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Zigarette mit Rauch im Dunkeln

CC0 Creative Commons / Pixabay

Nell Zink lädt in ihrem neuen Roman in ein besetztes Haus

„Ich war das, was man heute verhaltensauffällig nennt“, sagt die US-Amerikanerin Nell Zink in einem Interview mit dem Zeit Magazin. Verhaltensauffällig könnte man auch so manchen Protagonisten in ihrem neuen Roman „Nikotin“ nennen: Da erbt eine junge Frau ein Haus, in dem sich eine illustre Runde eigenwilliger Personen breitgemacht hat.

Von Maria Motter

Mit Romanen verhält es sich wie mit WG-Besuchen: Es muss nicht unbedingt die Zuneigung sein, die einen verweilen lässt. Jetzt lädt die Autorin Nell Zink dazu ein, sich in einem Haus umzusehen, in dem unterschiedliche Welten und Weltanschauungen aufeinandertreffen. Die Charaktere, die Nell Zink in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Roman „Nikotin“ versammelt, bergen eingangs alle das Potential, das System oder auch nur die nächste Sammlung besorgter Bürger zu sprengen. Doch mehr als an Haltungen sind viele von ihnen an Stellungen interessiert, Sex steht höher im Kurs als Ideologien. Nell Zink führt in die Hausbesetzerszene in Jersey City nahe New York.

Schludrig und sexy seien Nell Zinks Romane, merken amerikanische Kritiker an. Dabei ist es das Talent der Autorin, mit intensiven Beschreibungen selbst kleine zwischenmenschliche Interaktionen spannend und aufregend zu gestalten - genau so, wie diese sich eben für eine 23-Jährige anfühlen, die aus ihrer New Yorker Familienwelt in die HausbesetzerInnen-Szene eintaucht. Im Zentrum der Geschichte steht Penny, die allein aufgrund ihrer Familiengeschichte gut für das WG-Leben unter AktivistInnen gerüstet sein müsste.

Pennys Mutter ist eine Indigene, Angehörige der Kogi, ihr Vater agiert als Schamane, ein Halbbruder hat sich auf eine Insel abgesetzt, der andere ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nach dem Tod des von Penny geliebten Vaters erfährt sie von einer weiteren Immobilie in seinem Besitz. So, wie Pennys Familiengeschichte verwirrend erscheint – einen als LeserIn aber erst einmal nicht weiter tangiert –, so birgt auch das Gebäude ein Geheimnis. Es ist ein – pardon, umgangssprachliches – „Scheißhaus“. Ein einstiger Bewohner hat Unschönes hinterlassen, das sicherstellt, dass so schnell kein Hausbesitzer mehr einziehen will.

Eine Realistin blickt auf irre Verhältnisse

Nell Zink Portrait

Fred Filkorn

Nell Zink

Ja, all das hat irre Dimensionen. Aber Nell Zink muss nichts übertreiben, um zu unterhalten. Dieser Roman könnte als Spiegel, als Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft angelegt sein. Doch daran scheint die Autorin weit weniger interessiert als an dem Strudeln ihrer ProtagonistInnen und an guter Unterhaltung. Die Charaktere, die sie im besetzten Haus versammelt, sind hervorragend konstruiert. Ihren Aktivismus basteln sie sich nach ihren eigenen Bedürfnissen zurecht, die Eigenwilligkeit hat eine betörende Wirkung.

“Eine Wirklichkeit, so wandelbar wie Rauch.“

Wie Penny ist man auch als LeserIn schnell fasziniert von diesen Figuren, die zusammenfanden, weil in allen anderen Aktivisten-WGs striktes Rauchverbot herrscht. Das ist nur einer der Treppenwitze in der Geschichte, die viel von einer guten Serie hat: Man will, man muss diesen Roman binge-lesen. Gerade, weil sich der Text nicht anbiedert und nichts, absolut nichts, von einem will.

Nell Zink hat keine Mission, sie will niemandem zur Moussaka überreden und als sie ihre kleine Aktivistenbande losschickt, um gegen TTIP zu protestieren – “‘TTIP – Horrortrip‘, schlägt Penny vor“, –, verhandeln die lieber die sexuelle Ökonomie oder was darunter zu verstehen wäre. Schließlich ist es nicht allein das Begehren und Verteidigen des Gebäudeobjekts, das Penny, ihr vielbeschäftigter Halbbruder und ihre Mutter mit den HausbesetzerInnen Rob, Tony, Anka, Sorry und Jazz teilen. „Anka sagt zu Jazz: ’Sexualität ist Privatsache. Aber bei Dingen, die das Haus betreffen, brauchen wir Offenheit.“

Schnellschreiberin

Drei Wochen hat Nell Zink an ihrem Debütroman „Der Mauerläufer“ geschrieben. Binnen drei Wochen soll sie auch ihren zweiten Roman fertiggestellt haben. Vielleicht liegt das daran, dass die gebürtige Amerikanerin erst mit 52 mit dem Schreiben begonnen hat. Ermuntert hat sie dazu Jonathan Franzen. Zink hatte sich schriftlich bei ihm beschwert, dass er bei seiner erschütternden Reportage über die Jagd auf Singvögel, die der Fotograf David Guttenfelder begleitete, auf den Balkan vergessen habe. Franzen antwortete, eine Korrespondenz entwickelte sich. Bis dahin hatte Zink nur für sich und ihren Freund geschrieben.

Buchcover "Nikotin" von Nell Zink

Rowohlt Verlag

Nell Zink: Nikotin. übersetzt von Michael Kellner. Rowohlt Verlag. 400 S.

Mit jeder Veröffentlichung und Übersetzung ist mehr über Nell Zink zu erfahren. Seit einigen Jahren lebt sie im deutschen Bad Belzig in einer kleinen Wohnung. Die Freiheit, jetzt schreiben zu können, will sie sich sichern, ein Umzug auf mehr Quadratmeter ist noch nicht geplant.

Ihr jetzt auf Deutsch erschienener Roman „Nikotin“ verliert im letzten Drittel auch ein wenig den Plan. Aber das macht nichts, denn bis dahin hat Nell Zink einen sehr schön unterhalten. Fulminante Passagen finden sich in „Nikotin“, zum Beispiel, wie sich Kollegen und Freunde, Old-School-Hippies und selbsternannte Sixties-Jünger von ihrem Schamanen, Pennys Vater, mit Tänzen und Totenklagen verabschieden. Daraufhin erlaubt sich die Autorin einen schönen Seitenhieb:

„Der Kult ist ein Hort von Wirklichkeitsästheten. Ein Kult der Persönlichkeit für diejenigen, die Persönlichkeit kultivieren. Die vom Leben nichts als Selbstverwirklichung erwarten, aber sich auch nicht mit weniger zufriedengeben. Sich für die Selbstverwirklichung anderer starkmachen, wenn ihre eigene ins Stocken gerät.“

Weil sich Nell Zinks Romane sehr schnell lesen, hier noch ein Tipp: Ein weiterer Roman von ihr, „Knochenbrecher“, ist ebenso in deutscher Übersetzung, allerdings nur als E-Book erschienen.

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