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Gary Oldman als Winston Churchill

Universal

Ein kleines bisschen Wahnwitz

In „Darkest Hour - Die dunkelste Stunde“ fesselt Gary Oldman als Winston Churchill. Bevor der Brite eventuell den langverdienten Oscar erhält, hier eine kleine Auflistung seiner intensivsten Charaktere.

Von Christian Fuchs

Wollte man ausführlich über den britischen Schauspieler Gary Oldman schwärmen, die Lobeshymne würde locker jeglichen Rahmen hier sprengen. Lasst mich trotzdem, sehr subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, an ein paar seiner herausragendsten Leinwand-Auftritte erinnern. Der aktuelle Anlass ist der Film „Darkest Hour - Die dunkelste Stunde“, in dem Oldman mit Hilfe perfekter Makeup-Kunst den legendären Politiker Winston Churchill im wahrsten Sinn des Wortes verkörpert.

Sid Vicious

Sex, Drugs und das vorläufige Ende des Rock’n’Roll: In „Sid & Nancy“ gibt Gary Oldman 1986 sein Kinodebüt als blutjung verstorbener Punkrocker Sid Vicious. Die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Sex-Pistols-Bassisten und seiner Freundin Nancy Spungen wird von Regisseur Alex Cox als blutverschmierte Romanze inszeniert, die auf den Wahrheitsgehalt nicht immer zwingend Wert legt. Johnny Rotten hasst den Film, aber aus heutiger Sicht fasziniert die schmutzige Punk-Ballade. Ein Jahr später, in „Prick Up Your Ears“, spielt Oldman ebenso exzessiv den Schriftsteller Joe Orton und zementiert seinen Ruf als manischer Shootingstar.

Graf Dracula

In den frühen 90ern hat Gary Oldman künstlerisch einen besonders guten Lauf. Für den Regie-Exzentriker Nicolas Roeg spielt er in „Track 29“ einen pervers angehauchten jungen Autostopper, im unterschätzten Neo-Noir-Drama „State Of Grace“ betört er als unberechenbarer Gangster. In Oliver Stones Verschwörungsepos „JFK“ brennt er sich mit einem Kurzauftritt als Lee Harvey Oswald in die Netzhaut ein. Aber erst der große Francis Ford Coppola gibt ihm 1992 die überfällige Mainstream-Hauptrolle. Und Oldman schafft das Unmögliche. Als „Bram Stoker’s Dracula“ gelingt es ihm neben Legenden wie Bela Lugosi und Christopher Lee nicht nur zu bestehen. Sein sehnsüchtiger Vampirfürst, der weniger für das Böse als für die Liebe (ewig) lebt, lässt eine ganze Generation von Grufties schmachtend seufzen.

Drexl Spivey

In Tony Scotts Outlaw-Lovestory „True Romance“ hat Gary Oldman 1993 schon wieder einen kleinen Auftritt für die Ewigkeit. Als der nerdige Clarence (Christian Slater) sich in die Prostituierte Alabama (Patrica Arquette) verknallt, bekommt er es mit ihrem gruseligen Zuhälter zu tun. Der schmierige Drexl, mit Schnittwunden im Gesicht und verfilzten Dreadlocks, gehört zu den bedrohlichsten Figuren von Drehbuchautor Quentin Tarantino. Und wird von Oldman lustvoll böse gespielt, inklusive Fake-Rasta-Slang.

Jack Grimaldi

Romeo Is Bleeding“, veröffentlicht 1993: Noch eine Film-Noir-Hommage, die am Boxoffice unterging und nach einer Wiederentdeckung schreit, mit Gary Oldman in absoluter manischer Topform. Der Brite spielt Jack, einen korrupten Cop, der mit der Mafia locker Geschäfte abwickelt, seiner Frau schmeichelt und daneben Affairen pflegt. Das wackelige Lebenskonstrukt des Polizisten bricht zusammen, als er es mit einer eisigen Auftragskillerin (göttlich: Lena Olin) zu tun bekommt. Den rasenden Absturz des Protagonisten muss man als Oldman-Fan unbedingt gesehen haben.

Norman Stansfield

Noch so ein teuflischer Typ, der sich unter der Fassade eines Gesetzeshüters verbirgt. Luc Besson hetzt 1994, in seinem vielleicht besten Film „Léon - der Profi “, den finsteren Drogendezernat-Boss Stansfield auf das ungleiche Paar Natalie Portman und Jean Reno. Mit einer verschwitzten Over-the-top-Performance, wie von kiloweise Kokain und Speed angetrieben, schreibt sich Gary Oldman endgültig in die Filmgeschichte ein. Eventuell der Bedrohlichste unter all den unzähligen Bösewichten, die Oldman im Laufe seiner Karriere spielte.

Commander Gordon

Und schon wieder eine Polizistenrolle, diesmal aber am ganz anderen Ende des moralischen Spektrums. Mitte der Nullerjahre ist Gary Oldman, nach nicht ganz so dringlichen Bad-Guy-Auftritten in „The Fift Element“, „Air Force One“ oder „Hannibal“ ein bisschen ermüdet punkto Typecasting. Christopher Nolan lässt ihn in seiner genialen Batman-Trilogie in die Rolle des loyalen, mutigen Commander Gordon schlüpfen, besonders erinnerungswürdig im Meisterwerk „The Dark Knight“, 2008. Plötzlich funkelt in Oldmans Augen kein Hass mehr. Dass er fast zeitgleich in den Harry-Potter-Filmen Harrys väterlichen Freund Sirius Black spielt, passt zu dieser Wandlung.

George Smiley

Mit einer Handvoll Rollen in eher uninspirierten Filmen rutscht Gary Oldman eine Zeit lang aus dem Fokus der Kritik und seiner Fans. Das hypnotische Agentendrama „Tinker Tailor Soldier Spy“, bei uns „Dame, König, As, Spion“ betitelt, markiert 2011 sein grandioses Comeback. Den Part des altersmüden Geheimagenten George Smiley, eine berühmte Romanfigur von John Le Carré, haben vor ihm bereits James Mason und Sir Alec Guiness verkörpert. Oldman macht sich die Figur aber komplett zu eigen, mit einer Subtilität, auf die er früher bewusst verzichtete. Der Wahnwitz war einmal, es geht jetzt um Schauspiel als präzise Kunst.

Robert Rotifer: Mit Winston in der Underground

Gedanken zu „Darkest Hour“ als filmische Darstellung zweier der finstersten Jahre der britischen Geschichte: 1940 und 2018.

Winston Churchill

„Darkest Hour – Die dunkelste Stunde“ mag ein populistischer crowd pleaser sein oder gar, wie Kollege Robert Rotifer schreibt, ein Stück Brexit-Propaganda im Gewand eines Weltkriegs-Kammerspiels. Das Historiendrama rund um den englischen Premierminister, der Friedensgespräche mit den Nazis kategorisch ablehnt, ist zumindest alles andere als staubtrocken und steif inszeniert. Und dann ist da die Naturgewalt namens Gary Oldman. Viele Schauspieler wären verloren unter den Tonnen von Latex, die ihm Ähnlichkeit mit Churchill verleihen. Aber Oldman bringt sich selbst bewusst zum Verschwinden. Es ist die Art von Darstellung, die buchstäblich nach einem überfälligen Oscar brüllt.

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