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Børns

Chuck Grant

You are my lover for life

Die Songs von Børns sind genauso eingängig wie diese Zeile. Gerade ist sein zweites Album „Blue Madonna“ erschienen. Aber wer ist eigentlich dieser Musiker, von dem Taylor Swift großer Fan und Lana Del Rey sogar Studiopartnerin ist?

Von Lisa Schneider

Der amerikanische Traum: vom Tellerwäscher zum Rockstar. Garett Borns, der sich für sein Künstler-Synonym das hipstereske ø in den Namen gezaubert und schon eine EP und zwei Alben veröffentlicht hat, hat sich über diesen Karrieresprung nie großartig den Kopf zerbrochen.

Zauberlehrling

Der mittlerweile 26-Jährige wächst in Grand Haven, Michigan, auf. Nach der Schule zieht es ihn nach New York. In der hiesigen Blubberblase aus Glamour, Ekstase - aber auch dem schnellen Fall - erhofft er sich die nötigen Inspirationen, die seinen Sound prägen sollen.

Musik, erzählt er, macht er schon immer, und das stimmt zumindest für über die Hälfte seines Lebens: Mit zehn Jahren stellt er schon Rechnungen für Party-Pianonummern auf Dinnerparties seiner Eltern aus. Noch lieber tritt er im gleichen Alter aber als Zauberer „Garett the Great“ auf.

Als er mit 23 Jahren von New York weiter nach Kalifornien geht, um dort mehr Ruhe zu finden, ändert sich alles. Er zieht in ein Baumhaus, in dem er eigentlich nur ein paar Wochen Urlaub machen wollte, und schreibt. Dort, am Rande von L.A., stört es niemanden, wenn er sein Falsett so laut in alle Höhen schraubt, dass er damit sogar die vorbeifahrenden Eiswagen und Chihuahua-Chöre der Nachbarn übertönt. Nicht minder ausschlaggebend als der neue Ort, die Ruhe und die Einsamkeit, ist das „super broken heart“ nach dem Beziehungs-Aus, das er dorthin mitbringt. „Being where I was and around the people I was with allowed me to relax. Instead of trying to find a certain stream of consciousness, I started floating down my stream and seeing where it would take me.“

Einsamkeit, Inspiration und Vitaminspritze

Garett Borns nimmt seine erste EP auf, sie heißt „Candy“ und erscheint im Herbst 2014. Und sie ist genau das: ein zuckriger Haufen schillernder Popsongs, das schmerzende Herz scheint vergessen.

Zusätzlich gibt’s kurz nach dem Release der EP ein nicht zu unterschätzendes Instagram-Posting von Taylor Swift: „Electric Love“ by Børns sounds like an instant classic to me...“. So viel Vitamin B muss wirken, und es wirkt (Taylor Swift hat aktuell 105 Millionen Follower auf Instagram).

Die erste Tour beginnt. Garett Børns spielt unter anderem am legendären South By Southwest Festival. Schon während der Tour drängt es ihn zurück ins Studio, er nimmt in kürzester Zeit sein Debutalbum „Dopamine“ auf. Dieses beschert ihm Platin-Status - und einmal mehr den Ruf als perfekter Coachella-Headliner. Er hat den entsprechendem Namen, die 70er-Jahre Glamrock-Attitüde - und auch optisch das passenden Styling. Dabei sagt er noch in einem Interview mit dem Harper’s Bazaar 2015, dass er von Mode eigentlich keine Ahnung hat.

Von der Musik zur Mode

Ganz nimmt man es ihm nicht ab, diese Ahnungslosigkeit, dazu ist alles zu fein durchgeplant: das elegante, genderfluide Auftreten, gerne auch in hochhackigen Schuhen, übersät mit Glitzerpailetten, bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Streifenhemden und dem demonstrativen Mittelscheitel, der die langen, dunklen Locken trennt.

Børns

Spencer Cohen

Und umsonst hat er nicht bei Rebecca Minkoffs Frühjahrsshow 2016 während der New Yorker Fashion Week gespielt, oder für eine H&M-Kampagne gesungen. Oder aber auch Gucci als Langzeit-Muse gedient.

Mit der musikalischen, aber auch optischen Glamourpose tritt Garett Børns in Konkurrenz mit Meilyr Jones, Cullen Omori oder The Lemon Twigs, die ebenfalls fein nuancieren zwischen femininen Looks und alten Gitarren. Auf dem Retro-Plattenspieler muss bei allen Genannten hauptsächlich David Bowie laufen.

High-Heels sind schön, und tun weh

Schon vor Veröffentlichung seines ersten Longplayers „Dopamine“ wird Interscope Records, Ableger von Universal Music, aufmerksam. Ein großer Schritt hinauf ist geschafft, auch die erste Headliner-Tour durch Amerika beweist das. Der unerwartete Traum hat aber auch einen faden Beigeschmack, nämlich ein nicht immer angenehmes Doppelleben: Garett Borns unterscheidet strikt zwischen seiner Privatperson und seiner Bühnenfigur. Die engen, hohen Schuhe on stage, sie schmerzen. Und sie erinnern ihn daran, wie sehr er sich ins Zeug legen muss, um sie weiterhin tragen zu können.

„Faded Heart“, eine üppig instrumentierte Single des ersten Albums, diskutiert im Zwiegespräch mit sich selbst "the lamentation of my own morality“. Abends steht man auf der Bühne und wird bekreischt, dann geht man nach Hause, und da steht ja noch das dreckige Geschirr im Spülbecken. Die Kluft zwischen dem Bühnen- und dem normalen Leben ist in vielen Situationen schwer bis gar nicht überbrückbar, so auch nicht für Garett Borns. Von der Musik selbst verlangt er ein Schicksalszeichen: “Don’t you break my faded heart / don’t put me out / show me what it’s all about.”

Blue(s) Madonna

Mittlerweile als Musiker in L.A. angekommen, nimmt Børns dort auch sein zweites Studioalbum auf. Es ist Mitte Januar 2018 erschienen und heißt „Blue Madonna“. Bis zum Schluss hat er sich den medialen Kracher aufgespart: die Eröffnungssingle „God Save Our Young Blood“ singt er gemeinsam mit Lana Del Rey.

Auch für die Single, die dem Album den Titel gibt, singt sie die Guest Vocals. Weniger auf ein Bekenntnis als mehr um seine persönliche Veränderung beziehen sich die religiösen Anspielungen: „I was trying to figure out what the theme of the record was when I was making it. A lot of it was loss of innocence, this melancholy feeling of departure.“

Da ist er wieder: der Blues, den Børns schon so gut kennt. Die Tour ist aus, das Leben ist da. Die Themen wiederholen sich, aber sie werden intensiviert.

„Man“, ein weiteres Stück auf „Blue Madonna“, sinniert begleitet von nur so drohlich scheppernden Percussions und Synthesizergehämmere vom Weltuntergang, von einer Bergspitze aus betrachtet. Es ist die ewige Frage: Wie unsterblich macht Erfolg?

Børns Cover "Blue Madonna"

Interscope Records

„Blue Madonna“, das zweite Album von Børns, erscheint via Interscope Records.

Auf „Blue Madonna“ schüttet Garett Borns Gedanken, die er seit dem Beginn seiner Musikerkarriere mit sich herumträgt, aus; es sind die Selbstzweifel, aber auch die Zweifel am Gegenüber, an der Ehrlichkeit des Jubels und der Authentizität all der anderen Nettigkeiten. Interessanterweise, wenn auch nicht völlig überraschend, wurde die Produktion im Gegensatz zum Inhalt mainstreamtauglicher: Der verspielte, man könnte „alternativ“ dazu sagen, falls das Wort heute noch eine Bedeutung hätte, Synthpop ist glatter poliert. Glatt, um durchs Radio zu fließen, wenig anzuecken oder auszureißen.

Wer die Message will, wird sie hören; wer aber nur die saftigen Popmelodien will, wird auch damit beschenkt. Dass Børns dabei die Probleme des Übertritts in ein berühmtes Leben den Stoff liefern, soll für ihn sprechen. Darüber wird er wahrscheinlich nicht nur mit Taylor Swift oder Lana Del Rey noch viele gute Lieder schreiben.

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