber es sind eben keine Personen aus Fleisch und Blut, die auf der Leinwand gequält werden, sondern Konstrukte, die für gewisse Haltungen stehen. Im Gegensatz zum nüchternen Österreicher, und dessen Dekonstruktionen der bürgerlichen Welt, begeistert der Grieche aber mit einer bestechenden Ästhetik.

Die Lichtgebung und das bedrohliche Sounddesign von „The Killing of a Sacred Deer“ wecken Assoziationen an Stanley Kubrick und David Lynch. Noch ein Meisterregisseur kommt einem, wie schon bei „Dogtooth“ oder „The Lobster“, bei dem ganzen surrealen Irrwitz in den Sinn: Der große Luis Buñuel.

Aber Yorgos Lanthimos macht sein ganz eigenes Ding und die Schauspieler, die sein Metaphernkino zum Leben erwecken, sind dabei wieder einmal essentiell. Colin Farrell und Nicole Kidman wandern wieder einmal ganz weit weg vom Mainstream, in klaffende Abgründe. Der junge Barry Keoghan, bekannt aus „Dunkirk“, verfolgt einen noch lange in die Alpträume. Und auch 90ies-Darling Alicia Silverstone hat einen gespenstischen Kurzauftritt. Wer das Kinojahr 2018 mit einer erschütternden Grenzerfahrung beginnen will, dem sei „The Killing of a Sacred Deer“ dringlich empfohlen.

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