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Szenen aus der Graphic Novel "Primo Levi"

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Ein Glücksfall der Erinnerung: Primo Levi lebt

Der Chemiker und Schriftsteller Primo Levi hat Auschwitz überlebt. Eine Graphic Novel aktualisiert seinen Kampf ums Erinnern.

Von Lukas Tagwerker

Wenn in den ersten Tagen des Jahres 2018 Politiker in mächtigen Ämtern von der „finalen Lösung der Flüchtlingsfrage“ sprechen und davon, Menschen „konzentriert an einem Ort zu halten“, dann verwenden sie eine Sprache, die Alarmglocken schrillen lässt: „Endlösung“ und „Konzentrationslager“ sind klare Nazi-Diktion für organisierten Massenmord und Vernichtungslager.

Dass regierende Politiker es wagen, Derartiges überhaupt in den Mund zu nehmen, lässt auf Lücken im Geschichtsbewusstsein schließen. Einer, der sein ganzes Leben um die Brüchigkeit und Gefährdung der kollektiven Erinnerung besorgt war, war der italienische Chemiker, Partisan und Linguist Primo Levi (1919–1987), der mit präzisen und nüchternen Zeugnissen wie „Ist das ein Mensch?“, „Die Atempause“ und „Die Untergegangenen und die Geretteten“ uns später Geborenen das schwer zu Fassende des industriellen Massenmords weitergibt.

„Wisst ihr Kinder, als ich so alt war wie ihr, habe ich Zahlen sehr geliebt, aber ich konnte mir nicht vorstellen, …“

Szenen aus der Graphic Novel "Primo Levi"

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Levis Überleben des Vernichtunslagers Auschwitz und sein hellwaches Erzählen haben die zwei jüngeren italienischen Zeichner Matteo Mastragostino (Skript) und Alessandro Ranghiasci (Ausführung) zu einer künstlerischen Würdigung inspiriert, die sowohl als sensible Einstiegshilfe in den historischen Komplex dient, als auch für Primo Levi-KennerInnen als völlig neue Verlebendigung seines Charakters.

Szenen aus der Graphic Novel "Primo Levi"

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Primo Levi von Matteo Mastragostino und Alessandro Ranghiasci. Aus dem Italienischen von Georg Fingerlos ist bei bahoe books erschienen.
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Als betagter Mann steht Levi wieder in der Volksschule in Turin, die er als Kind besucht hat. Die Auseinandersetzung mit den Schülern, die einen Helden erwarten und zuerst enttäuscht, bald vorlaut-forsch, bald fassungslos den alten Mann befragen, bildet den Rahmen der Graphic Novel.

Darin atmet Primo Levis Lebenserinnerung: seine Zeit als Chemie-Student, seine Partisanen-Aktivität in den norditalienischen Alpen, die Verhaftung im Dezember 1943 und der Transport des 24-jährigen Juden nach Auschwitz.

Hier sind seine Deutschkenntnisse und sein Chemie-Studium lebensrettend. Im KZ Auschwitz III Monowitz verrichtet er für die Firma IG Farben Zwangsarbeit im Labor.

Die unterschiedlichen Stationen seines Lebensweges werden umkreist, dazwischen agiert die Schulklasse als Trägermedium und eigensinnige Zuhörerschaft. Süße Überlebenstagträume aus dem Baracken-Elend wechseln mit spät nachwirkenden Alpträumen und dem Aufblitzen unwillkürlicher Erinnerungsbilder, deren tiefe Verwundung nur dem Leser mitgeteilt wird, während die Schulklasse einen gefasst wirkenden Vortrag bekommen soll.

Hat es jemals eine so behutsame Darstellung der radikalen Subjektivität von Gedächtnisvorgängen gegeben, die im Augenblick ihrer Mitteilung die Bürde der Überlebensverantwortung und der historischen Wahrheit tragen?

Szenen aus der Graphic Novel "Primo Levi"

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Levi verbringt elf Monate in der Hölle Auschwitz. In seinem Leidensgenossen, dem Chemiker Alberto und in dem Zivilisten Lorenzo, der als Maurer an der Vergrößerung des Lagers mitarbeitet, findet Primo Levi dann doch Freunde in Auschwitz, deren seelische und materielle Unterstützung ihn am Leben halten.

Die erschreckenden Beobachtungen von Entmenschlichung, die völlig absurden Vorgänge im Lageralltag wie Anpassungen an die Grausamkeit der regelmäßigen Selektion für die Gaskammer, schildert die Graphic Novel nur schlaglichtartig, die Lektüre von „Ist das ein Mensch?“ kann sie nicht ersetzen.

Der subtil-nervöse Zeichenstil erzeugt dabei eine packende Unmittelbarkeit, und zeugt zugleich vom Schmerz, die Erinnerung notwendig wach zu halten.

Szenen aus der Graphic Novel "Primo Levi"

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Bemerkenswert ist, dass Matteo Mastragostino und Alessandro Ranghiasci sich während der Arbeit am Buch kein einziges Mal physisch getroffen haben, stattdessen in ständigem Fern-Dialog zwischen Norditalien und Rom über die Produktionsschritte konferiert haben und sich erst zur Präsentation des Buches gegenüberstanden.

Dass der exzellente Wiener Kleinverlag bahoebooks eine deutsche Übersetzung produziert hat, ist der letzte Glücksfall in dieser Kette von Ereignissen, die Primo Levis Andenken in eine bessere Zeit hinüberretten mögen.

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