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Yann Borgnet

„Wir müssen vor der Ignoranz flüchten“

Gegen das fremdenfeindliche Klima in Europa bevorzugt eine Gruppe, wie die SOS Alpes Solidaires, den Wert des Humanismus hervorzuheben. Sie zeigen ihre moralische und praktische Solidarität mit denen, die gezwungen sind, die gefährlichen Pässe in den Alpen zu überqueren. Ein Interview mit Yann Borgnet von “SOS Alpes Solidaires“ und “Mountain Wilderness.

Von Chrissi Wilkens

Täglich versuchen Flüchtlinge in der italienischen Region Bardonecchia die Alpen zu überqueren, um nach Frankreich zu gelangen. Oft in Jeans und Turnschuhen und ohne Erfahrung, was die Risiken angeht. Einige der Flüchtlinge sind bereits durch die Sahara gegangen, haben die Sklavenmärkte von Libyen überlebt, das stürmische Mittelmeer. Die schneebedeckten Alpen erschrecken sie nicht, auch wenn sie wieder einmal ihr Leben gefährden. Die Bemühungen der Behörden, sie zu verhindern, bleibt ergebnislos.

Freiwillige Bergretter auf beiden Seiten versuchen, den Menschen in Not zu helfen. Am Silvestertag hat eine Gruppe von Franzosen auf dem Bergpass Col de l’Échelle eine Veranstaltungorganisiert, um ihre moralische und praktische Solidarität mit denen zu zeigen, die gezwungen sind, die gefährlichen Pässe in den Alpen zu überqueren, da die Grenzkontrollenan mehreren Orten unter anderem auch im Brenner, verschärft wurden.

Sie errichteten kleine Igluzelte entlang der Route und schliefen in ihnen, als ein symbolischer Akt, um mit den Flüchtlingen Mitgefühl zu zeigen. Gegen das fremdenfeindliche Klima in Europa bevorzugt eine Gruppe, wie die SOS Alpes Solidaires, den Wert des Humanismus hervorzuheben.
Chrissi Wilkens hat Yann Borgnet, Mitglied von “SOS Alpes Solidaires” und “Mountain Wilderness” interviewt. (Mitarbeit und Übersetzung aus dem Französischen: Antoine Rossi)

Welche Bedingungen herrschen in der Region, in dem die Flüchtlinge gerettet werden?

Die Flüchtlinge, Menschen ohne Erfahrung und Ausrüstung, betreten Berge, die nicht markiert sind, mit mehr als einem Meter Schnee und Temperaturen unter Null. Ihnen nicht zu helfen, würde bedeuten, unsere Grundprinzipien zu leugnen, die Prinzipien, die die Bergbewohner charakterisieren. Wir verurteilen aufs Schärfste die Schließung [für die Flüchtlinge] der „sekurisierten’“ Zugangspunkte über die ganzjährig geöffnete Straße des Montgenèvre-Passes oder Royatals an, was dazu führt, die Migranten in gefährliche Zonen zu schicken.

Wie viele Flüchtlinge wurden bis heute gerettet und in welchem Zustand waren diese Menschen körperlich und geistig?

Ich habe nicht die genaue Anzahl von Flüchtlingen, die durch den Briançonnais gekommen sind. Seit einem Jahr durchqueren täglich Flüchtlinge die Region. Die Bewohner des Briançonnais haben über tausend Menschen begrüßt, ihnen geholfen und sie betreut.

Flüchtlinge werden identifiziert und unterstützt von Menschen, die täglichan Schichten auf den Bergpässen Montgenèvre und l’Échelle teilnehmen. Die Flüchtlinge befinden sich oft in einem Zustand extremer Ermüdung, dehydriert, unterkühlt und/oder mit Erfrierungen. Im letzten Winter wurden die Zehen von Mamadous Fuß amputiert. Mamadou ist ein Flüchtling, der den Berg während eines Sturms auf dem Échelle-Pass (1700m) überquert hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir im Frühling in den Bergen Leichen finden. Die Flüchtlinge sind psychisch stark. Aber wir können uns nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben, um hierher zu kommen.

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Yann Borgnet

Gibt es außer den ehrenamtlichen Helfern noch eine andere Art von Unterstützung für Menschen, die versuchen, auf diese Weise die Grenze zu überqueren?

Nein, es gibt keine. Schlimmer noch ist, dass das Schild mit der Aufschrift „Frankreich“ absichtlich von der italienischen Seite entfernt wurde, in Bardonecchia, dem Ausgangspunkt [der Flüchtlinge]. Diese Tatsache ist zweifach kriminell. Auf der einen Seite schließen wir sichere Wege, auf der anderen machen wir die Wege am Berg noch komplizierter. Wir müssen erkennen, dass sich diese Menschen im zweiten und dritten Jahr ihrer Reise befinden und nichts sie daran hindern kann, bis sie ihr Ziel erreichen. Wenn das Ziel Frankreich ist, werden sie dort ankommen oder sie werden auf der Straße sterben. Tod oder Erlösung. Es gibt keine andere Wahl für sie.

In Ihrem eigenen Land und in vielen anderen europäischen Ländern werden Flüchtlinge und Immigranten heute von vielen Politikern und Bürgern als Feinde, als Invasoren behandelt. Wie erklären sie diese Einstellung und was kann man tun, um sie zu ändern?

Es ist ein echtes Problem. Gegenwärtig ist die von der französischen Regierung verfolgte Politik eine Politik, die auf den Umfragen basiert. Die Anwesenheit von Marine Le Pen in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen ist nichts anderes als das Zeichen einer tiefen Desinformation der Wähler, die in Angst und Introvertiertheit versinken. Ein Teil der politischen Welt aktualisiert und nährt diese künstlichen Kreationen [diese Desinformation], um die Fahne des Nationalismus hochzuhalten. Wir aber halten an dem universellen Wert des Humanismus fest. Wir müssen diese Leute willkommen heißen und einen Austausch schaffen. Wenn wir aus der Ignoranz fliehen, wird es möglich sein die Ängste abzubauen. Flüchtlinge sollten die Möglichkeit erhalten, sich frei auszudrücken, ihnen sollte in den Medien Raum gegeben und ihre Stimme gehört werden.

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Yann Borgnet

Französische Bürger, die Flüchtlingen und Immigranten halfen, wurden zur Verantwortung gezogen, wie Pierre-Alain Mannoni oder Cédric Herrou, was ist Ihre Meinung dazu und kann es ähnliche Anklagen gegen Sie geben?

Im Moment nicht, weil ich die Grenzen der Illegalität nicht überschritten habe. Einige Bürger des Βriançonnais wurden bereits verhört. Philippe Court, der ehemalige Präfekt der Hautes-Alpes, betrachtete Menschen, die Flüchtlingen geholfen haben, deren Leben in Gefahr war, als Menschenhändler - trotz der Tatsache, dass sie keinen finanziellen Gewinn hatten und sie nicht geholfen haben, die Grenze zu überqueren.

Was mich angeht, wenn sich der Fall ergibt, und wenn ich ungehorsam sein muss, um dem höheren Prinzip des Humanismus zu folgen, der mich leitet, dann werde ich keine Sekunde zögern, es zu tun. Als Bergmann ist für es mich undenkbar, einen Bekannten oder Unbekannten, Einheimischen oder Ausländer, eine Person mit oder ohne Papiere, weiss oder nicht, in einer Notsituation oder in Gefahr zu verlassen. Dies ist tiefsitzend und ein Gefühl, das wir mit unseren Freunden, den Seeleuten teilen.

Im Gegensatz zum Rest des Landes sind der Berg und das Meer die letzten Orte, die weitgehend intakt geblieben sind. Sie sind die letzten Orte, an denen alle unsere Handlungen an die natürlichen Bedingungen angepasst sind.

Dies schafft reale Werte, praktische Werte, die nicht auf oberflächliche Politiken reduziert werden können. Teilen, gegenseitige Hilfe, Solidarität sind solche Werte. Wir wenden sie jeden Tag an. Was völlig absurd ist, ist, dass wir, um auf diese einfachen menschlichen Werte zu dienen, mit den Grenzen der Legitimität spielen müssen.

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