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Szenenbilder aus "Manhunt:Unabomber"

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Serie

Hier spricht die Sprachpolizei

Die Serie „Manhunt:Unabomber“ erzählt davon, was Sprache über uns verrät und wie schließlich Sprache essentiell bei der Ergreifung des Unabombers war, der 18 Jahre lang Briefbomben in den USA verschickt hat, wobei drei Menschen ums Leben gekommen sind.

Von Pia Reiser

In einsamen Hütten im Wald, das lernen wir schon als Kinder aus Märchen, da wohnen selten die Guten. Dieses fast archaische Element der selbsterwählten Einsamkeit im dunklen Wald, das weiß „Manhunt: Unabomber“ erzählerisch wie visuell zu nutzen. Schon in der kurzen Titelsequenz ist diese Holzhütte zu finden, irgendwann wird die Polizei in dieser Hütte Ted Kaczynski, den Unabomber, finden und verhaften - und entgegen aller anfänglichen Erwartungshaltungen ist das dann nicht nur ein Moment des Triumphs. Denn das vielleicht bemerkenswerteste an der Serie ist die leise Empathie, die sie dem zauselbärtigen Kaczynski entgegenbringt.

„Odyssey of a mad Genius“ titelt das „Time Magazine“ im April 1996, nach Kaczynskis Verhaftung. Am Cover sind zwei Fotos, groß Kaczynski bei seiner Verhaftung mit wirren Haaren, einem kleinen Grinsen im Gesicht, den Blick in die Kamera gerichtet. Klein daneben ein klassisches Porträtfoto, wohl aus den 1960er Jahren. Ted Kaczynski mit strengem Scheitel, Hemd, Krawatte, Anzug. Wie der hochintelligente Kaczinsky, das Mathematik-Genie, der Harvard-Student, zum Unabomber wurde, wie sich langsam mad vor Genius geschoben hat, auch davon erzählt „Manhunt: Unabomber“.

Szenenbilder aus "Manhunt:Unabomber"

Netflix

Sam Worthington als FBI-Agent James R. Fitzgerald

Aber keine Sorge, „Manhunt: Unabomber“ ist nicht nur ein Täterprofil in einer Farbpalette, die wohl auch David Fincher enthusiastisch abgenickt hätte. Die acht-teilige Serie konstruiert in verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringend einen Spannungsbogen, wie es denn zur Identifizierung und Verhaftung des Mannes gekommen ist, der als Unabomber 16 Jahre lang ein gefürchtetes Phantom in den USA war.

Die Serie setzt 1995 ein, da hat man beim FBI bereits abteilungsübergreifend schwitzige Handflächen, weil man seit 1978, seit der ersten Briefbombe des Unabombers, im Dunklen tappt. Auch für die Zuseher ist der Terrorist zunächst ein Phantom, wir hören seine Stimme aus dem Off, die die Menschheit als sleepwalking sheep und mindless automatons bezeichnet. Wir haben uns zu Sklaven der Technologie entwickelt und unsere Freiheit verloren.

Erst gegen Ende der zweiten Episode bekommen wir den Mann zu sehen, von dem diese Worte stammen, die problemlos auch als Off-Text in eine Großstadt-Dystopie passen würden. Da sitzt dann Paul Bettany, quasi verschwunden in der Rolle als Ted Kaczynski mit schneidend spitzen Wangenknochen und ihm gegenüber Sam Worthington als FBI-Agent James R. Fitzgerald.

Szenenbilder aus "Manhunt:Unabomber"

Netflix

Bei all dem leisen Versuch der Empathie gegenüber Kaczynski, die Identifikationsfigur fürs Publikum ist natürlich nicht der hochintelligente Bombenbauer, sondern ein Mann auf der anderen Seite des Gesetzes. Fitzgerald findet 1995 sprachliche Eigenheiten in den Briefen und im sogenannten „Manifest“ des Unabombers. Über forensische Linguistik, die Sprachanalyse und dass man damit einen Terroristen überführen könnte, darüber lachen die grauschläfrigen Herren mit Bauchansatz in den FBI-Chefetagen. Chris Noth, Jeremy Bobb und Ben Weber spielen hier großartig ein Triumvirat der zunächst blinden Ignoranz, schicken Fitzgerald mit seinen Ideen immer wieder weg, wollen nicht glauben, dass das Täterprofil, das seit 1978 den Ermittlungen zu Grunde liegt, ein falsches ist. Man hat nach einem blue collar Flugzeugmechaniker gesucht, doch die Sprache des Unabombers lässt Fitzgerald andere Schlüsse ziehen. Wie es „Manhunt: Unabomber“ gelingt, die Bedeutung von Sprache und was die Sprache, die wir verwenden, über uns verrät, in ein klassisches Krimi-Umfeld einzubetten, ist grandios.

Szenenbilder aus "Manhunt:Unabomber"

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Da steht dann Fitzgerald in einem Moment, in dem seine Kollegen über ihn lachen, weil er wudder statt water gesagt hat. „When I say wudder, you learn everything about me, one tiny word, one tiny mistake, and you can tell I’m from Philly, blue-collar, local school, fan of Dave Schultz.” Nach so einem wudder beginnt er im Manifest des Unabomber zu suchen. Mit zwei Kollegen, einer Box von Leuchtmarkern und Flipcharts. Es ist schließlich 1995. Und Fitzgerald findet nicht nur jede Menge Eigenheiten, sondern auch Gedanken des Unabombers, an die er anknüpfen kann.

„Manhunt:Unabomber“ ist auf Netflix zu finden

Die Serie zeichnet vorsichtig Parallelen zwischen dem Bundesagenten und dem Bombenbauer und hat einen ihrer visuell umwerfendsten Momente, wenn Fitzgerald nachts mit seinem Auto an einer roten Ampel stehen bleibt, auf einer menschenleeren Straße, und an die Worte des Unabombers denken muss, dass wir alle gehorchen. In den wenigen Szenen, in denen Fitzgerald und Kaczynski sich im Gefängnis gegenübersitzen, erläutert Kaczinsky ihre Gemeinsamkeiten: we both don’t take language for granted. Das gilt nicht so ganz für die Drehbuchautoren, die Dialoge sind jetzt nicht immer feingeschnitzte Kunstwerke der Konversation, doch wo der Dialog humpelt, weiß die Dramaturgie zu tanzen und zieht einen als spannendes Protokoll der Odyssee des wahnsinnigen Genies in den Bann.

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