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Roberto Saviano im Jahr 2010

AFP PHOTO / CHRISTOPHE SIMON CHRISTOPHE SIMON / AFP

Sie wollen die Mafia beerben

Seine investigatigen Reportagen über die italienische Mafia waren Bestseller. Jetzt hat Roberto Saviano kein Sachbuch, sondern den exzellenten Roman „Der Clan der Kinder“ geschrieben. An Schockmomenten mangelt es nicht.

Von Maria Motter

Seit zehn Jahren lebt Roberto Saviano unter Polizeischutz und im Exil. Denn in seinem ersten Buch „Gomorrha - Reise in das Reich der Comorra“ berichtete der italienische Journalist detailliert über die neapolitanische Mafia. Die so beeindruckende wie bedrückende Reportage wurde ein Bestseller - auf den Morddrohungen gegen Roberto Saviano folgten.

„Dieses Buch hat mein Leben zerstört. Es ist wichtig zu berichten, keine Angst zu haben, sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen; Aber genauso wichtig ist es, seine Straße zum Glück zu verteidigen“, sagt Saviano 2013 zur deutschen Tageszeitung Die Welt. Er wechsle alle zwei Tage seinen Aufenthaltsort, fünf Leibwächter beschützten ihn, er schliefe in Polizeikasernen, liest man. Indes wird die Mafia-Reportage fürs Kino verfilmt und als TV-Serie adaptiert.

Doch die Themen Wirtschaftskriminalität und Gewalt lässt der 1979 in Neapel geborene Saviano nicht hinter sich. Vor kurzem ist sein Debütroman „Der Clan der Kinder“ erschienen. Erstmals erzählt er eine fiktive Geschichte. Doch auch ein konkreter, realer Fall hat ihn inspiriert: Ein Bursche, der mit 19 Jahren ermordet wurde, der den Drogenhandel kontrollierte und bereits untergetaucht war. Saviano hat recherchiert, Ermittlungsakten gelesen.

Die Abwesenheit der Famiglia

Erneut ist der Schauplatz Neapel. Der packende Roman „Der Clan der Kinder“ spielt in der Gegenwart und vermittelt eindringlich von Entwicklungen und Zuständen, die in Zeitungen gelesen oft unvorstellbar klingen. Sogenannte „Baby-Gangs“ haben sich gebildet, „Junge Mörder ohne Padrone“, denn der italienischen Polizei sind Fahndungen und Verhaftungen gewichtiger Mafia-Köpfe geglückt. Die alte Struktur der Macht und Gewalt bricht ein.

Die Protagonisten in „Der Clan der Kinder“ treten auf die Piazza und gleich zu Beginn treten sie auf einen Gleichaltrigen ein und demütigen ihn. Widerwärtig und grässlich ist dieser erste Gewaltakt. Darstellungen von Gewalt in der Literatur sind spezielle Herausforderungen, sie können pervers oder gar kitischig geraten, Roberto Saviano gelingen sie, wie die vielen direkten Reden seiner jugendlichen Protagonisten. Bis zur letzten Seite lebt diese Geschichte geradezu, so geschickt verschlingt der Autor die Handlung mit Metaphern und bildreichen Beschreibungen.

Buchcover von Roberto Savianos "Clan der Kinder"

Hanser Verlag

„Der Clan der Kinder“ von Roberto Saviano ist 2017 bei Hanser erschienen, Annette Kopetzki hat den Roman aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt.

Das Überraschende ist: Diese Jugendlichen, die Mafiosi imitieren, sich Gesten aus Spielfilmen aneignen und Pistolen, bald Pump-Guns am Schwarzmarkt organisieren, kommen aus gut behüteten Bürgerfamilien, aus der Mittelschicht. An vielen Ecken gibt es die liebenswerte, gute Seite der Gesellschaft in der Geschichte, den geregelten Alltag und die Normalität. „Die Häuser kleben aneinander, die Balkone küssen sich in Forcella wirklich. Sogar leidenschaftlich. Auch wenn dazwischen eine Straße verläuft. Und wenn es nicht die Wäscheleinen sind, die sie verbinden, sind es die Stimmen, die sich die Hände schütteln, einander zurufen, dass dort unten kein Asphalt liegt, sondern ein von unsichtbaren Brücken überquerter Fluss.“

Schockmomente

Im Zentrum der Geschichte steht allerdings Nicolas, zwischen seinem 15. und 18. Lebensjahr spielt die Handlung. Was mit dem Burschen vorgeht und vor allem wie er vorgeht, legt Saviano auf 400 packenden Seiten dar. Es ist eine gewissenhafte Observation.

Nicolas’ Papa ist Sportslehrer, die Mama hat eine kleine Putzerei, aber Nicolas zitiert Macchiavelli, will teure Sneakers und ein anderes Leben. Bald verchecken der Teenager und seine Freunde Drogen für einen gewissen Copacabana. Aber die „Famiglia“, jene Familie, mit der die Mafia gemeint ist, stellt sich als Sackgasse heraus: Zwar folgen die Jugendlichen Copacabana wie „hungrige Welpen ihrer Mutter“, aber der hat genug Probleme am Hals. Also müssen sich die jugendlichen Freunde neue, eigene Einkommensquellen aufreißen.

Blitzartig wirken die Brutalität und Gewalt im Roman, unberechenbar und vielfach nicht vorhersehbar rauben und morden die Protagonisten - oder sie werden die Opfer. Grotesk hässlich und willkürlich sind etliche ihrer Aktionen, sie zielen auf Migranten, sie feuern auf Delfine und terrorisieren junge Mütter. „Die Baby-Paranza strömte auf den Spielplatz und fing an, ein großes Durcheinander zu veranstalten. Sie hoben die Kleinsten aus den Schaukeln, stießen andere zu Boden, sie erschreckten die Kinder und brachten sie zum Weinen.“

Sie terrorisieren die Stadt

Wenn die Raubüberfälle eskalieren und die anderen Freunde abhauen wollen, ist es Nicolas, der Angegriffene noch aggressiver bedroht. Man kommt nicht in die Versuchung, diesen Charakter erfassen zu wollen; ganz so, als hielten einen all die Schockmomente von einem ohnehin unzulänglichen Psychologisierungsversuch ab. Da muss die Erinnerung seiner Mutter an einen Vorfall im Kleinkindalter Nicolas’ reichen, als sie Zeugen einer Exekution auf offener Straße werden. „Auf der leicht geneigten Straße fließt das Blut jetzt in Bächen. Mena kann den Jungen nur entfernen, indem sie ihn schubst und stößt, diese angstlose Neugierde, dieses Spiel kann sie ihm nicht nehmen.“ Das Kind Nicolas wollte den Toten sehen.

Roberto Savianos „Debütroman“ ist Kopfkino. Die Geschichte ist verstörend, ihre Erzählung ist es nicht.

„Christian fuhr auf das Denkmal zu, im Gesicht ein schönes Lächeln, das ihn kleiner machte, ihn ganz ausfüllte, als würden ihm von dem Schauspiel, das er gesehen hatte, immer noch die Augen übergehen. Dann hatte er wohl das unbestimmte Gefühl, etwas anderes in sich zu spüren, einen Seevogel, der sich in seinen Rücken gebohrt hatte und nun aus seiner Brust herauskommen wollte. Doch das Gefühl nahm keine Form an, sein Körper stürzte zu Boden“, heißt es an einer Stelle. Die „Baby-Paranza", wie der Clan der Kinder genannt wird und Bezug nimmt auf ein Boot, das Fische mit Licht in die Falle lockt“, kommt am Abgrund an.

„Der Clan der Kinder“ empfiehlt sich auch vor oder nach der Lektüre von Elena Ferrantes gestern in der deutschen Übersetzung erschienenen vierten und damit letzten Band ihres Bestseller-Romanzyklus. Die Serie erzählt von zwei Freundinnen und von Neapel. Der Name Elena Ferrante ist ein Pseudonym und erst vor wenigen Tagen wurde spekuliert, ob die Autorin aus Angst vor der Mafia anonym bliebe. Aber das ist eine andere Geschichte.

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